Gaycken, Sandro

„Internet – eher ein Problem für die Demokratie“


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Dr. Sandro Gaycken, Technik- und Sicherheitsforscher an der Freien Universität Berlin, Philosoph
(Quelle: radioeins-Medienmagazin, 15.10.2011)

Die Geschichte des Computers ist eng verbunden mit der Geschichte der Spionage. Maschinentheorie und Turing, war Bletchley Park, da war Turing beschäftigt. Und das war eine Institution der militärischen Nachrichtendienste. Da ging es um Codeknacken usw. und das ist natürlich eine Parallelgeschichte sozusagen der Spionage, die immer die Entwicklung des Computers begleitet hat und jetzt natürlich umso mehr.

Das meiste, was die Nachrichtendienste im Moment an Wissen herausziehen, ist schon ganz einfach OSINT, Open Source Intelligence. Also, man guckt einfach ganz normal alles im Netz, was so verfügbar ist, weil ja auch die Leute alle so wild sind, alles Mögliche rein stellen und wertet das dann aus. Es reicht meistens schon, um ziemlich detaillierte taktische-strategische Analysen zu machen. Aber wenn es nicht reicht, sind die Nachrichtendienste natürlich bei allen voran auch in der Lage da einzubrechen, dann zu infiltrieren und entsprechende Sachen zu machen. Oder sollten in der Lage sein, man weiß nicht, ob sie die Kapazitäten haben oder nicht. Das ist natürlich auch ihre Aufgabe. Da sehe ich aber auch kein Problem. Das soll die machen und das ist deren Ding. Wir haben uns ja als Staat, als demokratischer Rechtsstaat darauf geeinigt, dass wir das haben wollen und brauchen. Von daher müssen wir daran nicht meckern, dass sie nur ihren Job machen, den wir ihnen gegeben haben.

Was natürlich viel problematischer ist, sind diese Bereiche information operations, die dann halt entweder von Nachrichtendiensten, Abteilungen in Nachrichtendiensten oder von dezidierten, militärischen Abteilungen unternommen werden. Denn da geht es ganz klar und knallhart, um die massenhafte, teilweise perfide, teilweise recht krude Manipulation von politischem Wissen und Meinungen. Und für diese Einheiten ist natürlich das Netz absolut gefundenes Fressen, wo man da also dann so tun kann, als wäre man ein Terrorist, wo man so tun kann, als wäre man ein linker Aktivist oder ein grüner Aktivist oder was auch immer, in allen Foren mitschreiben kann, in allen Blogs mitschreiben kann, Webseiten betreiben kann, Webmagazine betreiben kann, so tun kann, als wäre man ein wissenschaftliches Institut und Studien raushauen kann usw. Also, das nutzen die noch und nöcher.

Da werden natürlich die Mechanismen der Demokratie sehr nachhaltig und sehr, sehr tiefgründig untergraben. Gerade, wenn wir dann sagen, dass das Internet ein wichtiges Medium für unsere politische Meinung geworden ist. Wir wissen nicht, wieviel im Internet einfach von feindlichen Diensten geschrieben wird, weil die uns gerne amerikafreundlich oder chinafreundlich oder sonstwas wie freundlich machen wollen oder vielleicht auch feindlich gegen irgendetwas anderes. Das ist einfach in keiner Weise integer. Und da, an der Stelle funktioniert dann Demokratie auch gar nicht mehr. Für mich ist die Nutzung des Internets eher ein Problem für die Demokratie, als eine neue Option oder ein zusätzlicher, besserer Kanal für Demokratie und zwar gerade, weil es nicht kontrolliert ist.

(…)

Vgl.:
* Dr. Sandro Gaycken, FU Berlin

(Fotos: ©Jörg Wagner)

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