Paris und sechs Thesen zur Auslandsberichterstattung

Komplexität erfordert Kompetenz vor Ort. Oder laufen lassen kann jeder.

Kai Gniffke - Christian Neef - Christoph Reuter
Kai Gniffke – Christian Neef – Christoph Reuter

Was: MainzerMedienDisput – Themenaufschlag (Eröffnung)
Wer:
* Prof. Dr. Thomas Leif, Moderation
* Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD aktuell
Wo: Berlin, Landesvertretung Rheinland-Pfalz beim Bund
Wann: 16.11.2015, 19:08-19:19 Uhr

 

00:49
Ja, vielen Dank. Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute Abend hier sein zu dürfen. Lieber Thomas Danke für die Einladung. Ich denke, wir kommen nicht drum rum, um ein bisschen auch über das vergangene Wochenende zu reden. Das bietet sich einfach bei diesem Thema an. Ich möchte Ihnen zu Beginn wie Thomas das gesagt hat, ein paar Bemerkungen machen über unsere Berichterstattung, wie wir sie gesehen haben, wie wir sie empfunden haben, warum wir sie so gemacht haben, wie wir sie gemacht haben, um dann in sechs Thesen kurz zusammenzufassen, was für unsere Auslandsberichterstattung gilt oder welche Trends wir im Moment sehen.

01:22
Zunächst einmal machen wir das für die Menschen, aber wir machen es auch für die anderen Medien, die uns dann beobachten. Und mein erster Befund ist schon mal: ein Terroranschlag und die Berichterstattung darüber sind kein Rattenrennen und sie sind kein Schönheitswettbewerb. Ich habe heute Mittag schon wieder Menschen darüber diskutieren hören, welche der Sendungen des vergangenen Wochenendes jetzt schon wieder für einen Preis nominiert werden könnten. Ein bisschen widert mich das an. Das ist nämlich nicht das Ding.

01:50
Wir hatten es mit einem herausragenden Interesse am vergangenen Wochenende der Menschen zu tun, sowohl online, sowohl in sozialen Medien, aber auch im Fernsehen und dafür haben wir da zu sein, da ist es unsere Pflicht, die Leute einfach zu informieren. Wir haben in den vergangenen drei Tagen im Ersten etwa 15 Stunden Sonderprogramm gemacht zu diesem Thema und es wird Sie möglicherweise nicht wundern, ich bin sehr zufrieden, mit dem, was wir gemacht haben.

02:18
Es hat eine sehr intensive Diskussion darüber geben, ob es in der ersten Stunde richtig war, im Fußballstadion zu bleiben, dort wo alles begann. Ich habe das nachhaltig am Freitagabend unterstützt, denn nirgendwo war, meiner Meinung nach, in diesen Moment authentischer der schockierte Zustand dieser Stadt zu transportieren, als in diesem Stadion. In diesem Stadion nahm die Terrorwelle ihren Anfang, direkt am Stadion und lange Zeit waren wir auch der Meinung, dass der Schwerpunkt dieser Anschläge auf dem Stadion liegt, insofern haben wir gesagt, wir bleiben dort am Ort des Geschehens. Wir gehen nicht raus. Und ehrlich gesagt, in der ersten Stunde hätte ich gedacht, jeder, der jetzt sagt, wir müssen da abbrechen und rausgehen, den hätte ich für fast verrückt gehalten. Weil nochmal: dort war der Ort des Geschehens.

03:05
Wir waren dann, um kurz nach 11 der erste öffentlich-rechtliche Anbieter mit einer Sondersendung zu dem Thema, bei dem wir kurz gesagt haben, was wir wissen und was wir nicht wissen. Und letzteres war deutlich mehr. Wir mussten dann und wir wollten dann auch wieder rausgehen aus dieser Sondersendung. Wir haben dann wieder ins Stadion zurückgegeben, um auch der Korrespondentin Zeit zu geben. Wenn wir die nämlich dann permanent auf den Sender gehabt hätten, was wäre passiert? Die hätte immer wieder dasselbe erzählt und hätte nicht eine Minute zur Recherche gehabt. Auch das muss man berücksichtigen, man muss den Korrespondentinnen und Korrespondenten Zeit für Recherche lassen.

