Hahne, Peter

Telefoninterview mit Peter Hahne für das radioeins-Medienmagazin vom 25.06.2011 (rbb)
O-Töne: Peter Hahne, ZDF, 27.06.2010; Peter Hahne, ZDF, 26.06.2011; Georg Schramm in: 3sat-Jubiläumsgala, 3sat, 01.12.2009; 40 Jahre ZDF, heute journal, ZDF, 31.03.2003


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Vgl.:
* „Peter Hahne“ vom 26.06.2011 mit Samuel Koch, ZDF-Mediathek
* Homepage von Peter Hahne

Transkript

O-Ton: „Peter Hahne“, 27.06.2010, ZDF
Peter Hahne: Sie sind und bleiben Pastorin der Landeskirche, sind als Bischöfin aber zurückgetreten, weil Sie sagen, dieser Alkoholfall, alles, was darum herum war, diesen Fehltritt, da sage ich, das ist die Konsequenz. Aber ist es nicht inkonsequent, weil Sie ja als Pastorin den gleichen moralischen Anspruch haben?

Margot Käßmann: Also, jetzt muss ich sagen, Pastorin ist der Mensch auf Lebenszeit. Es gibt kein perfektes Leben, aber ich habe gedacht, das würde mir immer anhängen. Eine solche Sache hängt ihnen immer an. Bei jeder Situation, in der sie etwas sagen wollen im Land als Bischöfin, als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, käme dann immer so ein kleiner Schimmer: na war damals nicht und hat sie nicht auch? Usw. Das wollte ich meiner Kirche nicht antun. Und wenn Sie eine Sendung wie Harald Schmidt gesehen haben, wo er mich wirklich – also dezidiert lächerlich gemacht hat, das kann die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer Ratsvorsitzenden, das sollte sie nicht tragen.

Jörg Wagner: Peter Hahne, das war vor einem Jahr am 27. Juni. Auftakt gleich mit einem Paukenschlag. Gäste folgten wie: Günter Schabowski, Horst Köhler, Bettina Wulff, aber auch Frank Zander und Daniel Küblböck. Welche Menschen interessieren Sie eigentlich genau für Ihre Sendung?

Peter Hahne: Ja, Menschen, die etwas besonderes zu sagen haben. Und von denen ich auch annehme, dass sie nicht die erwarteten Sprechblasen abliefern, sondern vielleicht auch die eine oder andere überraschende Einsicht und Aussage. Also ein Günter Schabowski hat bei mir gesagt: ich schäme mich für alles, was ich in dem SED-Regime getan habe. Das war schon in dieser einzigartigen Atmosphäre einer solchen Sendung, die ja ohne Zuschauer im Studio, ohne dies Geklatsche und sehr konzentriert ist, schon etwas besonderes.

01:40
Jörg Wagner: Es gibt nun Talker – und da sind wir bei Ihnen und nicht bei den Gästen, denen merkt man die weltanschauliche Ausrichtung nicht genau an, Sie sind da sehr offensiv. Man erkennt sehr deutlich den gelernten Theologen und Philosophen in Ihnen. Warum machen Sie das?

Peter Hahne: Nun, jeder hat seinen Hintergrund und seinen Akzent. Diese Sendung ist ja bewusst eine meinungsfreudige Sendung. Auch von Seiten des Moderators. So ist das Ganze angelegt und dann sitzen eben zwei Gäste am Tisch, die sich streiten. Und der Moderator moderiert. Aber in dem Augenblick, wo EIN Gast da ist, vertritt natürlich der Moderator auch eine andere klare Positionen, um das Gespräch a) interessant zu machen und b) vielleicht auch etwas zu entlocken, was man mit dem Hintergrund, den ich habe, eher bekommen kann, als wenn man dort pseudoneutral sitzt. Also, ich setze das bewusst ein. Und zwar nicht nur das theologische, sondern auch in anderen gesellschaftspolitischen Fragen, wo man vielleicht eine Position hat, die konträr ist zudem, die der Gast hat, um es auch wirklich interessant werden zu lassen.

2:47
Jörg Wagner: Hören wir doch mal in die Jubiläumsausgabe hinein, für die Sie Samuel Koch befragen konnten. Samuel Koch ist der Wettendass-Kandidat, der sich bei seinem Stunt, dem Sprung über mehrere Autos am 4. Dezember 2010 so stark verletzte, dass er seitdem gelähmt ist.

O-Ton: „Peter Hahne“, 26.06.2011, ZDF

Peter Hahne: Als Ihnen das passiert ist, waren Sie da noch in Gottes Hand?

