Bellut, Thomas

„… diesen Vorschlag mal ganz schnell vom Tisch zu nehmen.“

Dr. Thomas Bellut
Dr. Thomas Bellut


Download (verlinkte Audio-Quelle: rbb, radioeins)

Was: Interview zum Jugendkanal und zur Netzneutralität
Wer:
* Dr. Thomas Bellut, ZDF-Intendant
* Werner Lange, freier Medienjournalist
Wo: Mainz, Lerchenberg, ZDF-Gelände
Wann: 24.05.2013; veröffentlich im rbb-Medienmagazin vom 25.05.2013 (radioeins), in leicht gekürzter Fassung im Inforadio 26.05.2013

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00:00
Werner Lange: Herr Dr. Bellut, die ARD-Intendanten haben vorgeschlagen, in Zukunft die Digitalkanäle von ARD und ZDF zusammenzulegen. Sie reagierten auf dieses Angebot eher skeptisch. Nun hat der ZDF-Fernsehrat, Ihr Programm-Aufsichtsgremium, sich Ihrer Skepsis angeschlossen. Ist damit Ihrer Meinung nach diese ARD-Initiative tot?

00:20
Thomas Bellut: Ich glaube schon. Weil das keine wirkliche Initiative ist. Das ist im Grunde der Versuch, die eigene Entscheidungsunfähigkeit zu verlagern, indem man ein Scheinangebot macht. Es würde überhaupt keine Ersparnis für die Gebührenzahler bedeuten, wenn wir denn ein solches Modell machen würden. Wir würden unsere Versuchsplattform verlieren. Damit auch die Innovationskraft für das Hauptprogramm deutlich schwächen. Das kann nicht im Sinne der Gebührenzahler sein. Ich empfehle der ARD, einfach diesen Vorschlag mal ganz schnell vom Tisch zu nehmen und dann bin ich für jedes Gespräch zu haben, um unsere ansonsten doch sehr gute Zusammenarbeit auch weiter zu fördern.

00:56
Werner Lange: Was erwarten Sie jetzt von Lutz Marmor, dass er Sie wie beim letzten Mal anruft und sagt, wir nehmen diesen Vorschlag zurück? Oder wie geht das denn? Die Politik wartet ja eigentlich immer noch auf eine Antwort.

01:06
Thomas Bellut: Na gut, der Politik haben wir, das ZDF, ja eine Antwort gegeben. Wir geben freiwillig einen Kanal auf, wenn die Politik einverstanden ist, damit wir sinnvoller mit unserem Geld umgehen können. Die ARD verfügt über zwölf Kanäle. Zwölf Kanäle! Und ist nicht in der Lage auch nur einen einzigen zur Disposition zu stellen, weil dann immer die Eifersüchteleien zwischen den einzelnen Landesrundfunkanstalten da sind. Das kann doch nicht Basis von rationaler Rundfunkpolitik sein. Nein. Wir arbeiten sehr gut zusammen bei Sportereignissen und anderen. Das belegen wir ja auch in einem großen Papier an die Bundesländer. Und das ist doch der richtige Weg. Was soll das? Sich eine halbe Stunde, bevor es an die Presse geht, mir ein solches Konzept auf den Tisch zu legen, das eindeutig zulasten des ZDF, der erfolgreichen ZDF-Gruppe geht. Das finde ich nicht in Ordnung.

01:52
Werner Lange: Für eine Zusammenarbeit beim gewünschten Jugendkanal bleibt das ZDF aber weiter gesprächsbereit, allerdings sieht es so aus, dass die Vorstellungen von ARD und ZDF weit auseinander liegen. Die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Karola Wille, möchte beispielsweise spätestens 2015 auf Sendung gehen.

Thomas Bellut: Das finde ich bewundernswert. Ich weiß nur nicht wie ich vom ZDF einen solchen Kanal finanzieren kann. Wir haben acht Jahre Gebührenstabilität. Das heißt null Wachstum. Das heißt bei Steigerungsraten: Einsparung. Und deshalb brauche ich auch den Kulturkanal, die Abschaltung, weil es Geld zum Einsparen bringt. Das gleicht meine Etatlücken aus. Die ARD scheint andere Möglichkeiten zu haben, als das ZDF. Das nehme ich bewundernd zur Kenntnis und ich würde die ARD nie davon abhalten, dort auch aktiv zu werden. Ich biete aber an, nach klarer Berechnung, nach Gesprächen mit den Bundesländern, die sagen ja, das ist in Ordnung, wären wir bereit unter den Bedingungen und der Zustimmung meiner Gremien natürlich, uns daran zu beteiligen. Aber ein Abenteuer, einfach hoppla-hopp da reinspringen in den Jugendkanal, wo man nicht einmal genau weiß, was der erreichen soll, das kann ich nicht rechtfertigen.

