Reiter, Udo

„Ich muss nicht der Dinosaurier der ARD werden.“
Prof. Dr. Udo Reiter

Telefoninterview mit Udo Reiter, mdr-Intendant
im radioeins-Medienmagazin vom 28.05.2011 (rbb)


Download

Jörg Wagner: Seit wann wissen Sie, dass Sie vorzeitig aus dem Amt scheiden?

Udo Reiter: Also, ich hatte ursprünglich vor, das schon im Januar, also mit Jahresbeginn, zu verkünden. Da kam aber dann die Affäre um den Kinderkanal hoch und in einer solchen Situation geht man nicht von Bord. Deswegen haben wir das erst noch bereinigt und jetzt zum 20 jährigen Jubiläum des mdr habe ich die Gelegenheit ergriffen, das auch öffentlich zu machen.

Jörg Wagner: In letzter Zeit hatte man so den Eindruck, Sie seien etwas isoliert. Ich sag zum Beispiel, das ist möglicherweise ein kleines Detail: die twitter-Affäre. Sie haben dort sehr philosophische Sachen getwittert und leider auch Missverständnisse einstecken müssen. Dann der ARD-Jugendkanal, da haben Sie noch letzte Woche gesagt, eigentlich sehr sinnvoll, aber nicht durchsetzbar. Dann gab es tatsächlich diesen KiKa, aber Ihnen bläht ja seit Anbeginn der Wind ins Gesicht. Ich erinnere nur an DT64, damit sind Sie eingestiegen. Das war keine so leichte Sache, dann hat man Ihnen den Vorwurf gemacht: Ostalgie usw. Wie sehen Sie Ihre Amtszeit? Womit soll man den mdr verbinden?

Udo Reiter: Also das, was Sie jetzt am Schluss erwähnt haben, das waren eigentlich eher Kleinigkeiten. Das Twittern hat mir Spaß gemacht. Und es hat mich mal interessiert, diese neuen Kommunikationswelten auch durch eigene Beteiligung kennen zu lernen. Das war also eher vergnüglich. Und die größeren Krisen waren sicher in der Aufbauphase. Damals hatten wir Finanzprobleme. Wir mussten erst einmal das Geld vermehren, bevor wir den Sender aufbauen konnten. Dann hatten wir die Probleme sicher mit der Stasi-Problematik. Das haben wir anfangs unterschätzt. Was den von Ihnen genannten Jugendkanal angeht, da bin ich mir mit etlichen Kollegen völlig einig. Das wäre vom Programm her eine vernünftige Geschichte, aber unter den herrschenden Bedingungen, sowohl finanziell, als auch medienpolitisch ist es einfach nicht durchsetzbar. Aber das sind alles keine ernsthaften Dinge. Das gehört zum Alltagsgeschäft eines Intendanten. Da habe ich nie ein Problem damit gehabt, solche Sachen auch zu lösen.

Jörg Wagner: Zumal Sie auch in der Anfangsphase sogar von Ihren Amtskollegen – Sie hatten die ARD-Reform angemahnt, also weniger Anstalten – arg beschimpft wurden. Es gab so einen Vergleich mit dem ‚apokalyptischen Reiter‘, der seine ‚Sandkastenspiele‘ betreiben würde. Sie wissen, wen ich meine, Günther von Lojewski vom SFB. Sie waren also immer vorne, an vorderster Front. Ist das möglicherweise auch der Grund, warum Sie jetzt sagen Schluss und Aus und fertig?

Udo Reiter: Nein. Überhaupt nicht. Ich meine, ich kann nur darauf verweisen, den SFB gibt es inzwischen nicht mehr. Also, der Vorschlag zur Fusion ist ja eher auf fruchtbaren Boden gefallen. Das war nicht die einzige. Auch im Südwesten zwischen Süddeutschen Rundfunk, Südwestfunk – also, das war offenbar eine Sache, die andere genauso gesehen haben. Nein, dass ich jetzt aufhöre, hat wirklich nur biografische Gründe. Ich denke, ich hab’s lang genug gemacht. Ich bin auch alt genug. Wie gesagt, ich sitze auch schon seit 45 Jahren im Rollstuhl. Das hinterlässt auch gewisse Spuren. Also, ich denke alles in allem: das war gut. Und ich muss nicht der Dinosaurier der ARD werden.

Jörg Wagner: Nun ist der Mitteldeutsche Rundfunk ja eine kollektive Leistung. Aber wenn Sie am Geburtstag des Staatsvertrages, am 30. Mai vor 20 Jahren wurde er unterzeichnet für den mdr, zurückblicken, was soll aber mit Ihnen persönlich verknüpft bleiben? Worauf sind Sie am meisten stolz? Was kann man so nach 20 Jahren sagen?