Samuel Koch: Ich atme. Also, auf jeden Fall. Es gibt ja leider Patienten mit ähnlicher Lähmungshöhe, die noch an Atemgeräte angeschlossen sind, denen es wesentlich schlechter geht wie mir. Und … ja, es hätte einiges schlimmer kommen können. Definitiv, ja.

Jörg Wagner: Liegt’s am Sendeplatz, dem Sonntag, dem klassischen Tag der Predigt oder sind Sie vielleicht so etwas wie Missionar? Was ist Ihre Motivation bis an diese Grenzen des Unvorstellbaren eigentlich heran zu reichen? Vielleicht erläutern Sie das mal am konkreten Beispiele ihrer Jubiläumsausgabe!

Peter Hahne: Naja, bei Samuel Koch war es nun eigentlich einfacher. Ich habe ja zu ihm seit Monaten Kontakt. Wir haben immer wieder miteinander telefoniert. Der Kontakt ist entstanden, weil er meine Bücher gelesen hat, weil er mich als Christ schätzt und selber Christ ist. Deshalb war es auch leichter, diese Frage nach Gott, nach Wundern, nachdem zu stellen, ob er nicht verzweifelt an Gott. Aber, ich denke, dass das auch Fragen sind, elementare Fragen, die Menschen bewegen, die vielleicht ganz weit weg sind vom Glauben. Die damit gar nix im Hut haben, die aber trotzdem sagen, es stellt sich in diesen Grenzfragen, wie Sterben, wie Tod oder wie Leid doch die Frage nach dem Sinn. Also, das mutig zu stellen, aber ohne jemand bloß zustellen, das nicht zu inszenieren, sondern authentisch werden zu lassen. Und das ist bei keinem anderen so sehr möglich wie bei diesem tapferen jungen Samuel Koch.

4:44
Jörg Wagner: Sie haben auf Ihrer Homepage peter-hahne.de einen Spruch: „Je mehr Platz wir Gott geben, desto weniger Raum bleibt für Angst und Sorgen.“ Wovor haben Sie Angst, dass Sie so stark auch über Gott reden?

Peter Hahne: Naja, ich habe eigentlich überhaupt keine Angst. Sondern, ich sehe eine Welt um mich herum, die sich Angst und Sorgen macht, ja teilweise um Pillepalle. Also, wenn ich einen Samuel Koch höre, der mir sagt, anderen geht’s doch noch schlechter als ich. Wenn ich ihn höre, dass er sagt, wieso sollte es mir den schlecht gehen, ich atme doch noch, ich hab doch noch nicht den Verstand verloren, das rückt die Prioritäten wieder zurecht. Also, mein Appell ist einfach auch im Blick auf Gott, auf diese Dimension, dass ich sage, es gibt Dinge im Leben, die wichtiger, wesentlicher sind, als die Sorgen, die wir uns hier vielleicht machen, die natürlich nicht klein geredet werden sollen, aber im Vergleich zu dem, was weltweit geschieht, kann ich noch sagen … und Samuel Koch wird das sagen. Er wird sagen, ich wundere mich, dass wir in Deutschland so viel jammern, obwohl es uns so gut geht und andere sind glücklicher, obwohl es ihnen nach außen hin wesentlich schlechter geht.

5:55
Jörg Wagner: Aber vielleicht noch einmal anders gefragt, ist das Werbung für Gott, was Sie machen?

Peter Hahne: Nein, das ist Journalismus auf meine Art und Weise. Journalismus in dem Sinne, wenn es sich anbietet, stelle ich auch die Frage. Vielleicht in den 40 Sendungen, die ich bisher gehabt habe, ist das vielleicht fünfmal vorgekommen. Aber wenn ein Gregor Gysi vor mir sitzt und über seine Krankheiten und die schweren Schicksalsschläge gesundheitlicher Art redet – im Blick auf Schäuble war das damals – und dann plötzlich sagen kann, wir brauchen so etwas wie Kirche, damit wir wenigstens eine Instanz haben, die für Moral und Ethik zuständig ist, dann ist mir das aus dem Munde eines Atheisten viel wertvoller, als wenn ein Pfarrer predigt.

6:42
Jörg Wagner: Aber Sie sind auch, Peter Hahne, ein Mann, der, ich sag mal, nicht nur den Zusammenhalt einer Gesellschaft hinterfragt und auch vielleicht damit beitragen möchte, dass wir näher zueinander rücken, aber Sie polarisieren auch. Also Ihre … ich erinnere nur daran, vielleicht ist mein Eindruck nicht richtig, aber einige Kollegen reiben sich daran, dass Ihnen auch schon mal Parteinahme vorgeworfen wird, also im eigentlichen Wortsinn, dass Sie für eine bestimmte Partei eintreten. Wie nehmen Sie das wahr?

