BILD Digital klagt gegen FOCUS ONLINE

Julian Reichelt | © Foto: Jörg Wagner
Julian Reichelt | © Foto: Jörg Wagner

FOCUS ONLINE (FOCUS Online Group GmbH/Burda) veröffentliche systematisch Inhalte mit Werbung kombiniert, die im Netz bei BILD+ selbst recherchiert hinter einer Paywall kostenpflichtig angeboten würden. So der Vorwurf von BILD Digital (Axel Springer SE). Nach Sammlung umfangreicher Beweise sucht Springer jetzt den Rechtsweg.

Wer: Julian Reichelt, Chefredakteur BILD Digital
Was: Interview zur Klage gegen FOCUS ONLINE
Wo: Berlin, Redaktionsgebäude, Axel-Springer-Straße 65
Wann: rec.: 18.01.2017, ca. 17:55 Uhr; veröffentlicht mit einzelnen Aussagen:
* „Töne, Texte, Bilder“, WDR 5, 21.01.2017, 12:05 Uhr
* rbb-Medienmagazin, radioeins, 21.01.2017, 18:05 Uhr | Inforadio, 22.01.2017, 10:44/15:24 Uhr

Erwünschte Übernahme:


(wörtliches Transkript)

00:00
Julian Reichelt: Mein Name ist Julian Reichelt. Und ich bin Chefredakteur BILD Digital.

00:03
Jörg Wagner: Wenn Sie das Geschäftsmodell von FOCUS ONLINE beschreiben würden, was fällt Ihnen als erstes ein? Ganz charakteristisch, was machen die?

00:11
Julian Reichelt: Werbevermarktung von Reichweite ist das Geschäftsmodell von FOCUS ONLINE, was als solches völlig legitim ist, allerdings nur dann, wenn das mit eigenen selbst produzierten Inhalten geschieht und das ist etwas, was FOCUS ONLINE nicht macht.

00:25
Jörg Wagner: Sie sind ja selbst eine Digital-Verlängerung, sage ich mal, einer Printmarke. Genauso wie die Kollegen von FOCUS ONLINE, aber warum schreiben die nicht bei sich selbst ab? Was vermuten Sie?

00:35
Julian Reichelt: Also ersteinmal, ist das natürlich unsere Geschichte, dass wir die Digital-Verlängerung einer Printmarke sind, aber ich würde sagen, dass wir darüber längst hinaus gewachsen sind. Wir sind eine Medienmarke, die bekannteste Medienmarke in Deutschland und eine der bekanntesten tatsächlich der Welt und wir finden auf diversen Plattformen statt und wir versuchen all diese Plattform so gut wie möglich mit unseren Inhalten zu bespielen. So sehen wir uns. Das ist extrem aufwändig. Das verlangt extrem viele Inhalte, die auf diese Plattform auch zugeschnitten sind. Dafür braucht man viele Leute, viele gute Leute, die diese Inhalte recherchieren, aufbereiten. Und das ist etwas, was FOCUS ONLINE weder in der Online-Redaktion, noch in der Magazin-Redaktion mit ähnlicher oder vergleichbarer Manpower leisten kann. Deswegen hat FOCUS ONLINE, weil sie weniger Reporter haben und meiner Meinung nach auch längst nicht so gute Reporter, weniger gute Geschichten. Und darüber helfen sie sich selber hinweg, indem sie einfach die Geschichten unserer Reporter nehmen.

01:30
Jörg Wagner: Nun stehen Sie ja im Widerspruch zu einer eigentlichen Statistik, die ihr immer wieder geführt wird: der meistzitierte zu sein, das meistzitierte Medium. Da gibt es so ein Ranking. Darauf sind Sie auch stolz, die Nummer eins zu sein, auch auf Facebook zum Beispiel. In dieser Woche, als Sie nun Klage eingereicht haben, wurde ja auch das Kai-Diekmann-Interview mit Donald Trump massiv auch in anderen Blättern nachgedruckt, nacherzählt. Wie gehen Sie denn mit diesem Widerspruch um: einerseits natürlich zitiert werden zu wollen, aber dann andererseits anderen verbieten zu wollen, Inhalte nach zu nutzen?

