Fritz, Bernd

Bernd Fritz beim "Schmecken" von Farben | Foto: © ZDF/Renate Schäfer
Bernd Fritz beim „Schmecken“ von Farben | Foto: © ZDF/Renate Schäfer


Unter dem Namen Thomas Rautenberg narrte der damalige Titanic-Chefredakteur, Bernd Fritz am 03.09.1988 das ZDF und die Millionen „Wetten, dass …?“-Zuschauer mit der vermeintlichen Fähigkeit, die Farbe von Buntstiften am Geschmack zu erkennen. Zum 20. Jubiläum der Sendung, das das ZDF am 17.03.2001 beging, war Bernd Fritz nicht eingeladen, wie er an jenem Tag im folgenden Telefoninterview erzählte:

Was: Telefoninterview anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Wetten, dass ..?“
Wer: Bernd Fritz, damaliger Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic
Wann: rec.: 17.03.2001
Wo: radioeins-Medienmagazin, ORB/SFB

Vgl.:
* Bernd Fritz ist tot, 18.04.2017, titanic-magazin.de
* Titanic 10/1988
* Die Wette im ZDF bei YouTube:


[0:00]
Jörg Wagner: Jemand, der nicht bei der Jubiläumsausgabe von 20 Jahre „Wetten, dass ..?“ dabei sein wird, obwohl er wie kein anderer Wettkandidat, die Fernsehnation erschütterte, ist Bernd Fritz. Umso mehr freue ich mich, dass er für das radioeins-Medienmagazin am Telefon ist. Wollten Sie nicht oder dürfen Sie nicht, Herr Fritz?

[0:17]
Bernd Fritz: Sowohl als auch, wie der Kanzler Kohl immer formulierte. Eingeladen hat man mich nicht. Außerdem bin ich bereits im Urlaub und würde meinen Urlaub nicht wegen einer Fernsehsendung verschieben.

[0:31]
Jörg Wagner: Aber Sie haben schon mal Ihren Tagesrhythmus danach ausgerichtet, denn Sie waren am 3. September 1988 in „Wetten, dass ..?“ und Sie hatten gewettet, am Geschmack von Buntstiften, die Farbe erkennen zu können. Sie hatten damals die Wette gewonnen und wurden dennoch ausgebuht. Für die Gebührenzahler mit der Gnade der späten Geburt erklären Sie doch mal bitte, was damals abgelaufen ist.

[0:51]
Bernd Fritz: Ja, das ist recht einfach zu erklären. Man bietet ja dem ZDF Wetten an, die möglichst originell sind oder unglaublich scheinen. Es hatte sich bei diesem Einfall eben darum gehandelt, dass man behaupte, man könne also 50 verschiedene Buntstifte rein am Geschmack unterscheiden. Natürlich dachte ich zunächst, beim ZDF würde man mal kurz herzlich lachen und sagen: guter Witz, weil man kann Buntstifte nicht am Geschmack erkennen, die Farben nicht, weil das Trägermaterial, das Tonmehl und das Öl so vorschmecken, dass man absolut nicht im Stande ist, darunter irgendwas zu schmecken. Also, das weiß eigentlich jeder Chemiker und Buntstift-Hersteller. Das ZDF hätte eigentlich nur zu fragen brauchen, ob das überhaupt geht, prinzipiell.

[1:42]
Jörg Wagner: Das wird vom ZDF als realVideo auch im Internet dokumentiert, Ihre Wette damals …

O-Ton:
Thomas Gottschalk: Ihr wisst, dass man das Fernsehen nicht ernst nehmen soll. Was wir hier machen, ist Quatsch. Baba. Ja also, das das einmal … der Onkel darf das, ja? Aber der wäscht sich auch hinterher die Zunge wieder ab und putzt sich die Zähne. Bitte, bitte keine Stifte zu Hause in den Mund nehmen. Das macht man nicht. Das macht man nur im Fernsehen. Wenn Ihr groß seid, dürft Ihr im Fernsehen Stifte in den Mund nehmen. So. Ich sage, top die Wette gilt.

Bernd Fritz: Das schmeckt edel. Das ist Goldocker.

Thomas Gottschalk: Goldocker. Getroffen.