03:42
Ich fand es dann richtig, dass wir Interviews mit Löw, mit Rauball, mit Bierhoff hatten, die als deutsche Zeugen am Ort des Geschehens waren und dazu Aussagen treffen konnten. Wir haben dann ein zweites Update geliefert im Laufe der ersten Stunde und sind dann um Mitternacht auf die lange Strecke gegangen und haben bis nachts um 2, fast um 2 gesendet. Und fast 4 Millionen Menschen sind bis 2:00 Uhr bei uns geblieben und wollten sich informieren, was da passiert ist.

04:11
Insofern fand ich es richtig. Wir sind dann am nächsten Morgen um 7:00 Uhr ins Kinderprogramm gegangen und haben auch das aufgebohrt und haben auch dann weiter gemacht, haben über den ganzen Tag zehn Stunden Sonderprogramm gemacht. Ich glaube, es war richtig. Ich nehme alle Kritik auf, wo man gerade in der ersten Stunde noch besser hätte sein können, aber ich glaube, es ist uns gelungen, authentisch, kompetent und vor alle Dingen jederzeit angemessen darüber zu informieren. Dazu haben auch exzellente Sportreporter beigetragen, die wie ich fand, richtig und angemessen auf die Situation reagiert haben. So viel zu unserer Paris-Berichterstattung, die uns, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, ziemlich auf Trapp gehalten hat.

04:53
Ich will dann noch sechs Thesen anschließen zur Auslandsberichterstattung im Allgemeinen. Erstens: die Trennung von Innen- und Außenpolitik ist obsolet. Was ist zum Beispiel EU-Politik? Ist das Innenpolitik oder Außenpolitik? Was ist Terrorgefahr oder Terrorabwehr? Ist das Innen- oder Außenpolitik? Das ist in den meisten Fällen beides. Bei ARD aktuell gibt es keine Quotierung. Wir müssen am Tag soviel Inland oder soviel Ausland haben, sondern wir gucken, was sind aus unserer Sicht heute die sieben, acht, neun, zehn wichtigsten Ereignisse des Tages und wo die stattfinden, ist gerade egal.

05:29
Zweitens: nicht die Zahl der Krisen nimmt zu, aber ihre Erreichbarkeit wird größer. Die Zahl der bewaffneten Konflikte weltweit bleibt mehr oder weniger seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren etwa gleich. Daran hat sich nicht viel geändert. Insofern sollten wir auch nicht den Eindruck verbreiten, es wird alles immer viel schlimmer. Was wir haben, ist Globalisierung. Und Globalisierung bedeutete am Anfang, die Waren werden weltweit getauscht. Mit dem Internet wurden dann die Informationen weltweit getauscht. Im Moment werden auch die Menschen getauscht. Die Wanderungsbewegungen – das ist auch Globalisierung. Jetzt kommen die Menschen. Und seit spätestens 2000 kommt eben auch der Terror. Er kommt hierher. Deshalb ist der wahrnehmbarer und die mediale Vermittlung ist viel einfacher und deshalb entsteht auch der Eindruck, dass er plötzlich bei uns angekommen ist. Es gehört zu den Besonderheiten des asymmetrischen Krieges, dass es eine Globalisierung von Kriegen gibt ohne Weltkrieg.

06:35
Drittens: Komplexität erfordert Kompetenz vor Ort. Oder laufen lassen kann jeder. Gerade in Krisenfällen schaffen Bilder, die man einfach laufen lässt, Live-Bilder schaffen häufig die Illusion von Berichterstattung. CNN zeigt zum Beispiel jetzt in der aktuellen Krise am Anfang so genannte Loops, also immer wiederkehrende Bilder von Blaulichtgeflacker in Paris und redete dann über Terror, der zwar herzlich wenig mit dem, was dort geschehen ist, zu tun hatte, aber es schaffte einfach die Illusion von Berichterstattung. Ich glaube, es ist eine journalistische Tugend zu sagen, was wir wissen und was wir nicht wissen und nicht auf dicke Hose zu machen. Und ich weiß nicht, was wir gemacht werden hätten, wenn es nicht die Möglichkeit bei uns im Ersten gegeben hätte, in das Stadion zurückzugehen. Vielleicht hätten wir auch dann Livebilder genommen und einfach laufen lassen. Wir hatten das Glück, dass wir es nicht tun mussten. Es braucht Korrespondenten vor Ort, die das Land, dieses Berichtsgebiet kennen, die dort leben und die da nicht erst seit gestern leben und schon gar nicht gerade erstmal eingeflogen sind. Das macht den Unterschied und man braucht einen Korrespondenten eben nicht nur am Ort des Geschehens, sondern man braucht sie auch dann im Orient, man und braucht sie sonst wo, wo man Einordnung kriegen kann, was ist eigentlich IS. Man braucht Menschen, die sich auskennen und zwar sofort, ohne dass sich erstmal vorher bei Wikipedia eingelesen haben.

