ZDF: Champions League, Strukturreform, IRT und Deutschlandradio

Dr. Thomas Bellut | Foto: © Jörg Wagner
Dr. Thomas Bellut | Foto: © Jörg Wagner

Wer:
* Dr. Thomas Bellut, ZDF-Intendant
* Werner Lange, Medienjournalist
Was: Interview über Championsleague, Strukturreform, IRT und Deutschlandradio
Wo: Mainz, ZDF-Sendezentrum
Wann: rec.: 09.06.2017, nach der Pressekonferenz zur Fernsehratssitzung; veröffentlicht im radioeins-Medienmagazin (rbb) vom 10.06.2017 und in einer gekürzten Fassung im rbb-Inforadio am 11.06.2017, 10:44 und 15:24 Uhr

Werner Lange - Dr. Thomas Bellut | Foto: Daniel Kehr | © Werner Lange
Werner Lange – Dr. Thomas Bellut | Foto: Daniel Kehr | © Werner Lange


(wörtliches Transkript/Auszug)

[0:00]
Werner Lange: Herr Dr. Bellut, die Champions League war einer der Flaggschiffe des ZDF im Programm. Und trotzdem besteht die Gefahr, dass Sie ab dem nächsten Jahr die Champions League nicht mehr bekommen. Die ganzen Mittel, die Sie für die Champions League sozusagen aus dem Programm zusammen gesucht haben, sind jetzt quasi frei. In welche Richtung wird das gehen?

[0:21]
Dr. Thomas Bellut: Na, erst einmal ist es eine gute Nachricht für die Produzenten, da wir sicherlich Fiction und Unterhaltungssendungen beauftragen werden, um diese Sendeplätze zu füllen. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Wir waren vor den sechs Jahren erfolgreich auf den Plätzen mit anderen Programmen und werden es danach auch sein. Klar, Champions League hätte ich gerne weiter gab. Aber der Markt ist der Markt und wir haben genau unsere Grenzen, was wir investieren wollen für Sportrechte. Das haben Sie auch bei Olympia gesehen. Weil ich mich dafür rechtfertigen muss, was ich wo ausgebe.

[0:58]
Werner Lange: Ist das sozusagen Sport-Geld oder ist das Unterhaltungs-Geld oder wie entscheiden Sie das beim ZDF?

[1:02]
Dr. Thomas Bellut: Das ist Inhalte-Geld. Also für Programm. Und Sie haben recht, es wurde damals für die Champions League aus verschiedenen Bereichen zusammengestellt. Und jetzt werden wir, wenn denn endlich die endgültige Auskunft der UEFA da ist, werden wir uns darüber Gedanken machen. Da das aber erst im nächsten Jahr greift, haben wir noch etwas Zeit. Also es wird jetzt kein Feuerwerk abgebrannt, um alles Geld zu verbrauchen, was wir gerade da haben. Wir gehen da schon sehr sorgfältig mit um.

[1:30]
Werner Lange: Aber Ihnen wird Fußball fehlen.

[1:32]
Dr. Thomas Bellut: Wir haben sehr viel Fußball, haben wir z. B. zusätzlich das Live-Paket …
natürlich haben wir auch Rechte verloren, wie die Qualifikationsspiele an RTL, aber das kann das Publikum weiter sehen. Wenn die Champions League in den Pay-Bereich geht all-in-pay, also nur über die Bezahlschranke, das wird die Fußballkultur in dem Land verändern.

[1:51]
Werner Lange: Die Bundesländer verlangen von ARD und ZDF noch mehr Anstrengungen vorzunehmen, um Einsparmöglichkeiten zu finden. Ende September verlangen die Bundesländer, dass ARD und ZDF und Deutschlandradio einen Bericht vorlegen. Warum meinen Sie, dass die Bundesländer im Moment so einen Druck machen? Hat man bei den Ländern das Gefühl, dass ARD und ZDF nicht innovativ genug denken?

[2:15]
Dr. Thomas Bellut: Das weiß ich nicht. Also die Diskussion über die Höhe des Beitrags, sie hat es ja schon immer wieder gegeben. Ich halte es auch für nachvollziehbar, denn, wenn eine neue Beitragshöhe beschlossen wird, muss sie durch alle Parlamente gehen, muss dort die Zustimmung der Parlamente finden. Deshalb ist es richtig, darüber zu reden und so verstehe ich auch den Wunsch der Länder: tut, was ihr tun könnt, um in der Infrastruktur günstiger zu werden. Aber ich höre auch immer wieder, man ist froh, dass wir diese guten Beiträge in dieser Medienlandschaft platzieren. Wer denn außer den öffentlich-rechtlichen Sendern ist in der politischen Hintergrund-Berichterstattung aktiv? Nachrichten und anderes. Nein, ich glaube schon, dass alle Länder wissen, da ist was unverzichtbares. Aber über die Kosten muss man diskutieren.

[3:13]
Werner Lange: Meinen Sie, das wird auch noch weitergehen in Zukunft in diese Richtung?

