{"id":50450,"date":"2021-08-21T15:15:28","date_gmt":"2021-08-21T13:15:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/?p=50450"},"modified":"2021-08-25T22:54:13","modified_gmt":"2021-08-25T20:54:13","slug":"afghanistan-und-die-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/?p=50450","title":{"rendered":"Afghanistan und die Medien"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_50451\" aria-describedby=\"caption-attachment-50451\" style=\"width: 1100px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/uploads\/steul_willi_mS_1100\u00d7546.jpg\" alt=\"\" width=\"1100\" height=\"546\" class=\"size-full wp-image-50451\" srcset=\"https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/uploads\/steul_willi_mS_1100\u00d7546.jpg 1100w, https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/uploads\/steul_willi_mS_1100\u00d7546-300x149.jpg 300w, https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/uploads\/steul_willi_mS_1100\u00d7546-768x381.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1100px) 100vw, 1100px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-50451\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Willi Steul | Foto: \u00a9 J\u00f6rg Wagner<\/figcaption><\/figure>\n<div style=\"height:20px;\"><\/div>\n<div style=\"height:30px;\"><\/div>\n <audio   controls > <source src=\"http:\/\/www.wwwagner.tv\/audio\/20210821_1515_steul_willi_afghanistan_192.mp3\" type='audio\/mpeg' \/> <object   type=\"application\/x-shockwave-flash\"  data=\"https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/plugins\/wphtml5player\/inc\/flowplayer.swf\"  width=\"400\"  height=\"30\"> <param name=\"movie\" value='https:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/plugins\/wphtml5player\/inc\/flowplayer.swf' \/><param name=\"allowfullscreen\" value='false' \/><param name=\"cachebusting\" value='true' \/><param name=\"bgcolor\" value='#000000' \/><param name=\"flashvars\" value='config={\"plugins\":{\"controls\":{\"height\":30,\"autoHide\":false,\"fullscreen\":false}},\"clip\":{\"autoPlay\":false,\"url\":\"http:\\\/\\\/www.wwwagner.tv\\\/audio\\\/20210821_1515_steul_willi_afghanistan_192.mp3\"},\"playlist\":[{\"autoPlay\":false,\"url\":\"http:\\\/\\\/www.wwwagner.tv\\\/audio\\\/20210821_1515_steul_willi_afghanistan_192.mp3\"}],\"play\":{\"opacity\":0}}' \/>  No audio playback capabilities, please download the audio below<br \/><strong>Download Audio:<\/strong> Closed Format: <a href=\"http:\/\/www.wwwagner.tv\/audio\/20210821_1515_steul_willi_afghanistan_192.mp3\">MP3<\/a> <\/object> <!-- Generated by HTML5 Multimedia Framework (http:\/\/code.google.com\/p\/html5videoplayer) --> <\/audio>  \n<div style=\"height:10px;\"><\/div>\n<p><u>Wer<\/u>:<br \/>\n* Dr. Willi Steul, promovierter Ethnologe, ARD-Sonderkorrespondent in Afghanistan (1979-1982), Deutschlandradio-Intendant (2009-2017)<br \/>\n* J\u00f6rg Wagner, Freier Journalist<br \/>\n<u>Was<\/u>: Schalt-Gespr\u00e4ch \u00fcber die Rolle der Medien im Afghanistan-Konflikt<br \/>\n<u>Wann<\/u>: rec.: 21.08.2021, 15:15 Uhr, gesendet in einer k\u00fcrzeren Fassung im rbb Inforadio am 22.08.2021, 10:43\/19:43 Uhr<\/p>\n<div style=\"height:10px;\"><\/div>\n<div id='stb-container-9741' class='stb-container-css stb-custom-container stb-no-caption stb-image-none stb-ltr stb-border stb-side'><aside class='stb-icon'><img src='http:\/\/www.wwwagner.tv\/wp-content\/plugins\/wp-special-textboxes\/themes\/stb-dark\/heart.png'><\/aside><div