Bellut, Thomas

„Die Zuschauer erwarten einen verlässlichen Sender“

Was: Interview zum Amtsantritt als ZDF-Intendant
Wer: Dr. Thomas Bellut, ZDF-Intendant (seit 15.03.2012); Fragen: Werner Lange
Wo: Mainz, Lerchenberg, ZDF-Zentrale
Wann: 16.03.2012, veröffentlich am 17.03.2012 im radioeins-Medienmagazin, rbb

(wörtliches Transkript)

0:00
Werner Lange: Herr Dr. Bellut, Ihr Vorgänger, Markus Schächter, prägte den Satz für das Fernsehen: wer nicht ins Netz geht, geht ins Museum. Wie wichtig werden die Möglichkeiten der neuen Techniken in Ihrer Intendantenzeit sein?

Thomas Bellut: Na gut, die wichtigsten Bausteine liegen ja auf dem Tisch. Digitalisierung ist erfolgt, Internet wird immer wichtiger. Das bleibt so. Daran müssen wir jetzt feilen. Wir müssen auch im Internet an die Inhalte denken, gucken, wo sind wir besonders wirkungsvoll. Das ist die übliche Programmarbeit, die in kleinen Schritten läuft, aber unheimlich wichtig ist. Und dann wollen wir ein noch wichtiger Player im Netz sein.

0:35
Werner Lange: Sie kommen aus dem Programm, wollen auch ein Programmintendant sein. Wie viele Neuerungen kann man als großer nationaler Sender den Zuschauern zumuten? Sie streben jährlich 10 % mehr junge Zuschauer an.

Thomas Bellut: Das bezieht sich auf die Digitalkanäle. Und Ihre Frage ist insofern richtig: die Zuschauer erwarten einen verlässlichen Sender. Neuerungen dürfen nie überhastet sein und dürfen nie das Gesamtbild beeinträchtigen. Gleichwohl sind sie notwendig. Und Modernisierung heißt für mich: ich will damit genauso die Jüngeren, wie die Älteren erfreuen. Denn auch die älteren Zuschauer erwarten ein frischeres Programm. Da bin ich mir ganz sicher. Wenn sie auf ein Popkonzert mittlerweile gehen, treffen sie mehr der über 50jährigen dort, als die jüngere Generation. Es hat sich enorm etwas verändert, auch im Altersempfinden. Die Modernisierung ist also unabhängig von der Verjüngungsdiskussion einfach notwendig.

1:32
Werner Lange: Verschiedener Politiker stellen infrage, ob das ZDF so viele digitale Kanäle braucht. Nehmen Sie diese Politikvorstöße ernst?

Thomas Bellut: Ja, klar. Also man muss, wenn man über Gebühren finanziert ist, ist doch die Frage klar, was kriegen die Zuschauerinnen und Zuschauer für diese Gebühren, ist das alles richtig sortiert? Darüber müssen wir nachdenken. Ich bin nur als Intendant des ZDF sehr zufrieden mit der Entwicklung unserer Digitalkanäle. Ich hab hervorgehoben Neo und Info, die außerordentlich erfolgreich sind. Und das sind interessante Programme, die kein Gegenstück auf dem deutschen Markt haben. Insofern warten wir die Diskussion gestützt auf diese Ergebnisse gelassen ab. Aber sie ist notwendig. Ganz klar. Wir müssen immer die Diskussion führen auch mit der ARD, wie wir uns noch verbessern können in der Aufstellung.

2:21
Werner Lange: Sie sprachen da von Optimierung des öffentlich-rechtlichen Systems. Gegen Ihre Gedanken noch weiter?

Thomas Bellut: Ja, also je besser das Gesamtsystem – das sehe ich schon so, ARD und ZDF sind untrennbar miteinander verbunden – das Gesamtsystem muss möglichst gut performen. Und das erfordert eine Abstimmung. Ich halte nichts davon zum Beispiel, dass die Hauptkanäle in der gleichen Farbe gegeneinander programmieren. Das wird aber immer Streit geben in Einzelpunkten, aber ich habe den Eindruck, dass auch die ARD-Führung das ähnlich sieht, wie ich.

2:52
Werner Lange: Sie haben als Programm-Hauptkonkurrent die ARD erwähnt. Auf was muss ich die ARD einstellen?

