Brasilien und die Proteste via Medien

Não é pelos vinte centavos – es geht hier nicht nur um 20 Cent.

Eleni Klotsikas im radioeins-Studio
Eleni Klotsikas im radioeins-Studio


Download (verlinkte Audio-Quelle: rbb, radioeins)

Was: Studiogespräch mit O-Tönen zu den aktuellen Massenprotesten in Brasilien
Wer: Eleni Klotsikas, freie Medienjournalistin
Wann: veröffentlicht im radioeins-Medienmagazin vom 29.06.2013, 18:46 Uhr
Wo: Medienstadt Babelsberg, radioeins-Sendestudio

Vgl.:
* Medienmagazin vom 11.12.2010
* Hashtags
#OgiganteAcordou
#vemrarua
#changebrazil

Ivana Bentes, Medienprofessorin, Universität von Rio de Janeiro:

„Gerade Globo hat über die Proteste anfangs sehr parteiisch berichtet. Die erste Berichterstattung über die Proteste waren sehr negativ. Der Hauptnachrichtenkommentator Arnaldo Jabor zum Beispiel bezeichnete die Porteste als gelenkt, illegal und kriminell. Nach zwei, drei Tagen jedoch, als auch Globo merkte, dass es sich um eine gigantische, kritische Masse handelt, die auf die Straße geht, musste selbst Globo seine Haltung relativieren. Und redet jetzt sogar positiv drüber, aber immer noch kann man feststellen, dass sie versuchen, die Proteste auf einzelne inhaltlichen Aspekt zu reduzieren.“

„Die Art von Protesten gab es online schon vor Jahren, es gab zu unterschiedlichen politischen und sozialen Anliegen eigene Facebookgruppen, aber es passierte nie etwas auf der Straße. Diese Leute, die sich auf Facebook schon vorher bereits organisierten, die aber sehr unterschiedlich sind, haben nun plötzlich zusammengefunden. Die Demonstranten auf der Straße heute waren im Prinzip die isolierten unorganisierten Gruppen, die nur im Netz diskutierten. Es sind nicht die typischen organisierten Gruppen der Parteien und Gewerkschaften, die da auf die Straße gehen. Wir haben heute im Netz in Brasilien wirklich eine Art Gegenöffentlichkeit zu den Massenmedien. Auf Facebook gibt es zum Beispiel eine unabhängige Reportergruppe, die sich Ninja nennt. Die machen eine unglaubliche Arbeit, berichten Live von Demonstrationen mit Fotos und Videos. Und darüber hinaus posten Demonstranten Videos von Misshandlungen durch die Polizei und Festnahmen oder bewegende Momentaufnahmen von den Demonstrationen, die wirklich für eine andere Wahrnehmung der Proteste sorgen, als durch die Berichterstattung der Massenmedien.“

Bernhard Weber, Musiker, Gründer von Favelafriends, Rio de Janeiro:

„Seit dem bekannt gegeben worden ist, dass Brasilien die WM kriegt und Rio de Janeiro die Olympiade, sind einfach die Immobilienpreise so spekulativ und abartig geworden, dass heutzutage jeder, das Doppelte bis Dreifache für seine Miete von früher zahlt. Das war ein Prozess, das ging zack, zack. Und in der Favela war das noch viel schlimmer, weil, da ist der Besitzer zum Haus gekommen, es besteht kein richtiger Vertrag, der sagt einfach, ‚ab heute zahlste das Doppelte‘. Das ist eine Katastrophe natürlich, wenn man sieht, dass die Leute eh immer knapp an der Pleite sind. Essen im Supermarkt ist abartig teuer geworden. Ja, also zum einen die Inflation, zum anderen werden WM-Preise gemacht, Olympiade-Preise, aber wenn man dann mal sieht, wie lang wird die WM eigentlich gehen?“

Vgl.: Favelafriends

Der Auslöser für die Proteste war vielleicht eine Preiserhöhung von 20 Cent im öffentlichen Nachverkehr. Aber es geht um mehr … – diese Aussage ist inzwischen auch zu einem geflügelten Wort für das gegenwärtige gesellschaftliche Aufbäumem geworden. Musiker haben sich zusammengeschlossen, unter ihnen der bekannte Sänger Seu Jorje und haben ein Lied darüber geschrieben. Es heißt: Chega, não é pelos vinte centavos. Mach mit, es geht hier nicht nur um 20 Cent:

Demonstration gegen Fahrpreiserhöhungen in São Paulo am 06.06.2013

(© Fotos: Jörg Wagner [1], Eleni Klotsikas [2])


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