Olympia nun doch bei ARD/ZDF | ARD und Fußballexperte Mehmet Scholl trennen sich

Volker Herres | Foto: ARD/WDR/Herby Sachs
Volker Herres | Foto: ARD/WDR/Herby Sachs

Noch bei ihrer Intendantentagung in Frankfurt/Main im April 2017 verkündete die ARD, dass man sich auf eine Sportberichterstattung ohne Lizenzen für die kommenden Olympischen Spiele 2018/20, 2022/24 einstelle. Nun hat der Rechteinhaber Discovery doch noch ARD und ZDF Sublizenzen verkauft. – „Die ARD und Mehmet Scholl haben sich darauf geeinigt, ihre Zusammenarbeit ab sofort zu beenden.“ Die Trennung erfolgte kurz nach dem Mehmet Scholl während einer Sportschau-Sendung plötzlich seine Kommentatoren-Aufgabe nicht mehr wahrnahm und den Kameras fern blieb. Zu den Gründen sagte er später, dass ihn ein redaktioneller Beitrag mit fünf Jahre alte Vorwürfen über Fußball-Doping in Russland gestört hätte, der „nichts in der Sendung verloren“ gehabt habe. Seine Einwände seien von der Redaktion nicht akzeptiert worden.


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Wer:
* Volker Herres, Programmdirektor DasErste
* Hajo Seppelt, ARD-Anti-Doping-Journalist
* Mehmet Scholl, Fußballexperte (Quelle: Mehmets Schollplatten, 06.08.2017, Bayern 2)
Was: Interviews zu Themen: Olympia, Doping, Vertragsauflösung Scholl (Leitung/Telefon)
Wann: rec. 11.08.2017, 11:40 bzw. 13:45 Uhr, veröffentlicht im radioeins-Medienmagazin (rbb), 12.08.2017, 18:05 Uhr und in einer gekürzten Fassung im rbb Inforadio, 13.08.2017, 10:44/15:24 Uhr

Vgl.: „WADA-Sonderermittler geht von zweitem Vertuschungssystem für russische Fußballer aus“ | Sportschau, DasErste, 27.06.2017


(wörtliches Transkript)

Volker Herres: Wir haben das damals durchaus als Zäsur empfunden, dass wir in der ersten Phase keinen Abschluss mit Discovery erreichen konnten, denn Olympische Spiele gehören genetisch zu ARD und ZDF und das war schon schmerzhaft. Natürlich hätten wir anderes Programm gesendet. Das versteht sich von selbst, aber sportlich ist ein solches Ereignis nicht zu kompensieren. Umso glücklicher bin ich, dass es jetzt im zweiten Anlauf gelungen ist, zu einem sehr vernünftigen Ergebnis zu kommen.

Jörg Wagner: Also, es sah nicht so aus, als hätten Sie tatsächlich damit noch gerechnet.

Volker Herres: Wir haben den Gesprächsfaden nie abreißen lassen. Wir waren allerdings seiner Zeit in einer Situation, wo wir in den Preisvorstellungen derart weit auseinander lagen, dass wir gesagt haben: Das wird wohl nichts werden. Aber es ist uns gelungen, jetzt zu einem vertretbaren Abschluss zu kommen, der rechtlich und wirtschaftlich angemessen ist und dem entspricht, was wir uns immer vorstellen konnten.

Jörg Wagner: Konnte man Discovery überzeugen, dass das Leistungsverhältnis von ARD und ZDF stimmt? Oder mussten Sie noch etwas drauf packen?

Volker Herres: Ich will mich nicht zu Einzelheiten der Verhandlungen und der Gespräche äußern. Sowas findet ja vertraulich statt. Das Ergebnis habe ich bewertet. Und es ist vor allen Dingen eine gute Meldung für den Sport und für die Zuschauer. Das sieht auch Eurosport so, denn jetzt wird es wie in der Vergangenheit so sein, dass ein Millionenpublikum die Spiele verfolgt und das ist ja für diese Sportarten von erheblicher Bedeutung und ist ja auch ein Stückchen Integration der Gesellschaft.

Jörg Wagner: Aber dennoch gibt es ja offenbar nicht das volle Programm zu sehen wegen der Kürze der Vorbereitungszeit?