id='stb-box-9741' class='stb-custom_box stb-box' ><br \/>\n<span style=\"font-size: 11pt; font-family: tahoma,arial,helvetica,sans-serif;\"><br \/>\n(w\u00f6rtliches Transkript, Auszug, H\u00f6rverst\u00e4ndnisfehler vorbehalten)<\/p>\n<div style=\"height: 20px;\"><\/div>\n<blockquote>\n<p>Dr. Willi Steul [00:00:00] <em>\u201cEs ist enorm wichtig, dass die afghanischen Menschen \u00fcber das, was auf der Loja Dschirga im Juni passiert, in diesem Startwert Prozess informiert werden, damit sie \u00fcberhaupt wissen, was ist. Wir kennen die Statistiken, die demographischen Werte der letzten Jahre nicht, aber ich sch\u00e4tze, dass wir zwischen 80 und 90 Prozent nicht schrifftkundige Menschen haben in Afghanistan. Das hei\u00dft, die kann man nur \u00fcber Radio und Fernsehen erreichen. Sehen Sie das nicht als ein ganz gro\u00dfes Manko an, dass das, was Sie tun, den Afghanen gar nicht zu vermitteln ist im Moment?\u201c<\/em> <\/p>\n<p>Dr. Mohammed Amin Farhang [00:00:38] <em>\u201eJa, da gibt es nat\u00fcrlich viele M\u00e4ngel und L\u00fccken. Die Radiosendungen werden \u00fcberall jetzt in Afghanistan empfangen, aber das Fernsehen ist beschr\u00e4nkt auf Kabul. Und dann gibt es lokale Fernsehstationen auf dem Lande. Auf der anderen Seite hat sich dieses Transistorradio in Afghanistan durchgesetzt. Das findet man \u00fcberall. Und wenn jetzt \u00fcber die Loja Dschirga, \u00fcber die Vorbereitungen und \u00fcber die Demokratisierungsversuche in Afghanistan berichtet werden, dann werden viele Leute das h\u00f6ren. Es gibt aber, ich muss sagen, an Hand oder wegen der Pressefreiheit in Afghanistan unterschiedliche Berichterstattungen. Es gibt nat\u00fcrlich in Afghanistan unterschiedliche politische Str\u00f6mungen und jeder dieser Str\u00f6mung versucht dieses Ereignis, also die Abhaltung der Loja Dschirga, nach seinem Geschmack zu schildern. Aber das ist eben Demokratie. Und die Menschen, wenn sie das h\u00f6ren, die werden selbst eine Meinung bilden. Die Afghanen sind zu 80 Prozent oder 90 Prozent vielleicht Analphabeten. Aber das bedeutet nicht, dass die politisch nicht was wissen, weil sie durch diesen Krieg, durch diese Ereignisse in den letzten 24 Jahren auch viel politisch gelernt haben.\u201d<\/em> <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:02:05] <strong>Das war der afghanische Minister f\u00fcr Wiederaufbau damals, Dr. Mohammed Armin Farhang, der in den 60er Jahren in Deutschland studierte und sich hier in dem Ausschnitt 2002 den Fragen unter anderem von Willi Steul stellte. Willi Steul ist uns jetzt, fast 20 Jahre sp\u00e4ter, zugeschaltet. Sie haben als Ethnologe mit afghanischen Themen promoviert, waren auch vor Ihrem beruflichen H\u00f6hepunkt als Deutschlandradio-Intendant unter anderem Sonderkorrespondent der ARD in Afghanistan in der Zeit der sowjetischen Besatzung. Herr Steul, angesichts der aktuellen Lage haben die Medien eine Mitschuld an dem politischen Chaos zurzeit in Afghanistan?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:02:41] Mitschuld w\u00e4re v\u00f6llig \u00fcberzogen, v\u00f6llig \u00fcbertrieben. Aber dass wir hier im Westen, dass wir hier in Europa immer nur teilinformiert waren. Wir waren informiert \u00fcber aktuelle Ereignisse. Es gibt bis heute keine festen Korrespondenten in Afghanistan, mit der Ausnahme: Also die Deutsche Welle hat wunderbare Mitarbeiter in Afghanistan, die ihnen auch f\u00fcr ihre Paschtu- und Dari- Redaktionen zuliefern, also f\u00fcr die Programme in den afghanischen Landessprachen. Aber wir sind relativ wenig informiert \u00fcber das, was in Afghanistan passierte in den letzten 10, 15, 20 Jahren. