Politikmagazine repolitisieren? – Kritik an einer Studie

Reinhard Borgmann | Foto: © rbb [M]
Reinhard Borgmann | Foto: © rbb [M]

“Wer ist Herr Gäbler?”


Download (verlinkte Audio-Quelle: rbb, radioeins)

Wer: Reinhard Borgmann, Redaktionsleiter „Kontraste“, rbb
Was: Gespräch über die Studie der Otto-Brenner-Stiftung „… den Mächtigen unbequem sein“ Anspruch und Wirklichkeit der TV-Politikmagazine
Wann: rec.: 10.07.2015, 16:00 Uhr; veröffentlicht am 11.07.2015, 18:37 Uhr im radioeins-Medienmagazin (rbb) und in einer gekürzten Fassung im rbb Inforadio, 12.07.2015, 10:44, 15:24 Uhr

Vgl.:
* Prof. Bernd Gäbler: „Glanz und Elend der Politik-Magazine“, 28.10.2014
* Diskussion: „Wie politisch sind die Politik-Magazine (noch)?“, 28.10.2014

* Interview mit Prof. Bernd Gäbler im Medienmagazin vom 04.07.2015
* Politikmagazine immer unpolitischer?
Anja Reschke, Volker Steinhoff und Andrej Reisin, NDR, 07.07.2015
* Otto-Brenner-Stiftung füllt das Sommerloch – Redaktion Kontraste, 08.07.2015

* Pressemitteilung, rbb, 04.07.2015
rbb: „Kontraste“ hat festen Platz im politischen Diskurs

Berlin – Eine am Samstag veröffentlichte Studie der Otto-Brenner-Stiftung über politische Magazine im TV empfiehlt unter anderem, das Magazin „Kontraste“ vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) im „Ersten“ einzustellen und nur noch regional auszustrahlen. Insgesamt solle sich die ARD auf zwei politische Magazine im „Ersten“ beschränken. Dazu rbb-Chefredakteur Christoph Singelnstein: „Im Fall der politischen Magazine ist Weniger eben nicht Mehr, denn die unterschiedlichen Handschriften der Sendungen sind keine Schwäche, sondern eine Stärke der Magazin-Flotte der ARD. Es geht hier auch um Meinungsvielfalt, nicht nur um Zuspitzung. Kontraste arbeitet, anders als in der Untersuchung behauptet, kontinuierlich und erfolgreich investigativ, jüngst zu sehen bei Recherchen zu Asylverfahren und zu Rentenbeiträgen. Seit Jahren ist es aber in den politischen Magazinen wie im gesamten Journalismus Pflicht, neben der „Enthüllung“ vor allem zu erklären und einzuordnen. Wenn die Studie aus dieser Tatsache und den daraus resultierenden Beiträgen und Präsentationsformen mangelndes politisches Gewicht ableitet, dann ignoriert sie schlicht das redaktionelle Konzept. „Kontraste“ hat – das belegen die Zuschauerzahlen und das publizistische Echo auf die Sendungen – seinen festen Platz im politischen Diskurs und beim Fernsehpublikum. Daran ist nichts zu rütteln, auch nicht durch diese Studie.“(Rundfunk Berlin-Brandenburg, 04.07.2015)


(wörtliches Transkript)

00:00
„Die wichtigste These ist: bei der Beobachtung, Beschreibung, Analyse, Kategorisierung der politischen Magazine kommt raus: es gibt viel zu viele Beiträge, die Service sind, Beiträge, die von einem einfachen Dualismus handeln, Betroffene bekommen irgendeine Forderung, sagen wir Schmerzmittel, die sie brauchen oder sonst irgendwas nicht und dann gibt es große böse Institutionen, die dagegen sind. Man könnte sagen Betroffenheitskitsch, wenn es böse formuliert wird. Und das heißt, es ist zu wenig von dem drin, was versprochen wird. Und darum fordere ich, vielleicht etwas plakativ, eine Re-Politisierung der politischen Magazine.“

00:38
Jörg Wagner: So Professor Bernd Gäbler letzte Woche hier im Medienmagazin vom Treffen der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, wo er eine Studie der Otto-Brenner-Stiftung vorgestellt hat unter dem Titel: „… den Mächtigen unbequem sein – Anspruch und Wirklichkeit der TV-Politmagazine“. Mit untersucht wurde auch das rbb-Politikmagazin Kontraste. Sein Leiter ist jetzt aus Berlin zugeschaltet, Reinhard Borgmann, ein halbes Jahr Analyse auch Ihrer Sendung, können Sie der These von Herrn Gäbler etwas konstruktives abgewinnen?