[3:17]
Dr. Thomas Bellut: Ja, wobei ich sagen muss, dass die ganz heftige Diskussion damals, als vor zwei Jahren die PEGIDA-Bewegung aufkam, dass sich das doch versachlicht hat. Natürlich haben wir auch vor der Wahl immer wieder die Aufgabe, zu fragen wie gehen wir zum Beispiel adäquat mit den neuen Parteien am rechten Flügel um?
Und ich kann da nur raten: sachlich. Ja, Sie müssen, wir kennen ja den Begriff der abgestuften Chancengleichheit, jede Oppositionspartei muss auch die Chance haben, mit ihren Positionen im Programm wiederzukehren. Das wollen wir machen. Aber wir wollen auch unsere Regeln weiter einhalten. Zum Beispiel, dass wir nicht Rassismus Vorschub leisten, dass wir nicht Vorurteilen Vorschub leisten. Das heißt, wer diese Position hat, kann eben nicht damit rechnen, dass es ungefiltert über den Schirm geht. Da erlauben wir uns schon unsere Meinung dazu zu sagen.

(…)

Update: 13.06.2017/12:24 Uhr

Statement von ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut zur Vergabe der Champions-League-Rechte:

„Wir hätten unseren Zuschauern gerne auch über 2018 hinaus die Livespiele der Champions League gezeigt. Deshalb hat das ZDF ein sehr gutes Angebot abgegeben. Als beitragsfinanzierter Sender gab es dafür allerdings eine klar definierte Obergrenze. Wir sind auch ohne die Rechte wettbewerbsstark und haben Alternativen. Anstelle der Übertragungen können wir künftig in andere hochwertige Programmangebote investieren. Für die Fußballfans ist die Verlagerungder Champions League in das Pay TV eine schlechte Nachricht. Europäischer Spitzen-Fußball wird zu einem exklusiven Angebot für deutlich weniger Zuschauer als bisher.“

Mainz, 13. Juni 2017
ZDF Presse und Information








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3 thoughts on “ZDF: Champions League, Strukturreform, IRT und Deutschlandradio

  1. Das mit den den „Stoffen, Filmen, Dokus, Berichterstattung aus dem Lebensumfeld“ wird ja Heute schon vor allem von den Dritten gemacht. Damit erreicht man aber nicht alle Bevölkerungsgruppen. Wenn man im Fiktionalen Bereich nicht mehr konkurrenzfähig bleibt dann werden dort die Zuschauerzahlen weiter sinken und die ÖR weiter in die Bedeutungslosigkeit bei einigen Gruppen (z.B. Jungen) fallen. Natürlich wird das lineare Fernsehen nicht bedeutungslos und auch junge schauen dies weiter an. Aber gerade bei den jungen sieht man doch schon das sie Heute die ÖR kaum noch anschauen und lieber im Privatfernsehen linear schauen. Jetzt kommt noch die Konkurrenz mit Netflix und co. dazu.
    Das mit Babylon Berlin wird meiner Meinung nach völlig überbewertet. Wie viele Jahre spricht man schon bei der ARD von Babylon Berlin und wie viele Jahre dauert es noch bis es in der ARD! zu sehen wird. In der Zeit produziert Netflix JEDES Jahr ein dutzend Staffeln in dieser Qualität. Natürlich ist Babylon Berlin ein Schritt in die Richtige Richtung aber es wird sich schon zu viel darauf ausgeruht um in der Zukunft wirklich was zu ändern. Ich denke auch nicht das es Quoten mäßig ein riesiger Erfolg bei der ARD wird da es vorher schon auf Sky laufen wird und viele Menschen die sich für sowas interessieren eben Syk haben und es sich dort ansehen…. Unsere ÖR müssten sowas exklusiv für sich produzieren wie z.B. die BBC mit DR Who.
    Bin aber mal gespannt was beim ZDF jetzt raus kommt… glaube aber eher nicht das man die Chance nutzt.

  2. „Anstelle der Übertragungen können wir künftig in andere hochwertige Programmangebote investieren.“, so das aktuelle Statement von Thomas Bellut. Man kann gespannt sein. Was die netflix-Wettbewerbsfähigkeit anbelangt, zeigt ja die ARD mit „Babylon Berlin“ wo es lang gehen könnte. Andererseits glaube ich, dass TV-Sender da überleben werden, wo Globalplayer weniger investieren in Stoffen, Filmen, Dokus, Berichterstattung aus dem Lebensumfeld, der Region der Nutzer. Aber richtig, das wird perspektivisch nicht so bleiben, dass jeder Durchschittsbürger täglich knapp 4h konventionell fernsieht.

  3. Mit dem eingesparten Geld von der Champions League könnte das ZDF eine Qualitätsoffensive starten. Mit den Angeblich 70 Millionen (nur für die Rechte) wäre genug Geld da um diese ca 18 Programmplätze mit Programm zu füllen das mal international mithalten kann. Pro Sendeplatz hätte man über 3 Millionen zur Verfügung.
    Man könnte auch 100 neue Dokumentationen/Reportagen produzieren und hätte immer noch 50 Millionen übrig für international konkurrenzfähiges Fiktion Programm.

    Wenn sich unsere ÖR nämlich nicht langsam wirklich anstrengen gegen die neuen Konkurrenten von Netflix und Amazon in der Genre Breite und in der Qualität mitzuhalten dann ist die nächste Generation für sie auch schon verloren.
    Das wäre jetzt wirklich mal die Chance den ÖR Markenkern zu stärken und im Fiktional Bereich nicht völlig den Anschluss zu verlieren.

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