08:05
Viertens: wir achten im Ausland vor allen Dingen auf die dramatischen Themen und Ereignisse. Eine Gesundheitsreform in Burundi oder eine Steuerreform in Venezuela sind nicht so interessant für uns. Auslandsthemen, die wir wahrnehmen, gehen meistens um Krieg und Frieden, um Leben und Tod und deshalb könnte man ja irgendwann auf die Idee kommen, dann machen wir doch mehr Ausland, um die Sendung sexyer zu machen. Dieser Versuchung sollten wir nicht erliegen, weil natürlich, wenn man das immer auf die Spitze treibt, stumpfen die Menschen irgendwann ab und vor allen Dingen, die Menschen verlieren das Vertrauen darin, dass sie tatsächlich oder dass wir tatsächlich journalistisch bewerten, was wichtig ist. Und wenn man von der Tagesschau kommt, hat man gut reden. Aber es ist tatsächlich so, wir achten nicht auf die Quote. Über Quote redet man nicht. Man hat sie.

08:56
Fünftens: Verifizieren geht über Probieren. Wir haben zahllose Quellen mittlerweile. Bilder sind von jedem Winkel der Erde in fast … ohne Zeitverzug verfügbar. Gleichzeitig nimmt bei allen Akteuren die Neigung zu Inszenierung und zu Manipulation zu. Und insofern müssen wir gucken, was ist das da eigentlich an Material auf dem Markt. Deshalb haben wir bei ARD aktuell eine kleine Verifikationseinheit geschaffen. Das sind quasi Forensiker, die das Material untersuchen und gucken, was spricht dafür, was spricht dagegen, dass es authentisch ist, dass es richtig ist, dass es nicht manipuliert ist. Das ist eine Art Indizienprozess, der jedes Mal durchgeführt wird, an dessen Ende dann oft der Satz steht: in dubio nicht senden. Also, wenn es Zweifel gibt an der Echtheit, verwenden wir es nicht.

09:48
Sechstens und letzter Punkt: Besser geht’s immer. Wir werden unseren Weg fortsetzen, weniger Themen zu behandeln in unseren Angeboten, die aber dann ausführlicher. Wir wollen nicht an der Oberfläche bleiben. Analyse statt schlichtes name dropping: hier ein Oppositionspolitiker aus dem Kosovo oder da den Namen Aung San Suu Kyi richtig ausgesprochen, das reicht nicht, sondern wir müssen auch den Menschen nochmal sagen, warum soll mich der Konflikt eigentlich hier oder dort interessieren. Ein bisschen landeskundliche Einordnung tut gar nicht weh. Das können wir auch von uns aus hier leisten, um dann vor allen Dingen auch dann die Korrespondentinnen und Korrespondenten in die Lage zu versetzen und ihnen Zeit zu geben zur Recherche. Denn Recherche ist bekanntermaßen der Anfang von allem. Wir werden ihnen künftig weniger Leistungen abverlangen in den klassischen Ausspielwegen. Wir werden sie nicht mehr so häufig bitten, nochmal einen neuen Beitrag zu machen und nochmal einen neuen Beitrag zum gleichen Thema und noch eine Live-Schalte, weil es kommen natürlich auch die Dinge auf sie zu, auf die Korrespondentinnen und Korrespondenten zu, die mit sozialen Medien zu tun haben. Auch das ist ein Weg, auf dem wir Menschen mit Informationen zu versorgen haben. Und wenn wir die Qualität halten und sogar steigern wollen, müssen wir den Korrespondentinnen und Korrespondenten die Luft und die Zeit geben, weiterhin zu recherchieren. Vielen Dank!

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(Fotos: © Jörg Wagner)


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