Jörg Wagner: Für den oberflächlichen Betrachter ist das ein Lausbubenstreich. Für Sie damals, als Chefredakteur der Titanic war das Satire, warum?

[2:21]
Bernd Fritz: Ja, das war eine Dienstreise gewissermaßen und das Satirische bestand eben erstmal in der Nachfolge des guten Till Eulenspiegel, der ja die Leichtgläubigkeit seiner Mitmenschen immer mal testete und sie dadurch lehrte nicht auf alles rein zu fallen. Und es ist gewissermaßen eine Aktion gewesen, im Dienste der satirischen Aufklärung.

[2:47]
Jörg Wagner: Sie waren der einzige. Sie haben damit sozusagen beim ZDF die Sensibilität erhöht. Sind Sie darauf stolz?

[2:55]
Bernd Fritz: Ich weiß nicht, ob ich da beim ZDF irgendwas bewirkt habe. Ich weiß auch gar nicht, ob man da bei der Bevölkerung oder bei Mitmenschen irgendetwas bewirkt. Die meisten zitieren das nach wie vor als einen Gag, der eben sehr spektakulär war, weil es schauten ja 20 Millionen zu. Und dann war vier Wochen lang, war die Presse ja voll mit Vermutungen, wie ich das gemacht hätte, da wir das ja erst in der nächsten Ausgabe des Satiremagazins Titanic veröffentlichten. Und da mussten die Leute also vier Wochen warten, bis sie erfuhren, wie ich das gemacht hatte, dass ich diese Buntstifte erkannte in der Sendung.

[3:34]
Jörg Wagner: Also war das vielleicht auch ein verkaufsfördernder satirischer Dienst?

Bernd Fritz: Ja, das war an sich der begrüßte Nebeneffekt, dass man hoffte, das tapfere Blättchen, was sich ähnlich wie der Eulenspiegel, glaube ich, im Osten Berlins da halt wacker schlägt, ständig sinkt, aber nie untergeht, dass man den natürlich da aufhilft. Es war auch dann diese Auflage mit dem Ergebnis, also mit der Aufklärung, Aufdeckung der Sache, die verkaufte sich doppelt so hoch als die normalen. Danach ging es aber wieder normal weiter, weil glaube ich, all die, die das nur gekauft hatten, um zu wissen, wie ich es nun denn gemacht hatte mit den Buntstiften, die waren von dem Rest des Blattes wohl derart entsetzt, dass sie dann es nie mehr kauften.

[4:22]
Jörg Wagner: Ja, wir können es ja jetzt sagen, das Heft lässt sich ja nicht nachkaufen. Also, müssen wir jetzt auch keine Werbung mehr machen. Sie haben einfach unter … durchgelinst unter der Brille, ne?“

Bernd Fritz: Ja, also, sind Sie Brillenträger?

Jörg Wagner: Ja.

[4:34]
Bernd Fritz: Ja, wenn Sie jetzt Ihre Brille mal so nehmen und so ein bisschen mal nach links schieben, dann sehen Sie zwischen dem Brillenglasrand und Ihrem Nasenrücken, können Sie durchgucken. Und mehr habe ich nicht getan mit dieser Skibrille. Und die haftete auch gut an der Haut, weil die aus Gummi ist. Und dann konnte ich die ganze Zeit den Gottschalk selbst sehen, wie er vor mir stand und mir die Stifte dann reichte. Ich konnte auch die Stifte in ganzer Länge sehen und einfach ablesen, welche Farb-Namen drauf standen. Ich hätte auch diese Farben gar nicht erkennen können, sagen wir mal vorne an der Spitze optisch, weil das waren so eng aneinander liegende Gelbs und Blaus, da wäre ich aufgeschmissen gewesen, wenn nicht auf diesen Stiften schön brav vom Hersteller der Name gestanden hätte: bergblau oder kristallblau und so.

[5:20]
Jörg Wagner: Also, doch schon ganz schön risikoreich gewesen. Satire oder Parodie setzt ja meist dann ein, wenn ein Geschehnis anfängt umzukippen, zur Farce wird oder in einer Sackgasse endet, stagniert, reaktionär wird gar. „Wetten, dass ..?“ lebt nach 20 Jahren immer noch. Haben Sie nicht zu früh zum Dolchstoß ausgeholt?