Peter Hahne: Also, erstens gehöre ich keiner Partei an. Würde mich auch heute fragen, welcher soll ich eigentlich angehören, wo alles einheitlich ist. Aber, wenn man wahrgenommen wird, ist das beste, was einem in seiner Arbeit passieren kann. Wenn sich niemand an einem reibt, wenn man also gleichförmig ist und wenn das Ganze ein Einheitsbrei ist, man ein austauschbarer, geklonter Moderator ist, dann gerät man schnell an seine Grenzen. Ich glaube, man muss Interesse wecken, man muss Themen so aufbereiten, dass sie interessieren und vielleicht auch ein bisschen faszinieren, aber vor allem dass sie motivieren. Wenn sie motivieren zu einer konstruktiven Kritik, dann finde ich das immer prima. Also, wenn ich nicht der Peter Hahne wäre, der ich bin, würden wir beiden kein Gespräch miteinander führen. Und hätte ich mich nicht seit 38 Jahren mit Erfolg, auch mit Quotenerfolg … und es kommt ja auch auf die Zuschauer an, wenn die abschalten, dann ist ja alles verloren. Dann habe ich ja mein Beruf verfehlt. Aber ich habe mich gehalten.

8:17
Jörg Wagner: Ja und glaubt man aber den Medienberichten, verdanken Sie ja Ihre Sendung dem Umstand, dass Sie zwischen die partei- und medienpolitischen Fronten geraten sind. Ich erinnere nur an die verweigerte Vertragsverlängerung vom ehemaligen Chefredakteur Nikolaus Brender durch die CDU-Mehrheit im ZDF-Verwaltungsrat, so die Verschwörungstheorie, hinge auch damit zusammen, dass Sie bei einem Postenneuverteilungskarussell Peter Frey als Hauptstadtstudio-Chef nachfolgen sollten. Der Kabarettist Georg Schramm sagte in der 3sat-Jubiläumsgala vom 01.12.2009
:

O-Ton: 3sat-Jubiläumsgala, 3sat, 01.12.2009

Man munkelt übrigens in Fachkreisen hier in der Hauptstadt, dass die Chefköchin im Kanzleramt die Aktion mit großem Wohlwollen begleitet haben soll, nicht? Da kommt ja ein Personalkarussell in Gang, was Koch losgetreten hat. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass einer wie Peter Hahne, nicht, dass der Hofprediger von Frau Merkel wird im Hauptstadtstudio.

Jörg Wagner: Letztlich habe man Ihnen diese Sendung am Sonntagmittag angeboten? Ist das soweit richtig? Haben Sie es auch so wahrgenommen?

Peter Hahne: Also, ich habe wahrgenommen, dass mein Vertrag mit Ende Februar letzten Jahres geendet ist im Hauptstadtstudio zehn Jahre und ich mir schon lange Gedanken gemacht habe, was mache ich danach. Mache ich das weiter? Oder mache ich das, was jeder anständige Journalist tut, nach einer bestimmten Zeit etwas ganz Neues nochmal anzupacken? Mit 58 ist das meine letzte Chance. Und es war mein Wunsch nach den Sommerinterviews, die ja Markenzeichen des ZDF sind, den abendlichen Sommerinterviews, das intensive Zweiergespräch in einer besonders dichten und auch persönlichen Form zu führen 20 Minuten und dieses an einem Sendeplatz, der konkurrenzlos ist. Und der sozusagen auch ein Markenkern werden kann. Und das ist der Sonntag um 13.00 Uhr. Um 15.00 Uhr sind die Leute auf’m Spaziergang und abends kommen sie in einen Wettbewerb hinein, den ich nicht möchte bei den vielen Talkshows, die da sind. Also, dieser Platz 13.00 Uhr … und viele Ihrer Kollegen auch in der Kritik haben gesagt, das kann nur schief gehen, da geht er doch völlig unter. Und wenn ich jetzt bei 2 Millionen Zuschauer wie bei der letzten Sendung, die abendliche 19.00 Uhr-heute-Sendung quoten- und zuschauermäßig geschlagen habe, also mehr kann man, glaube ich, gar nicht kriegen.

10:39
Jörg Wagner: Aber noch einmal zurück zur Verschwörungstheiorie. Ist da etwas wahres dran?