03:00
Werner Lange: Wenn Sie eine Zeitachse aufstellen sollten, dürften, müssten, wie würden Sie die nächsten Jahre beurteilen? Als eine Zeit, wo man erst einmal die Gesprächsgrundlage findet oder geht es tatsächlich schon um Vorstellungen?

03:14
Thomas Bellut: Also, ich bin bereit natürlich über ein Konzept zu reden. Wir haben nur einen kleinen, groben Entwurf des SWR gesehen, der uns nicht ausreichend erscheint. Darüber kann man jetzt schon reden. Nur solange die Einnahmesituation nach der Umstellung zur Haushaltsabgabe noch überhaupt nicht geklärt ist, das wird ja Anfang nächsten Jahres sein, bin ich nicht so kühn zu sagen, wie wir verplanen jetzt schon Geld, das wir gar nicht haben. Also, solange sollte man auf jeden Fall warten und ich sage noch einmal, die Bundesländer müssen diesem Projekt ja zustimmen. Ansonsten bin ich ja nicht in der Lage, Personal und Geld da raufzusetzen. Dann würde zu Recht die KEF sagen, was macht Ihr denn jetzt schon wieder? Ihr habt gerade Personal abgebaut, jetzt holt Ihr Euch wieder neues Personal für einen Kanal in das ZDF, der überhaupt noch nicht genehmigt ist. Nein, das kann ich auf keinen Fall machen.

04:02
Werner Lange: Noch eine Frage zur Netzneutralität. ARD und ZDF haben dort ein Positionspapier entwickelt. Aus dem Jahre 2011 kommt das. Beim ZDF gibt es dieses Papier mit dem Datum März 2013. Woher kommt diese Diskrepanz bei den Daten?

04:17
Thomas Bellut: Das weiß ich jetzt auch nicht. Das ist aber keine Absicht. Wir sind uns in dem Punkt völlig einig. Es ist ja eine ständige, sagen wir mal, Angleichung an die aktuellen Verhältnisse erforderlich. Der technische Fortschritt ist rasant. Wenn Sie jetzt zum Beispiel den Vorschlag der Telekom sehen, für einen Teil der Nutzer die Gebühren im Internet zu erhöhen, das hat ja Auswirkungen auf die Mediatheken zum Beispiel von ARD und ZDF, also auch das gilt es zu bedenken. Es ist eine Momentaufnahme. Das Datum ist aus irgendeinem Grunde entstanden. Es ist eine Momentaufnahme, die die aktuellen Probleme, wie ich finde, gut auf den Tisch bringt. Es geht doch im Grunde darum, dass wir einfach wollen, dass unsere Inhalte weiterhin beim Endverbraucher ankommen. Nichts anderes. Und dass es da eine Gerechtigkeit gibt. Also, eine Neutralität bei der Übertragung dieser Botschaft.

05:02
Werner Lange: Wie müsste denn der Gesetzgeber vorgehen?

Thomas Bellut: Na, der Gesetzgeber müsste sich erst einmal darum kümmern. Das wäre ganz wichtig. Es gibt schon ein Grundinteresse in Berlin und auch in den Bundesländern, auch in Brüssel, und das muss man in mühsamer Kleinarbeit, gebe ich zu, es wird nie einfach sein, diesen Weg muss man weitergehen mit dem Ziel eben, dass die Vielfalt im Medienbereich erhalten bleibt.

05:23
Werner Lange: Kultur-Flatrate oder hat das ZDF einen Eckpunkt, auf den man bestehen muss?

05:29
Thomas Bellut: Nein, mir ging es eher darum, um einen Konsens, auch mit den Unternehmen, den großen Unternehmen, die unsere Signale verbreiten, dass das ohne Behinderung getan wird, ja? Und dann muss man über die einzelnen Konditionen sprechen.

Werner Lange: O.k. Vielen Dank.

(wörtliches Transkript)

(© Foto: Jörg Wagner)


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