Volker Herres: Das ist sehr knapp und sehr sportlich, aber wir schaffen das. Wir haben uns immer gedanklich darauf eingestellt, dass wir auch im Sprint noch uns so aufstellen können, dass wir auch die Spiele in Südkorea angemessen und in angemessener Qualität werden übertragen können. Es wird das volle Programm auch aus Südkorea zu sehen sein. Wir haben kleinere Einschränkungen bei den Live-Rechten bei Sportarten wie Eiskunstlauf, Snowboard und Shorttrack. Die wird man aber unbegrenzt zeitversetzt bei uns sehen können, was angesichts der Zeitzone, in der die Olympischen Winterspiele stattfinden auch kein Problem ist. Also für den Zuschauer wird es faktisch keine Abstriche geben. Was wir anders machen werden, müssen aufgrund der Zeitknappheit für die Vorbereitung ist, dass wir sicher im Produktionszyklus uns etwas anders aufstellen werden, also versuchen werden, möglichst viel von Deutschland aus zu machen.

Jörg Wagner: Wie sieht es mit der Antidoping-Berichterstattung aus? Ich nehme mal an, da werden Sie keine Abstriche machen.

Volker Herres: Nein, selbstverständlich nicht. Wir haben den Sport immer fair, aber eben immer auch kritisch begleitet. Und wir lassen uns unsere journalistische Unabhängigkeit nicht nehmen. Das versteht sich von selbst für einen öffentlichen-rechtlichen Sender und wir werden alle Fehlentwicklungen, so es sie denn geben sollte, genauso kritisch begleiten, wie wir das in der Vergangenheit auch getan haben.

Jörg Wagner: Sie verstehen meine Frage auch im Kontext zu einer Meldung in dieser Woche, die einen populären Fußball-Kommentatoren der ARD betrifft: Mehmet Scholl. Es gab in dieser Woche die Vertragsauflösung. Sagen Sie uns bitte noch, von wem die Initiative ausging. Von der ARD oder von Mehmet Scholl?

Volker Herres: Ach, das ist nach einer so langen Beziehung – wir haben ja 9 Jahre toll und intensiv zusammengearbeitet – schwierig zu beantworten. Das ist ein bisschen wie manche Ehe. Partner können sich entfremden und im deutschen Recht gibt es ja kein Schuldprinzip. Und insofern kann man sagen, wir sind jetzt glücklich geschieden und das meine ich ganz ernsthaft. Wir haben uns gegenseitig immer gut verstanden. Es ist klar, dass es auch Diskussionen gibt. Das gehört im Redaktionsalltag dazu. Darüber ist ja auch berichtet worden, dass es da einen Dissens mal gab in jüngster Zeit. Das ist aber nicht ausschlaggebend. Glauben Sie mir, Mehmet Scholl, den ich professionell, wie menschlich außerordentlich schätze und ich, wir schreiben uns die nettesten SMS, die sich vorstellen können. Mir wird er sehr fehlen mit seiner ganz besonderen Art: kritisch frech und immer gut für ein Bonmot, aber ich kann unseren Zuschauern versichern, wir werden auch in Zukunft den Fußball genauso professionell wie kritisch begleiten.

Jörg Wagner: Aber gestatten Sie mir noch dennoch die Nachfrage: Es macht den Unterschied, ob die ARD den Vertrag aufhebt oder Mehmet Scholl, weil hier gab es ja eine öffentliche Vertragsverletzung von Mehmet Scholl, weil er einer Fernsehübertragung mittendrin fern blieb und es gab das Beteuern der ARD: ‘wir wollen weiter mit ihm zusammen arbeiten und dann gab es eben doch diese Trennung und Gerüchte schießen ins Kraut. Können Sie da nicht klar sagen, von wem die Initiative ausging?

Volker Herres: Sie haben den Werdegang richtig zusammengefasst und es ist so, wie ich gesagt habe: Wir haben uns einvernehmlich verständigt, die Zusammenarbeit zu beenden.


(wörtliches Transkript)

Hajo Seppelt: Ich kann nur sagen, was wir an dem Tag gemacht haben. Wir haben in der ARD einen Film ausgestrahlt im Land des kommenden Gastgebers der Fußball-Weltmeisterschaften, des Gastgebers des Confed Cups, Russland und es gab eine aktuelle Recherche. Die aktuelle Recherche bezieht sich unter anderem auf einen Nationalspieler, der erst noch vor einem Jahr im Fokus gestanden hat von Doping-Verdächtigungen, massiven Dopingverdacht und der noch aktueller Kader der derzeitigen Nationalmannschaft Russlands ist und das ist natürlich Anlass genug, für uns zu sagen, dass wir diese Recherche auch platzieren, da wo Fußball in der ARD ausgestrahlt wird. Nämlich in einer Fußballsendung. Wo sonst sollte man sowas machen?