Peter Hahne: Ja, wenn es eine Verschwörungstheorie gäbe, wäre ich ja erfolgreich da rausgekommen. Aber, wenn mein Vertrag abläuft und ich mir überlege, was ich Neues machen kann, dann brauche ich keine Köchin im Kanzleramt. Und wer meine Sendungen gesehen hat in den letzten Monaten in der Kritik, die ich an der Bundesregierung ausübe, dann wird mir niemand nachsagen können, ich rede irgendjemandem nach dem Munde. Also, wenn es denn eine Verschwörungstheorie gäbe und die wahr wäre, wäre ich ja da strahlend daraus hervorgegangen. Aber da es das nicht gab, finde ich das immer wieder ein spannendes Thema, aber ich glaube kaum, dass dem heutigen Zuschauer, der mich sieht, interessiert, was vor zwei, drei Jahren war. Sondern der will heute Qualität haben. Und wenn er die Qualität kriegt, bleibt er dran und das schlimmste, was mir passieren könnte, wäre nach fünf Minuten „Peter Hahne“ am Sonntagmittag würden die Zuschauer reihenweise flüchten. Das Gegenteil ist der Fall. Das kann ja jeder messen.

11:44
Jörg Wagner: Sie sind ein erfolgreicher Buchautor. Sie standen für die heute-Sendung, das heute Journal, Berlin direkt vor der Kamera. Sie wirken immer sehr fröhlich und zufrieden, so dass sich selbst die ZDF-Kollegen in einem ZDF-Jubiläumsbeitrag nicht verkneifen konnten zu sagen:

O-Ton: heute journal, ZDF, 31.03.2003
… ein immer lächelnder Peter Hahne.

Jörg Wagner: Deutet das auf innere Zufriedenheit hin oder was erwarten Sie noch vom Leben?

Peter Hahne: Also, ich bin ein durch und durch zufriedener Mensch mit dem, was ich habe. Und habe nach dem Motto gelebt, je höher man sich die Ziele steckt, desto enttäuschter ist man nachher, weil man nie alles erreicht. Man soll zufrieden sein, aber nicht selbstzufrieden. Ich bin immer bereit, Kritik zu hören und mich zu verbessern. Das ist auch in meiner aktuellen Sendung. Die einen haben gesagt, zappel nicht so viel rum. Dann sitz ich jetzt still. Die andern sagen, plapper nicht so viel dazwischen. Dann lass ich die Leute ausreden. Hol Dir mal auch andere Themen. Ein bisschen was schrilles. Also auch mal einen Küblböck. Dann habe ich das gemacht. Das war ja für mich schon eine Revolution. Hätte ich ja nie gedacht, mit so jemand mal zusammenzusitzen. Ich war überrascht, was so ein junger Mann plötzlich an seriösen Aussagen bringen kann.

Und jetzt die Geschichte mit Samuel Koch. Also, ich glaube, dass ich … dadurch, dass ich jetzt mal bewusst etwas anderes mache, vielleicht sogar eher zu dem zurück komme, was mein eigentliches Anliegen ist. Nämlich Menschen nicht künstlich betroffen zu machen, sondern das, was sie wirklich betrifft auf den Sender zu bringen, aber in einer Art der Gesprächsform, die vielleicht doch unverwechselbar ist und dadurch, dass wir uns unterhalten, scheint sie ja unverwechselbar zu sein.

Jörg Wagner: Peter Hahne von der gleichnamigen Sendung im ZDF immer sonntags 13.03 Uhr und das seit einem Jahr. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Peter Hahne: Herr Wagner, schönen Dank und Tschüss

(Screenshots: ZDF, 3sat)

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2 thoughts on “Hahne, Peter

  1. Ja, Peter Hahne hat seinen Charme durch seine Kantigkeit und sein Selbstbewusstsein „Ich bin ich“. Er ist auch bereit, lieber zu polarisieren, als nach Harmonie zu streben, was wiederum für einen Theologen ungewöhnlich ist. Das verführt natürlich auch dazu, sich an ihm abzuarbeiten. Er bietet dafür einige Steilvorlagen. An Beckmann und Kerner wiederum, die ich auch sehr schwer unbelastet im Fernsehen ertrage, interessiert mich professionell allerdings die Diskrepanz zwischen gespielter Einfühlung und dem tatsächlichen Erfolg, Gesprächspartner zu öffnen.

  2. Ich hatte Probleme mit Hahne, aber das heutige Interview mit Koch und dieses Telefoninterview haben mich ein wenig positiv überrascht. Sicherlich bringt er seinen Glauben ein was mich weniger anspricht, aber er ist wirklich nicht so aalglatt wie ein Illner, die eher einer Dompeurin für Sprechblasen-Absonderer gleicht oder einem selbstverliebten Beckmann. Kerner will ich gar nicht erwähnen.

    Daher Daumen hoch.

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