Gruschwitz: Mehr Demut bei Olympia

Dieter Gruschwitz
Dieter Gruschwitz

Wer:
* Dieter Gruschwitz, ZDF-Olympia-Teamchef und Leiter ZDF-Hauptredaktion Sport
* Werner Lange, freier Medienjournalist
Was: Interview am Rande der ARD/ZDF-Olympia-Pressekonferenz
Wann: rec.: 24.05.2016, veröffentlicht als Audio: 28.05.2016, 18:17 im radioeins-Medienmagazin und in einer gekürzten Fassung im rbb Inforadio vom 29.05.2016, 10:44/15:24 Uhr
Wo: Hamburg, Empire Riverside Hotel


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Dieter Gruschwitz: Der Reiz für Olympia ist nachwievor sehr, sehr groß. Aber Olympia ist mittlerweile auch eine sehr große wirtschaftliche Dimension geworden. Das haben wir als ARD und ZDF natürlich auch erfahren mit der Tatsache, dass wir für die nächsten Jahre keine originären Olympia-Rechte mehr haben werden, sondern die Olympia-Rechte, die Fernsehrechte sind verkauft worden für den europäischen Markt an einen amerikanischen Medienkonzern. Das ist auch eine neue Entwicklung. Also, ich habe das Gefühl, es ist alles gewaltiger geworden, die Dimensionen, auch was die Austragungsorte betrifft, ist eine andere geworden. Wer hätte je gedacht, dass wir mal in Peking Olympische Winterspiele erleben werden und, und, und. Ich glaube, ich will jetzt mal so zwei Begriffe, ja vielleicht missbrauchen: Demut und auch etwas Bescheidenheit. Ich glaube, es täte insgesamt der Olympischen Bewegung gut, wenn man sich diese beiden Begriffe einmal zur Brust nehmen würde und sagen würde, lasst uns vielleicht ein bisschen das ganze wieder runterschrauben. Ich glaube, sonst wird Olympia irgendwann in einem Kontext genannt werden mit dem Gigantismus, den wir im Fußball haben und, und, und. Ich glaube, ein bisschen mehr Zurückgenommenheit, ein bisschen mehr Demut würde auch dem olympischen Sport und den Olympischen Spielen ganz gut tun.

Werner Lange: Nun sprechen einige davon, dass auch ARD und ZDF vielleicht die eine oder andere Grenze setzen sollten. Am Samstag haben Sie die Champions League noch einmal, das Endspiel, dann Fußballeuropameisterschaft und dann Olympische Spiele. Ein Marathon. Wäre es da nicht auch ganz gut, man würde sich das vielleicht mit anderen teilen?

Dieter Gruschwitz: Das wird ja möglicherweise kommen. Also, wir müssen, glaube ich, ganz sachlich und nüchtern feststellen, dieser Automatismus, dass die sportlichen Großereignisse, wie eine Fußball-WM, -EM, wie Länderspiele der deutschen Mannschaft, wie Olympische Spiele automatisch bei den beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF ausgestrahlt werden, die ist ja nicht mehr gegeben. Länderspiele, was ist von den Länderspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft übrig geblieben für ARD und ZDF? Ein Großteil der Spiele wird bei RTL gezeigt. Es laufen gerade die aktuellen Verhandlungen, was die Qualifikations-Länderspiele für die nächsten vier Jahre ab 2018 betrifft. Die Olympischen Spiele sind zumindest im ersten Rutsch nicht mehr an ARD und ZDF vergeben worden. Wie das in Zukunft mit einer Fußball-EM und einer Fußball-WM sein wird, müssen wir abwarten. Also, ich glaube, da sind mittlerweile so viele finanzielle Kräfte auf dem Sportrechte-Markt. Da wird es irgendwann ein natürlicher Prozess sein, dass ARD und ZDF sich nur noch um gewisse kleinere, etwas billigere Dinge bemühen können.

Werner Lange: Bei den Olympischen Spielen geht es in diesem Jahr speziell eben um viele, viele Randgeschichten wie zum Beispiel: Virus, Doping Ausschluss von ganzen Nationen vielleicht. An welchem Punkt glauben Sie sind die Randgeschichten so weit nach oben gekommen?