01:54
Julian Reichelt: Wie gehen damit um, indem wir erst einmal da überhaupt keinen Widerspruch sehen. Natürlich sind extrem stolz darauf, das meistzitierte Medium in Deutschland zu sein. Auch dafür arbeiten sehr viele Leute sehr hart, meistens im Bereich Politik, teilweisem Bereich Sport, aber der Großteil dieser Zitate geht auf die Politik zurück. Deswegen haben bei dieser Klage ausdrücklich, dass was wir selber als Nachrichtenversorgung, als Nachrichten-Grundversorgung empfinden, völlig ausgenommen. Wir haben auch in dieser Klage nichts eingebunden oder berücksichtigt, was wir zum Beispiel selber an die Agenturen gegeben haben, weil etwas an die Agenturen zu geben, besagt ganz klar: bitte übernehmt das liebe Kollegen. Wir sind daran interessiert, dass unsere Inhalte, nachrichtliche Inhalte übernommen werden, wir sind stolz darauf, dass unsere exklusiven Nachrichten übernommen werden, aber bei dieser Klage geht es uns um etwas anderes. Bei dieser Klage geht es um Features, um Analysen, um Hintergründe, um all das, was nicht zur nachrichtlichen Grundversorgung gehört. Da ist zum Beispiel eine Geschichte drin über die Farbe von Haaren, ja was einfach eine Nachrichten- … eine Servicegeschichte ist, wo aufbereitet ist, wie sich Haare im weitesten Sinne länger ihre Farbe behalten. Das ist nun nicht nachrichtliche Grundversorgung, ist aber in vollem Umfang und voller Schönheit übernommen worden von den Kollegen. Wir haben ganz klar und bewusst diese Trennung gemacht, weil wir eben niemanden verbieten wollen unsere Nachrichten zu übernehmen. Im Gegenteil. Ich bin der größte Verfechter davon, dass Nachrichten verbreitet werden und Verbreitung finden und betrachte das als elementaren Bestandteil von Pressefreiheit. Uns geht es darum, das systematisch, das ist es ganz wichtig, systematisch Berichte übernommen werden, die nichts mit nachrichtlicher Grundversorgung oder Nachrichtenlage zu tun haben und optimiert werden auf ein anderes Geschäftsmodell, während wir ganz klar erklärt haben, was unser Geschäftsmodell ist, nämlich Paid Content, dass für Journalismus bezahlt wird, glaubt man bei FOCUS ONLINE daran nicht, was völlig o.k. ist, niemand muss daran glauben, aber dann sollen sie’s bitte mit den eigenen Inhalten machen. Und sie optimieren unsere Inhalte auf Ihr Geschäftsmodell: die Vermarktung von Reichweite. Das ist in etwa so, als würden Sie in den Kiosk gehen und sich eine Bild-Zeitung kaufen, die 5.000 mal kopieren, die Inhalte ein bisschen umstellen, darauf Anzeigen verkaufen und sie an der nächsten Ecke als Gratiszeitung verteilen. Das ist ganz offenkundig nicht in Ordnung. Das ist die Nutzung unserer Leistung zum eigenen Gewinn. Und dagegen wehren wir uns.

04:23
Jörg Wagner: Nun ist das juristisch sicherlich nicht so einfach zu trennen, was ist nachrichtlich, was hat möglicherweise aber einen Charakter, der eine Woche hält, einen Monat hält oder vielleicht Lebensberatung gibt. Wie sind Sie nun konkret in der juristischen Formulierung gegen FOCUS ONLINE vorgegangen? Was werfen Sie den Kollegen dort genau vor?

04:43
Julian Reichelt: Was wir Ihnen vorwerfen, ist die Systematik. In allererster Linie die Systematik. Wir können, das ist unsere Überzeugung, anhand der Beweisführung ganz klar belegen, dass man bei FOCUS ONLINE sozusagen die Schwächen eines Paid-Content-Modells klar identifiziert hat, nämlich dass sie reichweitenbeschränkt sind, weil sie hinter einer Paywall stehen und damit sich natürlich in der Vermarktung nicht so gut monetarisieren lassen wie Reichweite. Gleichzeitig sind es natürlich unsere besten Inhalte. D.h. es wären eigentlich die Inhalte, die am meisten Reichweite erzeugen würden. Diese Systematik macht sich Focus zu nutzen, in dem man exakt diese Inhalte übernimmt, sie auf der eigenen Seite ausspielt auf Positionen, die besonders attraktiv sind, zu Zeitpunkten, die besonders attraktiv sind, am liebsten unsere Inhalte, die wir abends Online stellen am Morgen zum Frühstück, wenn ein Traffic Peak, ein Trafric-Höhepunkt da ist. Da ist eine ganz klare Systematik nachweisbar und das ist das, was für denen vorwerfen. Es geht nicht darum, dass mal ein Artikel übernommen worden ist. Es geht nicht mal im Detail darum, dass vielleicht Formulierungen übernommen werden, was ich als Journalist als unlauter betrachten würde, ja? Aber es geht in dem Fall nicht mal konkret darum. Es geht darum, dass ein Geschäftsmodell betrachtet wird, dass die Schwäche dieses Modells, nämlich dass es reichweitenbeschränkt ist, identifiziert worden ist. Dass dieses Geschäftsmodell kannibalisiert, ausgeraubt, ausgenommen wird und dann optimiert wird auf ein eigenes Geschäftsmodell, wo über Reichweite Geld verdient wird. Und wie gesagt, über Reichweite Geld verdienen, ist völlig legitim, wenn es mit den eigenen Inhalten geschieht, aber nicht mit den Inhalten für die bei uns Hunderte von Reportern jeden Tag sehr hart arbeiten.

06:21
Jörg Wagner: Aber meines Wissens bemühen Sie nicht das Urheberrecht dafür.