Udo Reiter: Naja, die Aufbauphase, die ist doch stark von mir und meinen engsten Mitarbeitern damals geprägt worden. Also, ich denke, wir haben damals die Richtung bestimmt. Da gab’s ja durchaus unterschiedliche Konzepte, wie man einen solchen Sender platzieren konnte. Wir haben gesagt, dass wir, das, was geändert werden muss, also den ganzen Bereich Information, Politik, Wirtschaft ändern, dass wir auf dem Unterhaltungssektor aber sehr wohl an die Traditionen hier in Mitteldeutschland anknüpfen. Das waren alles so Grundsatzentscheidungen. Dann die ganzen Bauprogramme, die wir damals auflegen mussten. Das hat, das kann ich, glaube ich, ohne überheblich zu sein, sagen, schon stark meine Handschrift.

Jörg Wagner: Und weil ich das Twittern angesprochen habe, wenn ich Ihnen jetzt 140 Zeichen rund gebe, was hätten Sie möglicherweise anders gemacht? Vielleicht haben Sie auch einen philosophischen Spruch parat? Denn das war ja auch ihr Markenzeichen beim Twittern.

Udo Reiter: Also, es ist nicht viel, was anders zu machen wäre. Das sind mehr so Detailgeschichten, die sich dann im Nachhinein als nicht so günstig erwiesen haben. Aber die Grundsatzentscheidung für eine Dreiländeranstalt, die wir sehr stark Kurt Biedenkopf zu verdanken haben, war richtig. Dann die grundsätzliche Ausrichtung des mdr, denke ich, war richtig. Da gibt uns einfach der Erfolg recht. Also, ich kann eigentlich meinem Nachfolger nur sagen: Kurs halten in ähnliche Richtung und die neuen Herausforderungen annehmen. Der ganze öffentlich-rechtliche Rundfunk steht jetzt vor dem digitalen Zeitalter. Das ist wirklich eine Revolution. Die Medienlandschaft verändert sich von Grund auf. Die Angebote werden komplexer. Es gibt mehr Anbieter. Die Möglichkeiten für die Nutzer werden andere. Man kann die Dinge ort- und zeitunabhängig empfangen. Das ist eine Riesen Herausforderung, vor der auch der mdr jetzt in seinem dritten Jahrzehnt steht und Sie und alle anderen aber genauso. Da haben meine Nachfolger genügend zu tun, ja.

Jörg Wagner: … meint Professor Udo Reiter, er ist noch Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, aber er hat jetzt sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem mdr bekannt gegeben. Ich bedanke mich für das Interview und wünsche Ihnen toitoitoi für den Übergang in vielleicht auch wieder das Twitterleben – ich weiß es nicht – ich wünsche Ihnen zumindest eine gewisse Entspanntheit und genießen Sie es.

Udo Reiter: Ich danke Ihnen sehr. Wiederhören.

Dagmar Reim, rbb-Intendantin:
Udo Reiter ist Gründungsintendant des mdr. Nach 20 Jahren hinterlässt er eindrucksvolles: das mit weitem Abstand erfolgreichste Dritte Programm, hohe Kompetenz und Zustimmung für Serien und Unterhaltung im Ersten.

Wer auf die Idee käme, große Teile des mdr-Fernsehprogramms mit den persönlichen Vorlieben seines Intendanten zu verwechseln, der läge völlig daneben. Udo Reiter ist nämlich ein hardcore-Intellektueller mit weit gefächerten Interessen. Seinen persönlichen Geschmack macht er nicht zum Maßstab der Programmgestaltung, was ihn als Profi auszeichnet. mdr und rbb sind gute Nachbarn. Wir kooperieren auf vielen Feldern und wollen diese Zusammenarbeit weiter ausbauen.

In der Runde der ARD-Intendanten hat Udo Reiters Wort Gewicht. Sein Urteil wird gehört. Er gehört zur öffentlich-rechtlichen Kerntruppe und hält das Interesse des Publikums hoch. Udo Reiter ist kreativ, undogmatisch, machtbewusst und zuverlässig. Jede Form von Angeberei und Großmannssucht ist ihm verhasst. Er ist sehr leise im Auftreten, aber präzise und bestimmt. Er kann über sich lachen und ich werde ihn sehr vermissen.

(Fotos: © MDR/Martin Jehnichen, ARD Degeto/Franziska Krug (Udo Reiter zusammen mit Kati Witt auf der Berlinale 2011), rbb/Kristina Jentzsch)

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .