Filmproduktion in Berlin-Brandenburg

„Platz eins unter den deutschen Filmstandorten“


Kirsten Niehuus

Wer: Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin Medienboard Berlin-Brandenburg,
ausgezeichnet am 12.02.2013 mit dem französischen Kultur-Orden „Chevalier des Arts et Lettres“
Was: Interview zur Filmproduktion in Berlin-Brandenburg vor der Berlinale
Wo: Berlin, Café Einstein
Wann: 28.01.2013, 22:35 Uhr

0:00
Jörg Wagner: Die Berlinale steht vor der Tür, aber das ist ja nur sozusagen ein Peak, ein Höhepunkt im Filmjahr 2013. Aber Sie haben natürlich in diesem Konkurrenzumfeld dieser Internationalität auch einen Vergleich zu anderen Film-Standorten. Wie fällt denn Ihre eigene Bilanz aus? Wie steht denn Berlin, wie steht denn Brandenburg so im Deutschlandvergleich zumindest da, z. Zt.?

0:23
Kirsten Niehuus: Also, ich glaube, dass der Filmstandort Berlin-Brandenburg, also in der Hauptstadtregion, es tatsächlich in den letzten Jahren kontinuierlich geschafft hat, den Platz eins unter den deutschen Filmstandorten einzunehmen und zwar nicht nur im Bereich internationale Koproduktion, sondern auch in dem Bereich Art-House-Film, also wenn man sich anguckt, wie viele Preise, wie viele Wettbewerbsteilnahmen für Filme, die aus der Region entstanden sind in den letzten Jahren – und das möchte ich nochmal betonen – kontinuierlich erfolgt sind, dann glaube ich, dass wir in Deutschland, eine hervorragende Position einnehmen.

1:06
Jörg Wagner: Nun haben die Bayern finanziell aufgestockt, 3 Millionen zusätzlich können die jetzt in Filmproduktionen investieren. Macht Sie das unruhig?

1:14
Kirsten Niehuus: Na ja, also ich glaube, das zeigt einfach, dass Bayern eine sehr gute Allianz zwischen Filmindustrie und Politik aufweist. Und das ist in Berlin-Brandenburg sicherlich auch der Fall, aber 3 Millionen sind mal ein Wort. Ich glaube nicht, dass Geld alles ist, aber in einer Branche, die sehr stark auf öffentliche Subventionen angewiesen ist, ist das sicherlich ein Argument. Das macht mir keine Angst, aber ich beobachte das mit nervösem Interesse.

1:49
Jörg Wagner: Wünschen Sie sich von der Politik in Berlin-Brandenburg mehr Unterstützung? Dass Sie sagen, Sie könnten sich auch vorstellen, dass da vielleicht noch etwas locker gemacht wird? Ich meine, gerade im Umfeld des Flughafen-Desasters ist es wahrscheinlich nicht sehr geschickt zu sagen, wir brauchen mehr Geld, aber können Sie sich vorstellen, dass es dennoch irgendwo etwas gibt, was man Ihnen Gutes tun kann?

2:09
Kirsten Niehuus: Also, natürlich würden wir uns wünschen, dass im Bereich der Politik anerkannt wird, dass Film mehr ist als – ich sag das mal ein bisschen flapsig – kreativer Ausdruckstanz, sondern, dass eben durch die Verstetigung in den letzten Jahren die Filmindustrie für Berlin und Brandenburg ein ganz wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist. Also, wenn man immer von Kreativwirtschaft redet, dann muss man halt sehen, dass Film kontinuierlich deutlich mehr einbringt, als die sehr erfreulichen Zahlen – das will ich überhaupt nicht in Abrede stellen – der Mode-Wochen, also fashion week und all das bedingt sich gegenseitig, aber Film hat einfach … das ist keine Eintagsfliege. Also, insofern erlaube ich mir da mal von Industrie zu sprechen, die zum Teil sehr kleinteilig ist. Wir reden hier von einer Manufakturindustrie. Jeder Film ist ja handgemacht. Da arbeiten sehr viele Leute dran. Also, es ist sehr arbeitsintensiv. Wir reden von ungefähr 50.000 Beschäftigten in dem Sektor. Es gibt positiven Wirtschaftseffekt für Hotels, für jede Form von Zuliefererbetrieben. Das ist zum einen natürlich …

3:29
Jörg Wagner: … na bis hin zur Imagepflege einer Stadt …

Kirsten Niehuus: … absolut …

Jörg Wagner: … wenn man sagt, der Film ist ja da gedreht worden oder zumindest da gibt es auch Drehorte, die dort wieder vorkommen in diversen Filmen, die Berlin als Kulisse benutzen und dann sogar in Stadtführungen, in Bussen wiederbelebt werden.