01:38
Reinhard Borgmann: Na, konstruktiv würde ich gerne damit umgehen. Das fängt schon aber damit an, die Schwierigkeit das zu tun, es ist ja kein halbes Jahr Analyse, sondern es waren nur eine wenige Sendungen, die er untersucht hat. Sein Fazit ist ja, er fordert eine Re-Politisierung, aber was meint Herr Gäbler damit? Das ist eine ganz persönliche Auffassung von Politikmagazinen, die er gern vorstellt und die er auch sehen will oder wieder sehen will im Rahmen seiner Untersuchung. Und er stellt dann fest, die Magazine sind nicht so, wie sie sein sollten nach seinem Bild. Und ich frag mich, was ist das eigentlich für ein Politikverständnis, was bei ihm dahinter steckt? Aus meiner Sicht ist diese ganze Studie ein bisschen aus der Zeit gefallen. Also, das knüpft so an: an ideologische Auseinandersetzungen, an sechziger und siebziger Jahren. Das gibt’s links und rechts und oben und unten und da knallt es denn heftig und dann macht man eine Sendung und am Ende tritt ein Minister zurück oder irgendetwas besonderes passiert. Die Zeit ist längst vorbei. Die Medienlandschaft hat sich geändert. Die Magazin-Landschaft hat sich geändert. Wir sind in einer anderen Wettbewerbssituation und insofern haben sich auch die Magazine geändert. Wir sind nicht mehr wie Monitor und auch nicht wie Kontraste in den siebziger und achtziger Jahren, sondern wir sind im Wettbewerb mit einer Vielzahl von anderen investigativen Kräften auch innerhalb der ARD und wir müssen uns dementsprechend auch anpassen und verändern. Und das tun wir anscheinend anders, als Herr Gäbler sich das vorstellt und insofern kann ich nur sagen, dieser Angriff, der geht eigentlich vorbei. Er geht daneben. Er reflektiert nicht die Medienwirklichkeit in unserer Zeit.

02:44
Jörg Wagner: Wie ist denn die Medienwirklichkeit in Ihrer konkreten Kontraste-Zeit? Was ist Ihre Agenda? Wie bewerten Sie Relevanz?

02:53
Reinhard Borgmann: Wir bewerten Relevanz nach einer gesellschaftlichen Relevanz. Das muss nicht die klassische Politik-Politik-Relevanz sein. Also, es muss nicht jedes Thema, was wir behandeln im Bundestag vorkommen, obwohl wir uns darüber freuen natürlich, wenn wir auch solche tagespolitischen Dinge aufgreifen. Wir wollen aber auch Hintergrundberichterstattung liefern. Wir wollen auch ethische Probleme aufwerfen können und diskutieren können, auch kontrovers diskutieren können. Es ist nicht immer mehr so einfach, eine Meinung zu haben in dem Sinne, das ist gut – das ist schlecht, sondern wir versuchen auch zu differenzieren und wir sehen, dass wir mit unserem Modell sehr erfolgreich sind auch bei unseren Zuschauern. Immerhin war im Untersuchungszeitraum von Herrn Gäbler das Kontraste-Magazin das besteingeschaltete Donnerstags-Magazin innerhalb der ARD. Und ich find’, da kann man auch zurecht stolz darauf sein.

03:43
Jörg Wagner: Hören wir mal, welches Kriterium Bernd Gäbler anlegt:

04:02
„Ich muss bei aller Liebe wirklich sagen, in dem Zeitraum, den ich beobachtet habe – also ein halbes Jahr lang habe ich alle Sendungen protokolliert, aufgenommen, durchgestoppt usw. – gab es von den netten Freunden, Leuten von Kontraste keine einzige, durchgehende eigene Recherche, die irgendeine Durchschlagskraft hatte.“

03:43
Jörg Wagner: „Durchschlagskraft“ – also nicht Einschaltquote. Ich vermute mal, er meint damit, dass über das Thema gesprochen wird, dass heftig diskutiert wird, dass sich vielleicht sogar etwas ändert.

04:12
Reinhard Borgmann: Ja. Das wollen wir natürlich mit unseren Beiträgen tun. Und da liegt der Herr Gäbler schlicht falsch. Ich bleib nochmal dabei, Herr Gäbler hat nicht alle Politikmagazine der ARD über sechs Monate untersucht, sondern teilweise war der Untersuchungszeitraum sehr viel kürzer. Aber das ist nur ein Detail. Er bezieht sich vor allen Dingen auch auf einen Beitrag, den wir gemacht haben über die so genannten Krankenhauskeime. Da haben wir sehr viel Recherchekompetenz über Jahre gezeigt und auch sehr viel Durchschlagskraft. Wir sitzen seit 2006, sitzen unsere Leute an diesen Themen dran, haben immer wieder durch Beiträge versucht, die Praxis in den Krankenhäusern besser zu machen, die Politiker dazu zu zwingen, die gesetzlichen Vorgaben zu ändern. Und man kann sagen, inzwischen hat das ganze Erfolg. Das ist auch eine Durchschlagskraft von Magazinen, die wir sicher nicht allein gemacht haben, da gab’s weitere politische Berichterstattung auch drumherum, aber Kontraste hat dort korrekt gearbeitet. Er behauptet auch, wir hätten Fehler gemacht in der Berichterstattung. Das trifft einfach nicht zu. Es ist überhaupt mein Eindruckt, dass die Beiträge, die Gäbler kritisiert, dass er die vielleicht gar nicht so genau angeschaut hat.

05:15
Jörg Wagner: Die Forderung von Professor Gäbler ist aber unmissverständlich auch für das Politmagazin Fakt des Mitteldeutschen Rundfunks …

05:22
„Und dann sage ich z. B., diese beiden Formate sind so schwach, die muss man nicht unbedingt in der ARD haben.“

05:27
Jörg Wagner: Sie werden das naturgemäß anders sehen, aber bei den Kulturmagazinen hatte man in der ARD auch die Kräfte gebündelt und tritt nur noch unter einer Marke auf. Bei den Talkshows verzichtet man mit dem Weggang von Günther Jauch auf eine Sendung. Wäre es tatsächlich nicht wirklich besser, man könnte Geld bündeln durch Reduktion von zwei Politmagazinen?

05:46
Reinhard Borgmann: Na, wer ist Herr Gäbler, dass er fordert Magazin-Sendungen abzuschaffen? Wir haben in der Bundesrepublik eine Entwicklung insbesondere bei den Tageszeitungen, dass die Meinungsvielfalt immer geringer wird. Immer mehr Printmedien müssen um ihre Existenz kämpfen. Warum sollen denn jetzt von den sechs Magazinen, die es gibt in der ARD, dazu kommt noch Frontal als öffentlich-rechtliches Magazin, welche abgeschafft werden? Wer ist Herr Gäbler? Ist er der oberste Zensor. Ich sehe das als einen Eingriff in die Pressefreiheit. Ich sehe das als einem Eingriff in die Meinungsvielfalt an und ich find’ aufgrund dieser Studie, die wissenschaftlichen Ansprüchen in keiner Weise genügt, einen solchen Schluss zu ziehen und dann auch noch solche Forderung aufzustellen, gelinde gesagt nicht nachvollziehbar.

06:29
Jörg Wagner: Ist es, wenn schon kein ja Vorschlag im seriösen Sinne, aber dennoch eine Gelegenheit über Politmagazine im Fernsehen zu diskutieren, Ihre Arbeit vielleicht doch durch eine Diskussion besser zu machen?

06:42
Reinhard Borgmann: Das wollen wir doch. Wir machen doch die Kritik, wir haben doch ständig die Kritik. Und die Diskussion um eine Reduzierung der politischen Magazine in der ARD ist nicht neu. Also, ich bin bei Kontraste seit, ich glaube, inzwischen 24 Jahren. Von Anfang an wollten politische Kräfte, interessierte Politiker oder Medienleute uns versuchen abzuschaffen. Wir sind halt unbequem. Die Leute wollen uns nicht. Und wer in so einer Position ständig unbequeme Berichterstattung macht, der macht sich damit keine Freunde. Damit müssen wir leben. Und die Situation hat sich auch für uns nicht verändert. Wir haben eine journalistische Durchschlagskraft. Wir machen eigenständige, politische Recherchen. Wir sorgen dafür, dass bestimmte Dinge in unserem Land besser werden. Wir kämpfen auch dafür, dass die Leute zu ihrem Recht kommen und wir klären auf über gesellschaftliche Hintergründe, die vielleicht in der aktuellen, politischen Berichterstattung zu kurz kommen. Das ist unsere große Qualität und damit sind wir bisher gut gefahren und wollen es auch weiter tun. Das hindert uns natürlich nicht daran, selbstkritisch mit unseren einzelnen Berichten umzugehen. Das macht die ARD insbesondere mit Kritik-Schalten untereinander. Die sechs Magazine, die sind ja in ständigen Kontakt und Austausch miteinander, auch mit externen Kritikern. Also, wir gehen gerne auf Kritik ein, doch dann muss man sich wenigstens mit den Berichten beschäftigen, die man dort kritisiert und nicht selbst Falschbehauptungen aufstellen über Berichte, die Kontraste gemacht.

Jörg Wagner:
… meint Reinhard Borgmann. Er ist Redaktionsleiter der Sendung Kontraste beim rbb. Vielen Dank.








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