Dieter Gruschwitz: Ich glaube, es ist ein anderes Bewusstsein eingetreten, eine andere Wahrnehmung eingetreten. Man hat erkannt, dass der Sport nicht außerhalb von anderen gesellschaftlichen Bereichen in unserem Leben steht, dass der Sport genauso mit Themen wie Betrug, Korruption, negativen Randerscheinungen, Begleiterscheinungen usw. zu kämpfen und zu tun hat. Ich glaube, das ist eine Tatsache. Und aufgrund dieser Tatsache, die sich immer weiter verfestigt hat im Bewusstsein der Bevölkerung, der Öffentlichkeit werden diese Randerscheinungen auch mitgenommen. Man interessiert sich auch dafür. Man will wissen, was ist denn jetzt da rausgekommen? Werden jetzt die russischen Leichtathleten gesperrt werden in Rio oder nicht? Was ist mit den Läufern aus Kenia? Und, und, und. Das bekommt eine so große Aufmerksamkeit, dass es den interessierten Zuschauer gibt, der einfach wissen möchte, wie geht das Ganze aus. Ich glaube auf der anderen Seite allerdings, es wird das Interesse an dem Ereignis selbst – und ich rede hier nur von den wirklichen Großereignissen – nicht schmälern. Erinnern Sie sich an die Spiele in Sotschi. Wie viele politische Diskussionen hat es vor den Winterspielen in Sotschi gegeben? Am Ende gab es ein gigantisches Zuschauerinteresse bei ARD und ZDF. Ich glaube, da kann der Zuschauer schon sehr genau unterscheiden zwischen dem, was am Rande passiert oder was auch noch passiert, aber man erfreut sich nach wie vor am Sport in dieser Dimension, in dieser Qualität und ich glaube, das werden wir auch in Rio erleben. Trotz all der Probleme, die es gibt und über die zurecht gerichtet wird und berichtet werden muss.

Werner Lange: Glauben Sie, dass 2020, auch wenn Discovery die Rechte gekauft hat, ähnlich dargestellt werden kann wie 2016?

Dieter Gruschwitz: Das ist eine schwierige Frage. Es kommt darauf an, wer 2020 möglicherweise neben Eurosport – davon gehen wir einmal aus, dass Eurosport berichten wird, live berichten wird – wer vielleicht noch als deutscher Sender dabei sein wird. Im Moment ist es nicht abzusehen, abzuschätzen inwieweit ARD und ZDF noch dabei sein werden. Man kann Olympia, wenn man ein bisschen die deutsche Brille – und das meine ich jetzt positiv – aufsetzt, nur ganz oder gar nicht machen. Ich glaube, der Erfolg von Olympischen Spielen in der Fernsehberichterstattung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten war auch der Tatsache geschuldet, dass ARD und ZDF immer einen besonderen Blick auf die deutschen Athletinnen und Athleten geworfen haben. Wir haben sie verfolgt, wir haben sie begleitet in den Vorkämpfen, in den Vorrunden, in den Qualifikationsspielen und, und, und, und – und sie möglicherweise begleitet bis zu einem möglicherweise olympischen Goldmedaillen-Gewinn. Das ist etwas, wir nennen das in der Fernsehsprache ‘unilaterale Angebot’, das ist etwas, was andere Sender aufgrund ihrer Struktur möglicherweise gar nicht leisten können. Das ist schon sehr personal- und produktionsintensiv. Aber es gibt nach unserem Verständnis – und deswegen werden wir es in Rio auch noch einmal so handhaben – eine Erwartungshaltung bei den deutschen Zuschauern und nicht zuletzt bei den Athleten, die die Möglichkeit haben einmal bei Olympia auf der großen Bühne zu stehen und, und, und – was sonst im sportlichen Alltag nicht der Fall sein wird. Da gibt es eine Erwartungshaltung. Ob diese Erwartungshaltung andere außerhalb von ARD und ZDF auch noch bedienen werden oder bedienen können, da habe ich zumindest leise Zweifel.

(wörtliches Transkript)

(Fotos + Video: © Daniel Kehr)


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