Seppelt: „Doping ohne Lüge existiert überhaupt nicht“

Hajo Seppelt
Hajo Seppelt

Wer: Hajo Seppelt, Journalist mit Schwerpunkt Doping, ARD
Was: Interview vor dem Abflug zu den Olympischen Spielen in Rio
Wo: Berlin, ARD-Hauptstadtstudio
Wann: 15.07.2016, 14:00 Uhr; veröffentlicht in einer collagierten Fassung am 06.08.2016, 18:10 Uhr im radioeins-Medienmagazin und in einer kompakten Kurz-Fassung im rbb Inforadio 07.08.2016, 10:44/15:24 Uhr


00:00
Hajo Seppelt: Mein Name ist Hajo Seppelt. Ich bin Reporter der ARD mit Schwerpunkt Doping und olympische Sportpolitik, bin Mitglied der ARD-Doping Redaktion seit 2007.

00:11
Jörg Wagner: Hajo Seppelt, Toronto ist ein weiterer Höhepunkt in der Doping-Aufmerksamkeit, wie hoch schätzen Sie ihren eigenen Anteil, den Anteil der ARD-Doping-Redaktion ein und vielleicht auch des gesamten Journalismus weltweit, der sich mit dieser Problematik beschäftigt? Ist das letzten Endes auch ein Erfolg durch den öffentlichen Druck?

00:31
Hajo Seppelt: Tatsächlich ist das, was wir jetzt erleben, ein stückweit eine Art Götterdämmerung des internationalen Sports, des organisierten Sports, der maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass Whistleblower und Journalisten Geschichten an die Öffentlichkeit gebracht haben, Fakten an die Öffentlichkeit gebracht haben, die bisher unter dem Teppich schlummerten, von denen zwar viele, die Insider waren, ahnen mussten, ahnen konnten, dass sie der Realität entsprechen, aber sie waren halt nicht belegbar. Insofern hat tatsächlich der investigative Sportjournalismus in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass sich das Bild des Sports, des organisierten Sports in der Öffentlichkeit nicht nur national, sondern international, eigentlich kann man sagen global nachhaltig verändert hat.

01:10
Jörg Wagner: Wieviel Journalisten beschäftigen sich weltweit mit diesem Thema?

01:14
Hajo Seppelt: Naja, regelmäßig gibt es gar nicht zu viele, würde ich sagen und in der Tat ist es so, dass die ARD, in diesem Fall der Westdeutsche Rundfunk, für die ARD mit der Gründung der Doping-Redaktion im Jahre 2007 einen entscheidenden, wichtigen bedeutsamen Schritt voran getan hat, denn hätte es das nicht gegeben, dann würden wir hier jetzt nicht sitzen. Die gesamte Arbeit, die investigative Arbeit der Doping-Redaktion ist ja nicht so ausgerichtet, dass man nach dem Motto: du fährst mal jetzt irgendwohin und drehst dort und dann machst du einen Beitrag – nein so funktioniert das nicht. Das ist es anders. Das ist tatsächlich Kärrner-Arbeit. Das ist langfristige Arbeit. Das ist Geduld, die gefragt ist, wenn man an Themen dran ist. Das sind Verbindungen, die entstehen über die Jahre hinweg. Da sind ganz viele auch nicht erfolgreiche Recherchen, aber eben ein paar, die dann doch erfolgreich sind. Inzwischen werden es auch immer mehr. Also, wenn man so möchte auf der Haben-Seite gibt es immer mehr Dinge, die dann auch berichterstattenswert sind und die auch einen Impact haben oder einen Einfluss haben auf den Sport. Aber d.h. immer, man recherchiert ohne zu wissen, ob am Ende wirklich dabei etwas herauskommt. Das ist ja eigentlich ganz normal, aber die Erwartungshaltung in vielen Medien ist, glaube ich früher immer und sicherlich auch heute noch in großen Teilen so, man arbeitet an einem Thema und dann muss etwas dabei herauskommen. Das ist aber bei Doping ganz schön schwierig. Denn Doping ist ein Berichterstattungsgegenstand, der sich immer im Dunkeln, im konspirativen abspielt. Doping ohne Lüge existiert überhaupt nicht. Wer dopt, der lügt automatisch, weil er ja anderen ja etwas vormacht, dass seine Leistung eben nicht durch künstliche Mittel verändert, manipuliert worden ist und daran zu kommen, ist nicht so einfach. Denn, wer will schon darüber reden. Und insofern ist es schon etwas, das mit dicken Brettern bohren zu tun hat. Und diese Bretter zu bohren, ist mir, ist anderen in der Doping-Redaktion halt, wenn man so möchte, gestattet worden. Das war der lange Atem, der da zählte und der hat am Ende dazu beigetragen, dass eben viele Fehlentwicklungen, des Spitzensports, die es übrigens schon lange gibt, die sind ja nicht neu, aber dass diese eben jetzt auch aufgedeckt worden sind.