Jörg Wagner: Jahrelang war es tatsächlich nicht verständlich, dass auch im Fußballsport gedopt wird, weil diese Mannschaftssportart möglicherweise gar keinen Effekt hat, wenn dort Spieler gedopt sind. Sie haben nun zumindest explizit nachweisen können, dass in diesen Fällen gedopt wurde, dass die WADA diese Vorwürfe erhebt. Meinen Sie, dass wir damit erst am Anfang der Sportberichterstattung im Bereich Fußball sind, was Doping betrifft?

Hajo Seppelt: Wir sind noch ganz weit hinten. Das muss man selbstkritisch sagen. Wir haben über Jahre hinweg ganz viele Sportarten im Fokus gehabt. Es ist im Fußball besonders schwer zu recherchieren, weil dort die Phalanx des Schweigens besonders groß ist. Es gibt viele, die darüber überhaupt nicht reden wollen. Da gibt’s auch ne Menge Geld, was eine Rolle spielt. Wir haben im Juni ja auch über Brasilien gesprochen. Wir haben eine Doku in der ARD gemacht über Doping im brasilianischen Fußball. Auch da gab es zahlreiche Spuren, die in diese Richtung gewiesen haben. Und es war vor allem, das – ja muss schon sagen – traditionsreichste Land des Fußballs in der Welt überhaupt: Brasilien, das ja nun die Rangfolge der Weltmeister-Titel anführt noch weit vor Deutschland, nicht weit vor, aber zumindest noch jetzt vor Deutschland. Und das ist schon klar, dass Doping-Probleme Fußball ständig versucht wird, in die Ecke zu drängen oder unter den Teppich zu kehren oder zu minimalisieren, zu verharmlosen. Ich glaube, das ist nicht der richtige Weg. Insofern ist richtig, wir stehen eigentlich noch am Anfang einer Recherche. Da ist nach meinem Eindruck, nach dem, was ich mitbekommen habe und auch gerade im Jahr 2017 mitbekommen habe, noch viel, viel mehr dran, als bisher öffentlich bekannt ist.

Jörg Wagner: Haben Sie da noch die volle Unterstützung Ihrer WDR-Antidoping-Redaktion, negative Stories weiter zu produzieren?

Hajo Seppelt: Ja, warum sollte ich sie nicht haben? Das ist ja genau das der Grund, weshalb ich den Job mache. Der Westdeutsche Rundfunk oder die ARD möchte, dass wir alle Seiten der Medaille beleuchten im Spitzensport. Dazu zählt auch Doping im Fußball und es gibt keinen Anlass – ich sehe jedenfalls momentan keinen Anlass von irgendjemand in der ARD und auch keinen Vorgehen, mich in irgendeiner Weise da zu beschränken. Nein, im Gegenteil: Die Arbeit der Dopingredaktion in der ARD ist wichtig. Das ist inzwischen von immer mehr Leuten über die Jahre hinweg klar so gesehen und erkannt worden und insofern gibt es auch sicherlich niemand, der mir sagt: Du musst jetzt aufpassen, wenn Du über Doping im Fußball berichtest. Also, das wäre jetzt tatsächlich Verschwörungstheorie.

Jörg Wagner: Es gibt eine neue Chance, ARD und ZDF dürfen doch die kommenden Olympischen Spiele übertragen, wurde am Freitag bekannt gegeben, damit auch, ja ich sag mal, neuer Wind für Ihre Berichterstattung aus der Sicht des Dopings im Sport?

