Baumann, Thomas

„Kritik verpufft“


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Telefoninterview mit Thomas Baumann, ARD-Chefredakteur
im radioeins-Medienmagazin vom 05.02.2011 (rbb)

Jörg Wagner: Wer in der Öffentlichkeit steht und zudem noch mit Geld aus über 40 Millionen Haushalten finanziert wird, muss damit rechnen, dass er besonders kritisch beobachtet wird. Medienkritik in diesem Lande ist zumeist Fernsehkritik. Und Kritik an der ARD fokussiert sich tendenziell auf das Erste. Die Nordafrika-Berichterstattung sei zu schwer in die Gänge gekommen. Während in Ägypten historisches passierte, sprach man z. B. bei Anne Will über die innenpolitischen Probleme des Verteidigungsministers oder zeigte in der Soap Rote Rosen, ob Tim einer gewissen Gesa Hoffnungen machen solle. Es fehle das journalistische und ethische Gespür und man lasse sich nicht aus der Ruhe bringen, wie z. B. die FAZ kritisiert. Ich freue mich jetzt, am Telefon zu haben den ARD-Chefredakteur Thomas Baumann. Ich grüße Sie!

Thomas Baumann: Ich grüße Sie, Herr Wagner!

Jörg Wagner: Sie werden auch die Kritik verfolgt haben, was ist denn davon Kritik, wo Sie sagen, da können wir mitgehen und was ist Polemik?

Thomas Baumann: In diesem Fall können wir mit dieser Kritik überhaupt nicht mitgehen. Entweder ist sie böswillig oder miserabel recherchiert. Beispielsweise hat die FAZ in ihrer Donnerstagsausgabe – und die FAZ ist ja eine deutsche Qualitätszeitung – berichtet, wir hätten im ARD-Mittagsmagazin am Mittwoch dieser Woche nur einen einzigen Beitrag mit Archivbildern gezeigt …

Jörg Wagner: Sozusagen ein Pflichtstück.

Thomas Baumann: Ja, genau. Ein Pflichtstück. Richtig ist, wir hatten ein brandaktuelles Stück unseres Korrespondenten aus Kairo mit Bildern, die wenige Minuten alt waren. Wir hatten ein Stück zur Rede Obamas in Washington, einen Beitrag zu Reaktionen in Berlin, ein Stück zur Lage in Jordanien und ein Live-Interview mit unserem Kairoer Korrespondenten. Soviel dazu.

Das zeigt also in diesem Punkt, speziell auf diesen Artikel bezogen, war die Information oder die Kritik an uns aus meiner Sicht absolut unzulässig und nicht irgendwie fundiert. Generell, es ist ja nicht nur die FAZ, sondern es sind viele deutsche Medienjournalisten, gibt es die Kritik, wir machten zu wenig. Ich möchte Ihnen einfach sagen, wir haben in den letzten Tagen und nicht erst gestern, vorgestern, sondern bereits ab Freitag letzter Woche insgesamt vier ARD-Brennpunkte zur besten Zeit, um 20.15 Uhr gesendet.

Und was sehr viele einfach übersehen, weil sie das Programm auch nicht so beobachten wollen oder können, ist, wir haben x tagesschau-extra-Ausgaben gemacht. Wir haben an den Tagen, an denen wir keine Brennpunkte gesendet haben die Hauptausgabe der tagesschau um 20.00 Uhr um mehrere Minuten verlängert. Wir sind reingegangen ins Europamagazin, haben dort das Magazin komplett umgeschmissen in Bezug in Richtung Ägypten.

Wir haben selbstverständlich den ARD-Weltspiegel, wo ohnehin Auslands-Berichterstattung erwartet wird von uns, am letzten Sonntag umgebaut. Wir haben auch reagiert in den Talksendungen. hart aber fair hat am vergangenen Mittwoch selbstverständlich das Thema Ägypten gemacht. Anne Will wird es am morgigen Sonntag ebenso tun. Also, insofern vermag ich ganz, ganz schwer nachzuvollziehen, warum diese Kritik berechtigt sein sollte.