06:24
Julian Reichelt: Genau darum, ohne da jetzt in die rechtlichen Details ganz tief hinab zu steigen, weil sich damit die Juristen immer noch besser auskennen, als ich, geht es. Es geht eben … es geht sozusagen um die wettbewerbsrechtliche Komponente. Es geht darum, dass wir ein erklärtes und geschütztes Geschäftsmodell haben. Ja, da sind wir wieder beim Laden. Im Laden steht jemand und verhindert, dass geklauten wird. Der Laden ist beschützt. Unser Geschäftsmodell ist beschützt. Da ist eine Paywall davor. Da muss man sich einloggen. Es gibt da Allgemeine Geschäftsbedingungen. Wir haben ganz klargemacht, woran wir glauben, womit wir Geld verdienen wollen, welche Leistungen wir selber erbringen, um Geld zu verdienen, nämlich erstens die Recherche unserer Reporter und zweitens aber auch all die technischen Voraussetzungen für die wir Millionen investiert haben, um diese Inhalte, die wir für das wertvollste halten, was wir haben, was alle Journalisten haben, was das wertvollste in unserem ganzen Beruf ist, um diese Inhalte zu schützen. Das wird bewusst und sehr dreist jeden Tag sehr systematisch überwunden, um damit Geld zu verdienen. Es ist auch völlig klar, dass es da, wenn sie sich die Auswahl der Artikel dann eines Tages anschauen werden in der Klage, es ist total klar, dass es da nicht um die Unterrichtung der Allgemeinheit, um einen Bildungsauftrag, um wie gesagt Nachrichten der Grundversorgung geht. Es ist völlig klar, dass man sich das nimmt, was … von dem man weiß, dass es am besten funktioniert, weil es ja auch bei uns gut positioniert ist, dass man unsere top-Newsletter, aus denen hervorgeht, was sind unsere Topgeschichten bei BILD+, dass man präzise diese Geschichten auswählt und diese Geschichten auf Reichweite optimiert. Es geht also nur darum, mit der Leistung anderer Geld zu verdienen und das ist nicht in Ordnung.

08:19
Jörg Wagner: Würden Sie ausschließen, dass bei BILD auch schon mal so etwas passiert ist?

08:01
Julian Reichelt: Ich würde niemals grundsätzlich ausschließen in so einem großen Apparat, dass sowas passiert und auch wieder passieren kann. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass ich in jedem einzelnen Fall, in dem ich davon erfahre, es erstens sofort unterbinde, es niemals zu unserem Geschäftsmodell erheben würde, es niemals propagieren würde und es extrem scharf sanktioniere. Wenn ich bei uns jemanden beim Abschreiben zum eigenen Vorteil erwische, wird das hart sanktioniert. Egal, was der eigene Vorteil dann sein mag. Image, Ego, Geld. Egal, was eigene Vorteil sein mag: Abschreiben zum eigenen Vorteil wird bei uns sanktioniert und ist bei uns ganz sicher weder bei Bild, noch bei Axel Springer Geschäftsmodell.

Quelle: http://www.wwwagner.tv/?p=33424


„Das Wertvollste, was wir haben“: BILD klagt gegen Inhalte-Diebstahl

Wettbewerbs- und urheberrechtliche Klage gegen Focus Online / exklusive BILDplus-Inhalte systematisch reproduziert

BILD hat beim Landgericht Köln eine wettbewerbs- und urheberrechtliche Klage gegen Focus Online eingereicht. Mit der Klage wendet sich BILD dagegen, dass Focus Online systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BILDplus abschreibt und zum Teil des eigenen Geschäftsmodells macht, das Journalismus reichweitenorientiert vermarktet. Grundlage der Klage ist die gezielte Behinderung des Geschäftsmodells von BILDplus sowie eine Verletzung des Datenbankrechts.

Nachdem immer wieder Einzelfälle aufgefallen waren, hat BILD über mehrere Monate sämtliche BILDplus-Artikel und deren exklusive Inhalte mit den kostenlosen Inhalten von Focus Online abgeglichen. Das Ergebnis: Focus Online verwertet systematisch und oft schon unmittelbar nach der Erstveröffentlichung die exklusiven BILDplus- Geschichten auf der eigenen Homepage. Mit der Klage verlangt BILD Unterlassung, Auskunft und Schadensersatzfeststellung.

Julian Reichelt, Chefredakteur BILD Digital: „Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben: unsere mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte. Wir haben einzelne Fälle gegenüber Focus Online zunächst im Guten kritisiert – ohne Erfolg. Leider mussten wir dann feststellen, dass Focus Online systematisch vorgeht und unsere exklusiven Geschichten stiehlt und verwertet, um auf diese Weise kostengünstig, ohne jedes redaktionelle Investment, die eigene Reichweite zu erhöhen. Mit diesem Verhalten greift Focus Online das Geschäftsmodell einer ganzen Branche an – dagegen müssen wir uns wehren.“

Pressemitteilung Axel Springer SE (17.01.2017)








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