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:03:15] <strong>Das haben Sie mir bereits 2008 attestiert. H\u00f6ren wir mal, was im Medienmagazin im September von Ihnen da schon als Kritik gekommen ist: <\/strong><\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:03:24] <em>\u201cDie Medien sind immer nur auch ein Spiegel der Gesellschaft. Gerade Deutschland hat keinen echten au\u00dfenpolitischen Blick. Unsere Bev\u00f6lkerung ist sehr nach innen gerichtet. Wir haben auch Berichterstattungsmoden. Sie wissen als Kollegen, als Journalist genauso wie ich, dass wir pl\u00f6tzlich wochenlang \u00fcber ein Land und seine Verh\u00e4ltnisse &#8230; und pl\u00f6tzlich sind wir beim anderen. Und diese kontinuierliche, \u00fcber Hintergr\u00fcnde, soziale Verh\u00e4ltnisse, differenzierte Entwicklungen zu berichten, ist au\u00dferordentlich schwer. Wir sind auch im Aufbau, in der Organisation unserer Medien in Deutschland sehr auf das aktuelle Spotereignis ausgerichtet. Da ist selbstverst\u00e4ndlich: Der verletzte deutsche oder get\u00f6tete deutsche Soldat steht im Mittelpunkt und nichts anderes z\u00e4hlt dann mehr. Als ich Korrespondent in Afghanistan war f\u00fcr die ARD hatte ich es insofern leicht, denn es gab keinen vern\u00fcnftigen Telefonverbindungen. Ich war einmal vier Monate lang v\u00f6llig incommunicado, weil ich mit Mudschahidin im Land unterwegs war &#8211; mein Vorteil war damals sprach ich die Sprache noch &#8211; mit den Mudschahedin in dem Land unterwegs war. Das waren andere Arbeitsbedingungen und da war der Hintergrund wesentlicher als die aktuelle Spotberichterstattung.\u201d<\/em> <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:04:37] <strong>Nun sind wir auch da \u00fcber ein Jahrzehnt jetzt inzwischen weiter. Was, wenn Sie die Berichte jetzt verfolgen aus Afghanistan, wissen wir wirklich, was da abl\u00e4uft gerade? <\/strong><\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:04:49] Also ich glaube, es gibt Kollegen, die es wissen, und es gibt gl\u00e4nzende Kollegen. Also ich denke, gerade Christoph Reuter ist ein Kollege vom &#8222;Spiegel&#8220;, der hat in der jetzigen Ausgabe des &#8222;Spiegels&#8220; die Titelgeschichte geschrieben. Und die ist brillant. Die ist brillant nicht nur, &#8211; als Journalist kann ich meinen Hut davor ziehen von der Art, wie er schreibt &#8211; sondern auch von seinem Wissen. Aber das ist ein Mann, der hat Islamwissenschaften studiert. Der ist im Nahen Osten zu Hause. Der besucht seit Jahren immer wieder Afghanistan und nur mit so viel Hintergrundwissen und auch dem &#8230; ein Magazin &#8222;Spiegel&#8220; hat nat\u00fcrlich auch das Geld, um jemanden zu bezahlen, der da wochenlang recherchiert an einem Beitrag. Da sieht man, was Journalisten leisten k\u00f6nnen. Aber sie m\u00fcssen auch Vorwissen haben zu der Kultur und den Verh\u00e4ltnissen eines Landes. Und das ist nicht sehr verbreitet bei uns. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:05:40] <strong>Wir werden Christoph Reuter im Medienmagazin-Podcast auch mit einem Interview aus dem Jahre 2008 h\u00f6ren \u00fcber seine Arbeitsbedingungen, die er damals in einem Interview f\u00fcr das Medienmagazin zusammenfasste, damals noch f\u00fcr den &#8222;stern&#8220;. Aber gehen wir nochmal zur\u00fcck zum neuesten &#8222;Spiegel&#8220;. Da gibt es auch ein Interview mit dem Bundesau\u00dfenminister Heiko Maas. Er sagt: &#8222;Der Grund f\u00fcr den Afghanistaneinsatz waren die Anschl\u00e4ge vom 11.September 2001. Die NATO-Mission sollte sicherstellen, dass vom afghanischen Boden aus keine terroristischen Anschl\u00e4ge mehr ver\u00fcbt werden.&#8220; Sie kennen ja nicht nur die jetzige Phase, sondern Sie waren wie erw\u00e4hnt ja auch schon bei der sowjetischen Intervention in Afghanistan. Ist denn dieser Kriegsgrund jetzt pl\u00f6tzlich nicht mehr vorhanden, wie Biden und auch der Au\u00dfenminister Blinken sagt? Oder was sind die wahren Hintergr\u00fcnde f\u00fcr dieses Chaos zurzeit in Afghanistan?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:06:34] Also die al-Qaida, die Verbindung der al-Qaida zu dem Regime sind mit dem Sturz der Taliban abgebrochen. In Afghanistan gibt es keine, wie damals, keine Ausbildungscamps und Ausbildungslager mehr f\u00fcr den internationalen Terrorismus. Aber al-Qaida gibt es noch in Afghanistan, so wie die Taliban nie wirklich weg waren. Sie waren von der Macht vertrieben. Aber in vielen Teilen des Landes nat\u00fcrlich noch mit ihren Sympathisanten unterwegs. Das von Afghanistan jetzt wieder unmittelbar eine terroristische Bedrohung f\u00fcr die Welt ausgeht, das glaube ich zun\u00e4chst einmal nicht. Denn die Taliban haben ja auch gelernt, dass das der Grund war f\u00fcr die Intervention der internationalen Truppen. Wobei, das war immer zweigleisig. Ein Ziel war die Zerst\u00f6rung des internationalen, von Afghanistan ausgehenden internationalen Terrorismus. Da muss man sagen, das ist gelungen. Das zweite Ziel: Darin hat sich die Weltgemeinschaft absolut verhoben. Das war das sogenannte Nation-Building. Man versuchte in Afghanistan eine Demokratie zu errichten, auch mit unseren Werten. Und ich kann nur sagen, das war f\u00fcr mich von vornherein absehbar, dass dies nicht funktionieren wird. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:07:46] <strong>Warum nicht?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:07:47] Das hat etwas mit der kulturellen Arroganz des Westens und von uns zu tun. Wir gehen &#8230; jetzt spricht nat\u00fcrlich ein bisschen auch der Ethnologe in mir. Aber wir gehen an fremde V\u00f6lker, deren Kultur wir nicht kennen, mit der Erwartung heran, dass die alle Hurra schreien, wenn wir ihnen unsere Werte bringen. Und das ist nat\u00fcrlich nicht der Fall. Wir haben auch Assoziationen, die uns daran hindern, anders zu denken. Ich gebe Ihnen ein Stichwort. Wenn der durchschnittliche Westeurop\u00e4er &#8222;Stammesstruktur&#8220; h\u00f6rt, assoziiert er damit finsteres Mittelalter. Es kommt ihm nicht in den Kopf, dass solche Strukturen \u00fcber Jahrhunderte entstanden sind, um das einigerma\u00dfen ordentliche Leben in einem bestimmten kulturellen, geografischen Zusammenhang zu erm\u00f6glichen. Wir assoziieren auch mit &#8222;Islam&#8220; fast automatisch Handabhacken und das Steinigen von Frauen. Das ist zu undifferenziert. Der Westen ist mit v\u00f6llig falschen Voraussetzungen nach Afghanistan gegangen und ist daran dann im Nation-Building gescheitert. Es kommen nat\u00fcrlich noch viele andere Dinge dazu. Korruption und und und und und &#8230; das kann ich jetzt alles gar nicht ausf\u00fchren. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:08:51] <strong>Aber vielleicht nochmal tats\u00e4chlich meine Eingangsfrage, inwieweit Medien mitschuldig sind, wenn wir fremde Kulturen nicht verstehen ausreichend. Und wenn sich die Wissenschaft auch nicht so stark machen kann in der Beratung, ich sage mal auch, von wesentlichen Entscheidern einer Regierung. Ist dann vielleicht nicht doch etwas faul mit der Art und Weise, wie Medien berichten, dass sie zu sehr immer auf Skandale, auf Todesf\u00e4lle, auf Katastrophen geeicht sind und dass die Hintergrundberichterstattung v\u00f6llig untergeht? <\/strong><\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:09:23] Ja, wir sind auf das Sensationelle, auf die schnelle News und das wird immer schlimmer mit den sozialen oder wie ich sie nenne asozialen Medien und der Verbreitung der Internet-News-Verbreitung. Es wird immer sensationeller. Das Spektakul\u00e4re. Nur die Klicks z\u00e4hlen und der Aufwand, der getrieben werden muss auch in der Rekrutierung von Journalisten, die sich lange vorbereiten auf bestimmte Regionen der Welt. Daf\u00fcr wird immer weniger Geld in die Hand genommen und investiert. Also ich sehe in der Beziehung in Deutschland nicht viel Initiativen, die das F\u00f6rdern. Wir haben nicht umsonst &#8230; Nat\u00fcrlich in England haben wir eine internationale Berichterstattung, die ist Klassen besser als die, die wir in Deutschland haben, und zwar in allen Medien, sowohl in der BBC als auch im Fernsehen und in den Zeitungen, weil sie auch ein Publikum vorfinden, das mehr an der Welt interessiert ist, als das deutsche Publikum es ist. Und jetzt will ich nochmal ein Wort zur Wissenschaft verlieren. Ich habe als Berater zuletzt noch eine Studie gemacht in den 90er Jahren f\u00fcr die UNO, die R\u00fcckf\u00fchrung von Fl\u00fcchtlingen. Ich war in anderem Zusammenhang in einem Beratungsteam, wo es darum ging, wie geht man um mit Staaten, die die Scharia zum Gesetz erheben. Und da habe ich immer wieder gesehen, dass wir Wissenschaftler uns einig waren und dass die Politik es nicht h\u00f6ren wollte. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:10:48] <strong>Nun f\u00e4llt in Ihre Zeit als Deutschlandradio-Intendant ein politischer Zwischenfall. Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler wurde f\u00fcr das Deutschlandradio Kultur nach einem Besuch von Bundeswehr-Truppen in Afghanistan im Mai 2010 w\u00e4hrend des R\u00fcckflugs von Christopher Ricke gefragt:<\/strong> <\/p>\n<p>Christopher Ricke [00:11:03] <em>\u201eIn der politischen Debatte wird auch dar\u00fcber nachgedacht, ob das Mandat, das die Bundeswehr in Afghanistan hat, ausreicht, weil wir uns inzwischen in einem Krieg befinden. Brauchen wir ein klares Bekenntnis zu dieser kriegerischen Auseinandersetzung und vielleicht auch einen neuen politischen Diskurs?\u201c<\/em> <\/p>\n<p>Bundespr\u00e4sident Horst K\u00f6hler [00:11:20] <em>\u201eNein, wir brauchen einen politischen Diskurs in der Gesellschaft. Wie es kommt, dass Respekt und Anerkennung zum Teil doch zu vermissen sind, obwohl die Soldaten so eine gute Arbeit machen. (&#8230;) Und ich finde es in Ordnung, wenn in Deutschland dar\u00fcber immer wieder auch skeptisch mit Fragezeichen diskutiert wird. Meine Einsch\u00e4tzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu bestehen. Dass ein Land unserer Gr\u00f6\u00dfe mit dieser Au\u00dfenhandelsorientierung und damit auch Au\u00dfenhandelsabh\u00e4ngigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch milit\u00e4rischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren. Zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilit\u00e4ten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zur\u00fcckschlagen negativ bei uns durch Handel, Arbeitspl\u00e4tze und Einkommen zu sichern. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.\u201c<\/em> <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:12:35] <strong>Die Verkn\u00fcpfung von Bundeswehreins\u00e4tzen mit Wirtschaftsinteressen wurde stark kritisiert von SPD, Gr\u00fcnen und Linkspartei. Es gab auch Irritationen in der CDU und FDP. Neun Tage nach diesem Radiointerview erkl\u00e4rte K\u00f6hler seinen R\u00fccktritt. Wie haben Sie diese Ereignisse in Erinnerung?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:12:51] Der arme Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler ist in einem &#8230; es war ein v\u00f6llig normales Interview und hatte in diesem Interview gesagt, dass wir in unserer Au\u00dfenpolitik auch unsere Interessen au\u00dferhalb unserer Grenzen verteidigen m\u00fcssen. S\u00e4tze, die im Wei\u00dfbuch zur Sicherheits- und Au\u00dfenpolitik standen. Und das wurde einfach politisch instrumentalisiert durch einen dummen Zufall. Es waren \u00fcbrigens Studenten in T\u00fcbingen, die das problematisiert haben. Das raste durch die Medien und der arme K\u00f6hler, der nat\u00fcrlich auch aus anderen Gr\u00fcnden angefasst war, das war f\u00fcr ihn der Anlass zur\u00fcckzutreten. Ich habe den Fall, das k\u00f6nnen Sie sich vorstellen, noch pr\u00e4zise in Erinnerung mit dem Kollegen, der das Interview gef\u00fchrt hat und auch von den Aussagen von K\u00f6hler, ist \u00fcberhaupt keine Abstrich zu machen. Das wurde instrumentalisiert und genutzt. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:13:39] <strong> &#8230; aber zeigt vielleicht, dass wir, was das Thema Afghanistan betrifft, ja, sagen wir, immer noch so eine gewisse Aufgeregtheit haben. Auch jetzt zum Beispiel gibt es Meldungen, dass [ein] Angeh\u00f6riger eines DW-Journalisten, eines Journalisten der Deutschen Welle zu Schaden gekommen ist, sogar get\u00f6tet wurde. Und die Deutsche Welle schweigt. Sie m\u00f6chte sich zu diesem Ereignis nicht \u00e4u\u00dfern. Ist das etwas, was aus Ihrer Sicht verst\u00e4ndlich ist? Dass wir &#8230; <\/strong><\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:14:07] Der Kollege Limbourg ist ein kluger Mann. Er wei\u00df ganz genau, dass er, wenn er jetzt sozusagen einen Skandal macht und gro\u00df trompetet und Afghanistan angreift und die Taliban, das kann nur schlimmer werden. Limbourg und die Deutsche Welle haben eine ganze Zahl, ich wei\u00df nicht, jetzt bestimmt 20, 25 Mitarbeiter, Afghanen, die ihnen in Afghanistan zugearbeitet haben und um die sie nun jetzt nat\u00fcrlich Angst haben m\u00fcssen. Insofern ist das klug, wenn Kollege Limbourg nicht allzu \u00f6ffentlich aufschreit. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:14:40] <strong>Welche Aufgabe haben jetzt die Medien zurzeit? Wie sehen Sie die, angesichts der Tatsache, dass eben sich immer mehr Berichte auch h\u00e4ufen, dass Journalisten anderer Medien angegriffen werden, dass einheimische Medien besucht werden mit MPI-verst\u00e4rkter Wachmannschaft? Das ist ja kein Klima, wo man wirklich Berichterstattung in allen Facetten erm\u00f6glichen kann. Also es gibt diesen Spruch: Im Krieg stirbt immer erst die Wahrheit. Haben wir jetzt so eine kriegerische Situation?