Jörg Wagner: Nun ist ja das erste Fernsehprogramm zwar im Fokus der Kritik, aber vielleicht auch nicht unberechtigt. Weil das Erste natürlich das Hauptprogramm ist und man dort auch Programmunterbrechungen erwartet, wenn denn Wichtiges passiert. Warum sieht man so wenig im Ersten tatsächlich außerhalb des normalen Formats Sondersendungen?

Thomas Baumann: Ja, Herr Wagner, man muss einfach dazu sagen, wir sind sehr wohl in der Lage bei bestimmten Nachrichtenlagen das Programm sofort zu unterbrechen und ganz großflächig reinzugehen. Nehmen Sie das letzte Jahr, als Bundespräsident Köhler zurücktrat, da haben wir binnen weniger Minuten das komplette Programm umgeschmissen und stundenlang über dieses Ereignis berichtet. Ähnlich war’s bei 9/11. Nun ist es aber in Kairo anders. Wir haben eine Nachrichtenlage, wo praktisch stündlich ein gewisses Quantum an neuen Informationen hinzu kommt, ohne dass sich die Nachrichtenlage komplett ändert. Das ist der erste Punkt.

Und der zweite Punkt ist, man muss einfach sehen, das Erste Deutsche Fernsehen ist kein Nachrichtenkanal. Es ist ein Vollprogramm, das auch andere Publikumsbedürfnisse als Information zu befriedigen hat. Natürlich spielt bei uns gerade in solchen Situationen die Information die herausragende Rolle, aber wenn wir beispielsweise das Programm unterbrechen würden und würden jetzt großflächig Live-Bilder vom Tahrir-Platz, die ja anliegen in der Regel, über 15, 20, 60 min zeigen, ich glaube, unser Publikum, das Publikum des Ersten Deutschen Fernsehens würde das nicht goutieren.

Wir setzen darauf, dass wir lieber bei solchen Entwicklungen Zusammenfassungen, kompakte Zusammenfassungen anbieten und nicht uns sozusagen in einem, ja ich sag mal so, unübersichtlichen Bilderbrei mit ständigen Wiederholungen begeben. Das ist unser Geschäft nicht. Es gibt ja Nachrichtenkanäle, auch der ARD. EinsExtra ist ein derartiges Programm, wo sie im Viertelstundentakt die neuesten Informationen abrufen können und wer lieber die großflächige Live-Berichterstattung hat, der ist im öffentlich-rechtlichen auch gut aufgehoben bei phoenix. Die Kollegen von phoenix bieten genau das an. Das heißt also, wir haben hier einfach eine Aufgabenteilung vorgenommen.

Jörg Wagner: Aber dennoch gibt es vielleicht etwas an den Vorwürfen oder an den kritischen Betrachtungen, wo Sie sagen, da müssen wir intern vielleicht optimieren? Eine Krise ist zwar immer wieder neu, aber vielleicht gibt es ja auch Bremssteine im System, denn, dass das letzte Wochenende vielleicht nicht ganz optimal gelaufen ist … ich weiß nicht, wie das bei Ihnen eingeschätzt wurde?

Thomas Baumann: Ja, ich habe auch in Bezug auf das letzte Wochenende kein schlechtes Gewissen. Ich sag das nicht, weil ich hier das System zu verteidigen habe. Aber wissen Sie, wenn Sie dann die tagesschauen dort, wo die Leute ohnehin die Information abrufen wollen, wirklich verlängern, damit sie also statt zwei, sechs oder sieben Minuten zu Ägypten mit den wichtigsten Bildern, den wichtigsten Aussagen machen, wenn sie dann Europamagazin umstellen, Weltspiegel umstellen und genau die Punkte, wo die Leute auch Auslandsberichterstattung erwarten, dann habe ich schon ganz klar die Ansicht, dass wir uns da an der Stelle nichts vorzuwerfen haben, jedenfalls was die Fläche der Berichterstattung angeht.

Und was die Inhalte angeht, sind wir mit unserem ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster und mehreren anderen durchaus auch sehr gut aufgestellt. Armbruster ist jemand, der viele Jahre in Ägypten im Einsatz war, der das Land exzellent kennt, der die arabische Welt exzellent kennt. Insofern, wie gesagt, verpufft diese Kritik jedenfalls in meinen Augen.