Thomas Bellut: Ja, dass wir uns immer wieder verändern, erneuern und versuchen, besser zu sein. In allen Kategorien. Die ARD ist auch gut in vielen Bereichen. Und ich habe früher die Wahl-Sendungen moderiert, viele Jahre lang. Und ich empfand den Wettbewerb mit den ARD-Wahlsendungen als außerordentlich erfrischend und herausfordernd. Viele Qualitätssprünge haben wir erst erreicht, als wir gesehen haben, die anderen haben das jetzt gemacht, da ziehen wir nach und umgekehrt. Und das möchte ich an dem gesamten Programm so haben. Qualitätswettbewerb ist prima. Er darf nur nicht finanziell zulasten der Gebührenzahler gehen. Das ist die Philosophie.

3:30
Werner Lange: Ihr Vorgänger sagte, dass ein Hauptanliegen seiner Intendantenzeit sein wird, den Osten auch für das ZDF zu gewinnen. Hat Herr Schächter das Ziel mit Ihnen, damals noch als Programmdirektor schon erreicht?

Thomas Bellut: Nein, es gibt ja nach wie vor Ungleichgewichte. Die Privatsender, vor allem RTL, sind im Osten besonders stark. Trotzdem haben wir uns ein Stammpublikum erarbeitet im Osten, in den Bundesländern. Und das sollten wir weiterhin ausbauen, aber ohne, dass wir den Formaten der Privatsender, die besonders erfolgreich sind im Osten hinterher laufen. Das ist ja insbesondere das Tagesprogramm und unterhaltende Formate. Da gibt es halt Unterschiede. Das würde den Zuschauern im Osten sicherlich auch nicht gefallen, wenn wir dem hinterher laufen würden.

4:17
Werner Lange: Sie haben als Nachfolger Ihres früheren Postens als Programmdirektor Herrn Himmler vorgeschlagen. Haben Sie mit ihm abgesprochen, welche Prioritäten er in seiner Arbeit setzen soll?

Thomas Bellut: Er ist jetzt schon einer meiner engsten Mitarbeiter gewesen in der Programmdirektion. Natürlich sind wir im ständigen Austausch. Nur er ist 41 Jahre alt. Er hat seine Vorstellung von modernem Fernsehen und ich werde ihm schon den Freiraum lassen, dass zu entwickeln und werde das natürlich mit ihm diskutieren. Aber das sehe ich als Chance, jemanden, der gerade mit Neo diese Erfahrung gesammelt hat und in dieser Lebensphase sich befindet, neue Anstöße zu bekommen.

4:57
Werner Lange: Die Politik hat oft kritisiert, dass ARD und ZDF Gleiches zur gleichen Zeit machen. Wie gehen Sie damit um?

Thomas Bellut: Das will ich eben nicht. Ich will keine Doppelübertragungen von königlichen Hochzeiten. Doppelübertragungen gehen eigentlich nur, wenn es um wichtige gesellschaftliche Anlässe geht. Hochzeiten gehören eigentlich nicht dazu. Ich hoffe, die ARD nimmt unser Angebot an. Das haben wir schon ausformuliert. Das liegt der ARD vor. Und das gleiche gilt für das Silvesterkonzert aus Dresden. Die ARD sendet zur gleichen Zeit, obwohl wir schon seit den Siebzigern dort unser Konzert senden, aus Berlin. Ich sage jetzt, die ganzen Diskussionen leid, wir bieten an, wir verzichten dieses Jahr, gehen auf den 30. Dezember, bleiben aber der Staatskapelle in Dresden treu und Christian Thielemann, werden noch viele Jahre mit denen zusammenarbeiten und hoffen, dass wir dann das Jahr drauf das Silvesterkonzert machen und dann die ARD wieder das Jahr drauf – ein schönes System des Abwechselns. Das müsste doch funktionieren. Und ich bin mir sicher, die ARD macht das.

5:58
Werner Lange: Haben Sie mit Frau Piel schon einmal darüber gesprochen oder wird sie jetzt überrascht?

Thomas Bellut: Ich habe schon ihr gegenüber mit der Friedensfahne gewunken in diesem Bereich. Aber der Frieden bezieht sich nur auf die Absprachen, nicht auf den Qualitätswettbewerb. Da sind wir ganz unfriedlich.

(Foto: Jörg Wagner )


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