03:23
Jörg Wagner: Aber auch Fehlentwicklungen des Journalismus. Ich kann mich erinnern, als Sie im Jahre 2006 abgelöst wurden als Schwimmreporter der ARD durch einen Neuzugang in der Sportreporterfamilie, hatte man Sie beauftragt mit Doping-Berichten. Allerdings hatte man den Eindruck, dass das nur erstmal so eine Art Feigenblatt war, von außen zumindest, weil die ARD sehr massiv involviert war in der nicht nur Präsentation der Tour de France, sondern auch im Sponsoring und auch, ich sage mal, das, was man vielleicht Fantum nennt. Es gab ein Buch vom damaligen ARD-Sportkoordinator Hagen Bossdorf über Jan Ullrich. Und man hatte von außen nicht mehr das Gefühl, hier gebe es eine Distanz zum Berichtsgegenstand. Wie würden Sie die Entwicklung der letzten zehn Jahre beschreiben? Wann hat sich da etwas geändert? Und warum?

04:11
Hajo Seppelt: Tatsächlich war es vor zehn Jahren noch so, dass Kritik, wenn sie denn die Inhalte der Berichterstattung betraf, als Beleidigung aufgefasst worden ist. Man redete nicht über diese Fehlentwicklungen im System, aber nach einer gewissen Zeit – und das ist durchaus schon länger her inzwischen – gab es tatsächlich einen Wandel im Denken und auch im Handeln. Ich glaube, man hat schon erkannt, dass diese unheilige Nähe zu den Berichterstattungsgegenständen über den Verkauf oder den Kauf von Fernsehrechten gelegentlich hoch problematisch sein kann, weil damit natürlich auch eine Erwartungshaltung verbunden ist, nämlich der Vertragspartner, dass man dieses Produkt positiv darstellt. Und das ist ein Interessenskonflikt für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, überhaupt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eigentlich für den gesamten Journalismus. Und in dieser Spannungsituation haben wir uns lange befunden, aber ich finde dass der Weg, der eingeschlagen worden ist, ein richtiger ist und inzwischen folgen dem auch immer mehr. Also, ich habe schon den Eindruck, dass es in der ARD seit ein paar Jahren eine durchaus deutliche, deutliche Unterstützung für die Arbeit der Doping-Redaktion gibt. Es gibt inzwischen übrigens auch andere Fernsehanstalten weltweit, bei denen ich das Gefühl bekommen habe, dass sie ein stückweit auch unserem Beispiel gefolgt sind, dass jetzt auch machen, zum Beispiel France2 in Frankreich, die BBC in England, Channel4 auch aus Großbritannien kam auf mich zu. Also, da gibt’s wirklich einen Paradigmenwechsel in der Sportberichterstattung. Und woran es liegt, dass es diesen gibt, ich glaube, das hat schon damit zu tun, zumindest in Deutschland, dass die Doping-Redaktion unter dem Dach des WDR den einen oder anderen journalistschen Erfolg auch hatte, der auch einen Impact hatte, also wirklich einen Einfluss hatte, eine Auswirkung hatte auf die Sportorganisationen. Das ist auffällig und jetzt auch mit der Geschichte über Russland, mit Doping in Russland, mit dem mutmaßlichen staatlich gestützten Doping in Russland ist die Aufmerksamkeit noch einmal deutlich erhöht worden und es ist, glaube ich, auch vielen Leuten klar geworden, dass es im Sportjournalismus eben nicht nur die, wenn man so möchte herkömmliche Sportberichterstattung braucht, also, manche sagen despektierlich die eins-zu-null-Berichterstattung, sondern dass es eben auch eine hintergründige, kritische, hinterfragende Berichterstattung geben muss, dass Sport eben nicht nur Entertainment ist, sondern dass die so genannte schönste Nebensache der Welt eigentlich nicht immer nur schöne Seiten hat und die gilt es auch zu beleuchten.

