di Lorenzo: Medien unter politischem Druck: Was es heute bedeutet, Haltung zu zeigen

Keynotespeaker: Giovanni di Lorenzo | Foto: © Jörg Wagner
Keynotespeaker: Giovanni di Lorenzo | Foto: © Jörg Wagner

Wer: Giovanni di Lorenzo, „Zeit“-Chefredakteur
Was: Keynote während des European Newspaper Congress: „Medien unter politischem Druck: Was es heute bedeutet, Haltung zu zeigen“
Wo: Wien, Rathaus
Wann: 22.05.2017, 19:35 Uhr

(wörtliches Transkript, Auszug)

[22:19] Wo es aber wirklich ganz viel zu kritisieren gäbe – und damit komme ich zu meiner Meinung nach zweiten großen Herausforderung – sind wir unglaublich nachlässig: bei den Internet-Giganten wie facebook und Google.

[22:38] In dem Ungleichgewicht zwischen diesen digitalen Großkonzern und den restlichen Medien steckt eine Bedrohung für unsere Medienkultur. An dieser Stelle müssen wir auch in eigener Sache Haltung zeigen. Facebook und Google – Sie wissen das – dominieren den digitalen Werbemarkt. Was tun wir dagegen? Wir enthüllen zwar die Praktiken von Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer unter prekären Bedingungen beschäftigen oder bei den Abgaswerten schummeln – und das tun wir alles auch völlig zurecht – doch die teils zweifelhaften Methoden der Internetgiganten gehen weitgehend unter. Stattdessen beobachten wir sie durch die rosarote Brille und aus sicherer Entfernung wie ein verliebter Teenager seinen Schwarm. Da erscheinen Artikel, dass auch mir ganz warm ums Herz wird, wie Mark Zuckerberg morgens in Berlin joggt, wo und was er da am liebsten isst und trinkt. Nachwievor gehen die Verlage zu zahm mit den Internetunternehmen um, teilweise, auch wir bei der “Zeit” sind davon nicht ausgenommen, weil sie in einzelnen Projekten mit ihnen zusammenarbeiten, teilweise aber auch aus Angst heraus, als altmodisch oder gar uncool zu gelten. Während die Haltung seriöser Medien und deren Einfluss auf die politische Stimmung schon seit Monaten und Jahren diskutiert wird, geraten die Konzerne aus dem Silicon Valley erst jetzt ins Visier. Langsam, viel zu langsam erwacht auch hierzulande das Bewusstsein, nimmt der Druck auf die Konzerne zu.

[24:29] Doch die Produktion und Verbreitung von Fake News beispielsweise haben die Betreiber sozialer Medien immer noch nicht im Griff. Fragt man sie danach, bekennen sie nur: wir können eben nicht alles kontrollieren. Stellen sich bitte mal vor, wir würden so auf Kritiken reagieren. Wir würden Ziel so viele Shitstorms werden, dass wir nicht überleben würden. Warum diese unterschiedlichen Maßstäbe? Bei uns so streng und denen lässt man alles durchgehen? Ich verstehe es nicht.








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