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:15:09] Naja, es ist eine extreme Krisensituation und wenn ich sehe, die ARD hat keinen eigenen Korrespondenten im Land. Das ZDF \u00fcbrigens auch nicht. Die ARD berichtet von New Delhi aus mithilfe von Mitarbeitern, von Stringern, die in Afghanistan sind. Das ZDF &#8211; und ich finde &#8211; beide machen eine gute Berichterstattung, das ZDF mit dem Kollegen Walpot aus der T\u00fcrkei. Aber die Mitarbeiter in Kabul sind gef\u00e4hrdet und man wei\u00df nicht, wie lange diese Nachrichten \u00fcberhaupt noch \u00fcbermittelt werden k\u00f6nnen und inwieweit sie dann, jetzt im Moment noch nicht, aber sp\u00e4ter immer st\u00e4rker kontrolliert werden. Eine halbwegs freie Medienarbeit ist derzeit in Afghanistan nicht zu machen und das wird deutlich schwieriger werden. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:15:56] <strong>Und wie sieht es aus, was haben Sie f\u00fcr Informationen \u00fcber die einheimischen Medien? Wir haben am Anfang diesen Ausschnitt geh\u00f6rt, dass ein sehr gro\u00dfer Teil der afghanischen Bev\u00f6lkerung Analphabeten waren. Hat sich die Situation wesentlich verbessert, dass also auch Zeitungen gelesen werden k\u00f6nnen in dem Umfang, wie es vielleicht n\u00f6tig ist, dass andere Schrifftmedien wie das Internet vielleicht auch Einzug gehalten haben?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:16:21] Also es gibt Blogger. Es gibt YouTuber. Es gibt ein unabh\u00e4ngiges, ganz interessantes privates Fernsehen: Tolo News. Dort wurde dieses Interview gef\u00fchrt von einer Frau mit einem Talib, mit einem Sprecher der Talib. Das ist diese Moby Group. Das ist Anfang der &#8230; ich glaube, das war 2002 oder 2003 wurde die von einem Exil-Afghanen, der zur\u00fcckgekommen ist nach Kabul, gegr\u00fcndet. Das sind unabh\u00e4ngige Medien. Das waren unabh\u00e4ngige Medien. Es gab einen Internet-Sender Sun TV von Frauen f\u00fcr Frauen. Ganz interessant. Das konnte man auch hier nat\u00fcrlich verfolgen und sehen. Der ist schon zugemacht. Die senden nicht mehr. Und nat\u00fcrlich geht die Angst um. Was passiert jetzt? Die Kolleginnen leben in einer v\u00f6lligen Unsicherheit. Was wird mit uns? Sie m\u00fcssen um ihr Einkommen f\u00fcrchten. Sie m\u00fcssen um ihr Leben f\u00fcrchten. Journalisten wurden bereits umgebracht. Das ist ein Druck, der ist unglaublich. Und wir werden auch vorsichtig sein m\u00fcssen. Alle Informationen, die wir aus Afghanistan bekommen, inwieweit die glaubhaft sind. Gelingt es noch, Gegenrecherche zu machen? Gelingt es noch Kollegen wie Christoph Reuter, um ihn noch einmal zu erw\u00e4hnen, der eine so gl\u00e4nzende Berichterstattung macht, im Land noch zu reisen und unabh\u00e4ngig Gespr\u00e4che zu f\u00fchren? Das ist alles v\u00f6llig unsicher. Und die afghanischen Medien, auch die privaten &#8211; es gibt zahllose private Rundfunkanstalten &#8211; die werden alle unter erheblichen Druck kommen und dann auch gesteuert werden von den Taliban. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:17:52] <strong>Ich kann mich noch erinnern, es gab frohe Meldungen seinerzeit, dass sich Afghanen mit Satellitensch\u00fcsseln ausgestattet haben. F\u00fcrchten Sie, dass da m\u00f6glicherweise Satellitensch\u00fcsseln abgebrochen werden? Und dass &#8230;  ja der Zustand von 2001 wiederhergestellt wird?