06:31
Jörg Wagner: Gab es auch einen Wechsel im Verhältnis zu den Sportverbänden?

06:35
Hajo Seppelt: Naja, früher hat man uns schon mit Fingerspitzen … mit spitzen Fingern angefasst und hat auch Angst und Respekt vor uns gehabt, mehr Angst als Respekt würde ich sagen und hat auch sicherlich immer wieder versucht, unsere Arbeit zu torpedieren und und zu behindern. Das gibt es immer noch. Ich erlebe das ja jetzt gerade in Russland. Da sind wir ja quasi Staatsfeinde. Ich erlebe es auch in Kenia. Wir haben vor ein paar Tagen über Kenia berichtet. Und Doping dort. Auch da wurde uns dann unterstellt, wir hätten irgendetwas inszeniert. Wir hätten falsche Fakten geliefert. Das stimme ja alles nicht. Aber das ist eigentlich üblich. Daran sind wir inzwischen gewöhnt, dass es immer interessengesteuerte Gegenreaktion gibt. Manche muss man ernst nehmen, manche muss man nicht ernst nehmen, glaube ich. Es gibt aber auch einige Sportverbände, die inzwischen auch da eine andere Haltung eingenommen haben, die sogar teilweise sehr froh sind darüber, dass es uns gibt und dass wir den Finger in die Wunde legen und eben auf diese Missstände aufmerksam machen, also auch da gibt es inzwischen positive Reaktionen. Es ist ja schon fast verdächtig und ein bisschen merkwürdig, wenn plötzlich Sportfunktionäre auf einen zukommen und einem quasi gratulieren, weiß man nicht, ob das nicht eigentlich so das richtige ist …, eine etwas unübliche Perspektive …

07:47
Jörg Wagner: Naja doch, Sie machen ja als Sportjournalist deren Arbeit eigentlich, sie müssten sicher selbst reinigen, also so eine gewisse Selbstkontrolle wäre ja angebracht?

07:56
Hajo Seppelt: Ja, Selbstkontrolle gibt es ja. Das ist ja das Problem. Die kontrollieren sich halt immer selber und damit fängt es ja schon einmal an. Kontrolle, die selbst oder die, wenn man so möchte gegen die eigenen Interessen gerichtet ist, das ist der klassische Interessen-Konflikt. Und der Sport sollte, sagen wir es mal so, sich nicht selbst kontrollieren, aber er sollte zulassen Institutionen, Einrichtungen zu haben, die darauf schauen, ob die Werte des Sportes eingehalten werden oder nicht. Das sind dann die so genannten unabhängigen Einrichtungen, die aber eben im Sport-Business bisher eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Und weil es die nicht gibt oder kaum gibt und da massive Interessenverflechtungen sind, deswegen haben die Rolle tatsächlich Journalisten übernommen.

08:36
Jörg Wagner: Es nicht nur eine Chance, es ist auch ein Risiko für den Überbringer der Nachricht, also auch für Sie. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert, also sind Sie misstrauischer geworden, schützen Sie sich mehr, haben Sie Personenschutz?

08:48
Hajo Seppelt: Also, über Personenschutz rede ich jetzt nicht öffentlich. Ich glaube, dass es für alle, die sich mit der Thematik beschäftigen und die sich auch mit der Frage des investigativen Journalismus im Sport eben dann auch schon auf der Ebene beschäftigen, Neuland ist. Wie soll man damit umgehen? Das muss jetzt erst alles in Ruhe eruiert werden. Tatsächlich ist es so, dass insbesondere im Fall Russland die Bedrohungen gekommen sind, Beleidigungen gekommen sind über die sozialen Medien. Das ist schon offenkundig. Das ist auch nicht immer angenehm. Habe gerade zufälligerweise einen Bericht gelesen, in dem es um die Hass-eMails gegen Anja Reschke, meine Kollegin vom NDR gegangen ist. Und als ich das gesehen hatte, hatte ich den Eindruck, na das kennst du doch auch irgendwo her. Also, das nimmt natürlich zu. Diese Hasskultur im Internet, von der bin ich inzwischen auch betroffen. Dass man sich da Gedanken macht, dass ist richtig. Und da aber die Aggression insbesondere aus Russland so massiv ist und so besonders stark ist, habe ich mir schon meinen Teil gedacht, was man da jetzt eigentlich machen muss. Tatsächlich ist es so, dass ich momentan schon ein bisschen mehr aufpasse. Ja, jetzt nicht in meinem Privatleben unbedingt, aber grundsätzlich. Wie auch mein Kommunikationsverhalten ist. Was elektronische Gerätschaften betrifft, die man so mit sich herum führt. Darüber muss man offensichtlich nachdenken. Das hätte ich früher nicht gedacht, dass man als Sportjournalist – und eigentlich bin ich ja noch immer ein Sportjournalist – dass man sich mit solchen Dingen und solchen Fragen auseinandersetzen muss.