3:44
Kirsten Niehuus: Absolut. Also, ich glaube, dass Film wirklich der Kern der Kreativindustrie ist, bei dem das Wort Industrie noch die größte Bedeutung hat, tatsächlich mit der positiven Auswirkung auf Tourismus, auf Wirtschaftsfaktoren und insofern ist Filmförderung seitens der Politik kein rein mäzenatisches Handeln, sondern es ist auch eine Wirtschaftsförderung.

4:11
Jörg Wagner: Aber nochmal meine Frage, können Sie sich vorstellen, dass Sie da noch mehr Aufmerksamkeit in der Politik finden?

4:16
Kirsten Niehuus: Also, zumindest versuchen wir das immer wieder. Also, wir haben in den nächsten Tagen nochmal einen Termin, wo wir dem Medienausschuss des Abgeordnetenhauses in Berlin diese Themen präsentieren und haben dort in den letzten Jahren durchaus großes Interesse gefunden und ich würde sagen, dass nicht zuletzt die letzten Aufstockungen, die wir für die Filmförderung bekommen haben durch den Dialog herbeigeführt worden sind und das werden wir auch weiter verfolgen. Also, die Hoffnung geben wir da an der Stelle nicht auf.

4:50
Jörg Wagner: Ich erwähnte schon, nächste Woche ist Berlinale, also das ist sozusagen das Schaulaufen Ihrer Branche. Worauf freuen Sie sich am meisten?

4:57
Kirsten Niehuus: Ich freu‘ mich natürlich am allermeisten auf unseren Empfang am Samstag, weil wir dort alle die Filmschaffenden begrüßen können, mit denen wir übers Jahr zu tun haben. Und das sind mittlerweile so viele, dass das im Alltagsgeschäft natürlich gar nicht mehr immer leistbar ist und das ist zwar der Empfang des Medienboards, aber der ist für die Branche, für das, was hier geleistet wird. Wir sind ja ein Dienstleistungsbetrieb, wir können unterstützen, was hier an Kreativität vorhanden ist, aber ja wir sind nur die Plattform, auf der das ganze sich abspielen kann.

5:34
Jörg Wagner: Und wenn Sie jetzt einen Film auswählen müssten, auf den man sich vielleicht so ein bisschen fokussieren sollte in diesem großen Angebot der Berlinale, worauf sind Sie stolz, vielleicht mit Ihren Fördermitteln oder mit Ihrer Initiative, mit Ihren connections oder wie auch immer man das bezeichnen will, was Ihr Einfluss auf einen Film sein kann, worauf sollte man achten?

5:51
Kirsten Niehuus: Also, außerhalb der Berlinale möchte ich nochmal die Aufmerksamkeit auf den wirklich wunderbaren Berlin-Film „Oh Boy“ lenken, ein großartiges Regiedebüt und ein ganz wunderbarer Film mit dem großartigen Darsteller Tom Schilling. Ein großes Vergnügen. Und während der Berlinale, um auf Ihre Frage zurückzukommen, bin ich sehr gespannt auf Thomas Arslans Film „Gold“, der im Wettbewerb läuft und sozusagen viele, die sich mit Film beschäftigen, können mit dem Begriff „Berliner Schule“ etwas anfangen, der natürlich nicht umsonst auf Berlin bezogen ist und dieser Film aus der „Berliner Schule“ sein Spektrum erweitert und nach Kanada geht und neben Nina Hoss auch andere großartige Darsteller hat.

6:39
Jörg Wagner: Und welchen Anteil haben Sie daran?

6:41
Kirsten Niehuus: Auch da haben wir den Anteil dran, dass wir mit dem Geld, was uns zur Verfügung steht, es möglich gemacht haben, nicht alleine, aber wesentlich möglich gemacht haben, dass dieser Film entstanden ist.

(wörtliches Transkript)

(Fotos: © Jörg Wagner)


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