Hajo Seppelt: Klar, also wenn Sendefläche da ist, dann werden wir Sport übertragen und dann werden wir auch den Sport hinterfragen. Das ist quasi das Modell, in dem … oder mit dem die ARD seit Jahren Sport eben auch beleuchtet, sowohl als Live-Event, aber eben auch politisch-gesellschaftliche Hintergründe abbildend, Fragen stellen, recherchieren. All das gehört dazu und das ist übrigens so, dass tatsächlich das weltweit einzigartig ist. Es gibt es auf der Welt keine weitere Dopingredaktion. Das ist ein Modell, das es nur in Deutschland gibt und aus meiner Sicht hat es sich bewährt über die Jahre. Wir haben dem Zuschauer, glaube ich, ein Stück weit vermitteln können, dass es die eine Seite des Sports gibt, der sicherlich faszinierend häufig, aber eben doch nur die Oberfläche abbildend. Und dann gibt es eine andere Seite. Und diese Facetten aufzuzeigen, die führen am Ende dazu, dass der Zuschauer sich ein ganzes Bild machen soll und kann und das wollen wir und insofern ist auch natürlich die Tatsache, dass Olympische Spiele übertragen werden von der ARD und natürlich auch vom ZDF … das ist natürlich dann auch Anspruch an uns, hinter die Kulissen weiter zu gucken. Und es gibt keinen Grund, es nicht weiter zu tun.


(wörtliches Transkript)

Achim Bogdahn: Du warst ja im Einsatz beim Confed Cup und auch beim U21 … bei der Europameisterschaft und es endete irgendwie so ein bisschen geheimnisvoll.
Willst Du uns auch mal kurz erklären, was los war, denn zum Schluss bist du vorzeitig ausgestiegen und es wurde viel gemunkelt und rumort in der Presse, was war los.

Mehmet Scholl: Relativ simpel erklärt. Es sind zwei Dinge passiert. Das eine ist, ein Prozess über zwei Jahre, wo mir aufgefallen ist, dass eine Redaktion, ich sag nicht welche, wir bestehen ja aus ganz vielen verschiedenen Sendern: BR, SWR, WDR, NDR … und immer, wenn ein gewisser Sender das Programm macht, fangen wir grundsätzlich mit negativen Storys an. Also es kann das Fußballfest schlechthin sein. Und wir machen mit einer negativen Story auf, die mir auch regelmäßig um die Ohren geflogen ist, wenn ich mich dazu geäußert hab’. Und an diesem Tag war dieser Sender wieder am Start und es war klar, es gab keine negativen Themen. Also Deutschland war im Halbfinale. Confed-Cup gezündet.

Achim Bogdahn: Die U21-Bubis haben den Europameistertitel …

Mehmet Scholl:… die sind ins Finale gekommen, eingerückt und am Abend habe ich mich auch gefreut auf Portugal – Chile und ich hab’ den Ablauf gelesen und die erste Geschichte war tatsächlich eine 5 Jahre alte Doping-Enthüllung über russisches Doping. Eine ganze Mannschaft gedopt gewesen. Die haben natürlich nix gewonnen. Und ich hätte mich dazu äußern sollen. Und da habe ich aufgrund dieser lange Geschichte, diese zwei Jahre immer wieder, habe ich einfach gesagt, nee ich habe noch nie was gesagt neun Jahre. Ich möchte, dass die Story für diesen schönen Tag draußen bleibt. Und da haben die gesagt, die bleibt nicht draußen und ich darf mich nicht ins Programm einmischen und habe ich gesagt: ich geh’. Und dann bin ich gegangen.

Achim Bogdahn: Ja, und dann haben die Leute gemutmaßt, du wärst für Doping, weil du irgendwie wegen dem Doping-Beitrag gegangen bist.

Mehmet Scholl: So ein Käse. Doping ist das Schlimmste für den Sport. Das macht den Sport auch kaputt …

Achim Bogdahn: Die Sportler auch …

Mehmet Scholl:… den Sportler kaputt. Das macht die Glaubwürdigkeit kaputt. Ja, ich hab’ ‘ne ganz klare Meinung: Doping muss ganz, ganz hart bestraft werden, aber an diesem Tag hatte dieses Thema nichts damit verloren … dazu verloren und es war für mich einfach so eine Art wie man zeigen, wie wir schon journalistisch an die Arbeit gehen, wie wir Dinge aufdecken, die in dem Moment überhaupt keine Relevanz hatten. Und jeder, der das Spiel liebt, hat sich da drauf gefreut und eben nicht auf so eine Story. Die hätte man auch in den Tagesthemen machen können oder drei Wochen später oder was auch immer. Das war keine Eile und keine Brisanz.

(Quelle: Mehmets Schollplatten, 06.08.2017, Bayern 2)







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