Jörg Wagner: Nun gibt es ja auch, sagen wir mal, wohlwollende Mitstreiter, sogar Korrespondenten der ARD, wie Christoph Maria Fröhder. Der hatte nun inhaltliche Probleme mit der gegenwärtigen Berichterstattung. Er lässt sich in einem Interview zitieren: „CNN ist es beispielsweise problemlos gelungen, ein 40-minütiges Interview mit ElBaradei zu bekommen, obwohl der unter Hausarrest stand. Wie das? Die sind einfach hingefahren und habens im Garten hinterm Haus gemacht. Was ich bei ARD und ZDF gesehen habe, waren dagegen Schnittbilder während einer Demo, mit begrenzter Aussage.“

Thomas Baumann: Ja, wissen Sie, ich kann zum konkreten Fall, was ElBaradei und das Interview angeht, nichts sagen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Herr Fröhder die Umstände, unter denen dieses Gespräch zu Stande gekommen ist, wirklich kennt. Tatsache ist, dass CNN natürlich an bestimmten Brennpunkten in der Welt personalmäßig wesentlich stärker aufgestellt ist, zahlenmäßig stärker aufgestellt ist und ob das bei denen ein Korrespondent gemacht hat oder möglicherweise ein ägyptischer Kollege oder Stringer, der für CNN arbeitet, weiß ich nicht. Also, es wird immer irgendwo Leistungen von Häusern geben, in diesem Fall CNN, die vielleicht punktuell an einer Stelle interessanter, besser und aktueller sind, als das, was das Erste Deutsche Fernsehen geboten hat.

Es kann aber auch umgekehrt laufen. Schauen Sie, wenn Sie unsere Brennpunkte ansehen, wir haben dann außerordentlich authentische Schilderungen gehabt von deutschen Bürgern beispielsweise am Donnerstag in einem Brennpunkt von einer deutschen Studentin, die sehr anschaulich live geschildert hat, was sie auf dem Tahrir-Platz erlebt hat, wie sie verfolgt wurde in ihre Wohnung, wie sie um ihr Leben gebangt hat und was sie dann gemacht hat, um aus dieser Klemme herauszukommen. Um dieses Interview haben uns gestern oder vorgestern viele beneidet. Es wird immer bei solchen großen Krisen, die über viele Tage hinweg andauern, vorkommen, dass es dann punktuell Leistungen von Sendern gibt, bei denen wir auch sagen, das hätten wir gerne gehabt. Aber so ist das wie im normalen Leben eben auch.

Jörg Wagner: Weil Sie sagten, möglicherweise haben andere Sender eine andere Personaldecke. Nun stehen Sie ja in dem Dilemma, dass zum Beispiel so etwas wie eine Adelshochzeit, die ja schon seit Wochen im Gespräch ist, möglicherweise in der Diskussion einen solch starken Stellenwert bekommt, dass man natürlich mit dem ganzen Technikequipment, mit dem Personalaufwand, den eine solche Live-Übertragung mit sich bringt, dass man dann in Relationen gezwungen wird zur Krisen- Berichterstattung. Ist da vielleicht dennoch etwas Wahres dran, dass hier möglicherweise durch die plötzliche Krisenberichterstattung da ein Defizit entsteht…

Thomas Baumann: Nein.

Jörg Wagner: … und das Schwergewicht zu Gunsten der Adelshochzeit, zumindest von außen her zu betrachten ist?

Thomas Baumann: Herr Wagner, da werden wirklich… da würden, wenn man es so machte, Äpfel mit Birnen verglichen. Eine Hochzeit, ist ein Termin, der über Monate vorher feststeht. Da können sie sich akribisch darauf vorbereiten, können auch mit Personal planen. Bei uns in der ARD, im Ersten Deutschen Fernsehen, ist es so, dass der Südwestrundfunk in Stuttgart der federführende Sender für Ägypten, für Kairo ist und die haben sehr umsichtig gehandelt.

Das heißt beispielsweise schon in der letzten Woche, Mitte letzter Woche haben die bemerkt, aha da könnte was anbrennen und haben dann den Kollegen Armbruster sukzessive noch in der letzten Woche um einen weiteren Kollegen verstärkt, in dieser Woche um einen weiteren zweiten Kollegen. Das heißt also, wir haben aus meiner Sicht durchaus sehr, sehr frühzeitig bemerkt, dass da etwas anbrennen könnte und haben dann entsprechend gehandelt.

Was nicht geht, um es deutlich zu sagen, ist, dass wir uns auf jede mögliche Krise, die eventuell unter Umständen irgendwo in der Welt passieren könnte, so einrichten, dass wir dort gleich viel Personal hinschicken. Wir können soviel Personal nicht vorhalten, weil es schlichtweg zu teuer ist. Im konkreten Punkt, was Ägypten angeht, bin ich mir sicher, dass wir mit drei Korrespondenten, jedenfalls bis zum Donnerstagabend ganz gut aufgestellt waren. Jetzt hat die Lage erzwungen, dass wir auch unser Personal in Ägypten reduzieren mussten, weil es einfach für deutsche Journalisten mittlerweile zu gefährlich geworden ist, dort sich sehen zu lassen und im Lande zu verbleiben. Momentan sieht es so aus, als würde der Kollege Armbruster in Ägypten bleiben.

Allerdings ist seine Bewegungsfreiheit auch extrem eingeschränkt. Er kann nicht mehr im Studio, das sich in der Innenstadt befindet, arbeiten. Er kann nicht mehr in das Hotel Hilton Ramses, wo er einen ausgezeichneten Blick hatte auf den Tahrir-Platz, sondern er hat sich zurückgezogen in andere Teile der Stadt und momentan ist es eher das große Problem, vor dem wir stehen, dass wir die Berichterstattung, vor allem eine authentische Berichterstattung, eigenrecherchierter Informationen und eigens gedrehter Bilder momentan jedenfalls nicht gewährleisten können, weil es schlichtweg für westliche Kollegen zu gefährlich ist, sich an die Brennpunkte der Stadt zu begeben.

Jörg Wagner: Weil Sie die Krisenredaktion beim Südwestrundfunk erwähnten, ist das im Prinzip die Redaktion, die Christoph Maria Fröhder auch in seiner Kritik formulierte, dass es die nicht gäbe bei der ARD?

Thomas Baumann: Ach, entschuldigen Sie bitte, der Kollege Fröhder ist ein wirklich exzellenter Korrespondent und ein verdienter Kollege. Ich kann nicht nachvollziehen, weshalb er an der Stelle meint, wir hätten da möglicherweise ein Defizit. Richtig ist, die Kollegen vom Zweiten Deutschen Fernsehen, das ist ein einziger Kanal, haben eine permanente Krisenredaktion beim ZDF. Die sind aber als Haus ohnehin ganz anders aufgestellt. Das Erste Deutsche Fernsehen wird bestückt von neun Landesrundfunkanstalten und beim Südwestrundfunk in Stuttgart, die sind zuständig für Ägypten, ist es so, dass dort seit über einer Woche auch ein Krisenteam gibt, das im Prinzip rund um die Uhr den Kontakt hält zu unseren Korrespondenten, die auch ARD aktuell, also tagesschau und tagesthemen mit eigenen Stücken beliefern, wenn unsere Korrespondenten nicht in der Lage sind eigens gemachte Bilder für die tagesschau anzubieten.

Wir haben einen ARD-Krisenkoordinator beim Westdeutschen Rundfunk, der beispielsweise in den letzten Tagen außerordentlich wertvoll war, als es darum ging, dass wir unsere Leute aus dem Hilton-Hotel evakuieren müssen. Das ist eine hochkomplizierte Aktion, die auch nicht ungefährlich ist. Das heißt, wir sind an der Stelle anders aufgestellt, als das Zweite Deutsche Fernsehen, aber mit Sicherheit nicht schlechter. So etwas wie eine Krisenredaktion, die gibt es auch im Ersten, die sitzt in Stuttgart und leistet eine sehr, sehr gute Arbeit.

Jörg Wagner: … meint der ARD Chefredakteur, Thomas Baumann. Ich bedanke mich für die transparenten Informationen.
(Wörtliches Transkript)

(Fotos: © ARD, ARD/Ralf Wilschewski)

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