<\/strong> <\/p>\n<p>Dr. Willi Steul [00:18:10] Also das w\u00e4re jetzt das Lesen im Kaffeesatz, zumal die Taliban &#8230; es gibt ja drei sozusagen politische Gruppierungen. Es gibt eine Quetta Shura. Es gibt eine in Peschawar. Dann gibt es die, die in Doha sitzen. Wir wissen nicht, wie die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zwischen diesen drei politischen Str\u00f6mungen sind. Wir wissen nicht wirklich, welchen Zugriff, welche Kontrolle diese politischen F\u00fchrungsgremien der Taliban auf die Kampf-Kommandeure im Land haben, ob sie denen \u00fcberhaupt etwas verbieten k\u00f6nnen. Wir h\u00f6ren Meldungen aus den Provinzen, wo Frauen auch gejagt werden, wo Frauen nicht mehr aus dem Haus d\u00fcrfen. Andererseits gibt es die Erkl\u00e4rungen, die von den f\u00fchrenden Taliban jetzt aus Kabul kommen, die ja moderat klingen. Ich gehe davon aus, die Ideologie der Taliban hat sich nicht wirklich ge\u00e4ndert, aber die &#8230; die Verkaufe hat sich ge\u00e4ndert. Und im Moment sind sie klug genug, haben Kreide gefressen, um der \u00d6ffentlichkeit, der Welt\u00f6ffentlichkeit zu sagen: Es wird nicht so schlimm. Ich bin da skeptisch, aber ich w\u00e4re \u00fcbergl\u00fccklich, wenn man mich vom Gegenteil \u00fcberzeugen w\u00fcrde. <\/p>\n<p>J\u00f6rg Wagner [00:19:15] <strong>Dr. Willi Steul, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong> <\/p>\n<\/blockquote>\n<p><\/div><\/div>\n<div style=\"height:10px;\"><\/div>\n<hr \/>\n<div style=\"height: 5px;\"><\/div>\n<p><html><br \/>\n     <head><\/p>\n<style type=\"text\/css\">\n       body {\n                     background: #DADADA;\n       }\n      <\/style>\n<p>     <\/head><br \/>\n     <body><br \/>\n<\/body><br \/>\n    <\/html><br \/>\n<script src=\"https:\/\/apis.google.com\/js\/plusone.js\" type=\"text\/javascript\">\/\/ < ![CDATA[ {lang: 'de'} \/\/ ]]><\/script><br \/>\n<script src=\"http:\/\/twittercounter.com\/embed\/?username=medienmagazin&amp;style=avatar\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/p>\n<p><noscript><a href=\"http:\/\/twittercounter.com\/medienmagazin\">medienmagazin on Twitter Counter<\/a><\/noscript><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>No audio playback capabilities, please download the audio belowDownload Audio: Closed Format: MP3 Wer: * Dr. Willi Steul, promovierter Ethnologe, ARD-Sonderkorrespondent in Afghanistan (1979-1982), Deutschlandradio-Intendant (2009-2017) * J\u00f6rg Wagner, Freier Journalist Was: Schalt-Gespr\u00e4ch \u00fcber die Rolle der Medien im Afghanistan-Konflikt Wann: rec.: 21.08.2021, 15:15 Uhr, gesendet in einer k\u00fcrzeren Fassung im rbb Inforadio am 22.08.2021, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[17],"tags":[1278],"class_list":["post-50450","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuell","tag-afganistan"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=50450"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50450\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50457,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/50450\/revisions\/50457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=50450"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=50450"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.wwwagner.tv\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=50450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}