[5:38]
Bernd Fritz: Ach ja, wie gesagt, das war ja kein Dolchstoß gegen die Sendung, sondern es war eine Eulenspiegelei. Und ich denke schon, dass die Sendung an sich dazu neigt, sich zu parodieren, in dem einfach die Natur dieser Wetten dazu angelegt ist, weil es muss ja immer irgendwie noch ein Dreh mehr kommen. Außerdem werden nur Wetten angenommen, die noch nicht da waren, da heißt, man ist ja sehr geneigt beim ZDF, da beide Augen zuzudrücken bei den Wetten, damit das auch ja klappt. Also man erleichtert es den Wettkandidaten erheblich. Die meisten würden eigentlich auch … sie würden schon durchfallen, in dem sie das, was sie ursprünglich anboten, gar nicht halten können. Also, da war z. B. bei mir in der Sendung, war einer, der warf mit Fackelbränden nach oben und traf Luftballons. Und da hat sich bei der Probe damals gezeigt, dass die Luftballons gar nicht alle ausgingen von der Hitze. Also hat man dann erlaubt, diese Fackeln oben mit Nägeln zu präparieren, die dann die Luftballons trafen, damit das auch ja klappt, ne? Also, man hatte da schon Interesse, den Unterhaltungswert dieser Wetten zu steigern und von daher war es eigentlich … geschah es denen nur recht, dass man mal aufzeigte, wie leicht eigentlich da zu schummeln ist und wie sehr auch so wohl geschummelt wird.

[6:55]
Jörg Wagner: Ein Tipp vielleicht zum Schluss noch, wer Lust hat, es Ihnen nach zu tun oder auch extrovertierterweise in die Sendung will. Welche “goldenen Regeln” muss man beachten?

[7:04]
Bernd Fritz: Ja, da kann ich auf die heutige Ausgabe der FAZ verweisen, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, da habe ich das noch einmal ausführlich dargestellt als Zeitzeuge.

[7:16]
Jörg Wagner: Nein, nicht Herr Fritz, nicht jetzt Werbung für die FAZ, sondern sagen Sie es ist schnell.

[7:19]
Bernd Fritz: Ja, für die FAZ braucht man keine Werbung zu machen, das ist ja das staatstragende, deutsche Blatt des Westens zumindest und da macht man keine Werbung. Die Zeitung braucht keine Werbung. Das ist eine Institution.

[7:30]
Jörg Wagner: Sagen Sie noch schnell …

Bernd Fritz: Oder wie der ORB. Für den braucht man auch keine Werbung zu machen.

[7:35]
Jörg Wagner: Das ist richtig, aber dennoch drei “goldene Regeln”, sagen Sie es!

[7:39]
Bernd Fritz: Ja, man muss also erstmal ruhig bleiben, weil die Tests, die vorher gemacht werden in Mainz, die sind nicht besonders schwierig zu überstehen. Dann muss man die Nerven behalten, wenn man zu dieser Sendung fährt. Und dann drittens muss man die Nerven behalten, wenn man das durchführt. Also zum Beispiel, ich denke, man verlernt auch gar nicht, was man da kann, wenn man das einmal gemacht hat. Also, ich würd’ z. B. auch, wenn ich dazu eingeladen würde im ZDF noch mal eine kleine Wette vorschlagen. Da ginge es aber nicht ums schmecken, sondern ums riechen. Und zwar würde ich vorschlagen, ich könnte nur am Geruch des Geldscheins eine Transfer-Mark erkennen von ‘ner West-Mark.

[8:26]
Jörg Wagner: Top, die Wette gilt, sag ich mal, wollen wir mal sehen, wann Sie wieder beim ZDF vorsprechen. Das war Bernd Fritz, Eulenspiegel bei der Titanic, eigentlich ein Paradoxon, aber es hat damals geklappt vor 13, vor zwölf ein halb Jahren. Vielen Dank und ja schönen Urlaub.

Bernd Fritz: Bitte. Gern geschehen.

Jörg Wagner: Tschüss.

(wörtliches Transkript von Damien Sapelnik)








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