10:10
Jörg Wagner: Nun ist ja das Phänomen des Dopings, auch des staatlich geduldeten und staatlich geförderten Dopings nicht neu. Es wurde sogar in der bundesdeutschen Olympia-Bewegung so etwas festgestellt bei den Olympischen Spielen zum Beispiel 1972, parallel auf der anderen Seite die DDR. Also, es ist eigentlich für, ich sag mal, normale Betrachter mittlerweile klar, dass hier ein hohes Gefährdungsrisiko besteht. Und dennoch hat man den Eindruck, vor Rio gibt es so etwas wie ein Paradigmenwechsel eine ganze Sportart wird aus Russland ausgeschlossen, möglicherweise – und das wäre zu hinterfragen – ist Sotschi total neu zu bewerten. Wie sehen Sie es? Woher kommt dieser Qualitätsumsprung?

10:54
Hajo Seppelt: Naja, wir haben natürlich mit dem Beispiel Russland ein besonders krasses Beispiel. So, wie es nach den Fakten aussieht, geht es hier um ein systematisches, gesteuertes, gefördertes, gelenktes Doping vom Staatsapparat. Politisch gesteuerter Sportbetrug im größten Land der Welt. Erst in der Kernsportart der Olympischen Spiele, der Leichtathletik, jetzt offenkundig auch noch in einer Reihe anderer Sportarten. Dass das natürlich auch die Diskussionen weltweit ziemlich stark befeuert, liegt auf der Hand. Insofern liegt es natürlich auch an der Ausprägung, an der besonderen Ausprägung und an der Dimension insgesamt dieses Problems Russland, dass jetzt in der ganzen Welt darüber diskutiert wird. Noch dazu kommt es, dass in diesem speziellen Fall Russland ja so gut wie alles dementiert. Jedenfalls war das bis vor kurzem noch so, immer gesagt hat, das ist ja eine reine Propaganda des Westens, damit natürlich auch wieder Gegenreaktionen provoziert hat. Dadurch schaukelte sich das noch mehr hoch. Es wurde am Ende zu einer Angelegenheit von nationalem Rang für Russland. Russlands Sport quasi zu schädigen oder zu kritisieren, kam einer Beleidigung Russlands insgesamt gleich. Also, das ganze spielte auf einer Ebene, die schon unvergleichlich ist, historisch beispiellos geradezu, wenn sich dann Kremlsprecher und Sprecher des russischen Außenministers zu solchen Vorgängen äußern, dann hat es eine Dimension, die es früher nicht hatte. Insofern ist der Sport auch auf die politische Agenda gehievt worden wie sonst noch nie. Und zwar der Sportbetrug, ganz massiv Doping als Eingriff in die Integrität des sportlichen Wettbewerbes bekommt plötzlich eine Dimension, die man vorher so nicht erwartet hatte. Es ist tatsächlich der Kalte Krieg des Sports, der momentan tobt und das führt natürlich auch zu einer ganz großen Wahrnehmung, aber auch zu einer großen Chance. Nämlich: einem Wechsel in der Governance von Sportorganisationen, der längst überfällig ist. Es gibt Leute, die sagen – und ich kann mich dem anschließen – wenn wir meinetwegen in 50 Jahren uns Sportorganisationen von heute anschauen, von Anfang des 21. Jahrhunderts, sind wir fast noch, dann wird man womöglich sagen, das war eine Organisation, das war ein Regieren, das war ein Führen wie im Mittelalter. Der Sport hinkt in seinen Strukturen völlig modernen Formen von Good-Governance hinterher. Und es ist deshalb an der Zeit, dass dieses auch offenkundig wird, denn nur – und das zeigen ja auch unsere Recherchen, öffentlicher Druck führt dazu, dass es Veränderungen geben könnte.
13:25
(wörtliches Transkript)

(Foto: © Jörg Wagner)


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