23. Medienforum.NRW – der „Eklat“


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Was: 23. Medienforum.NRW – Eröffnungsdiskussion
Wo: Köln
Wann: 20.06.2011
Wer:
* Dieter Moor, Moderator
* Monika Piel, ARD-Vorsitzende
* Anke Schäferkordt, RTL-Geschäftsführerin
* Jürgen Doetz, VPRT-Präsident
* Richard Gutjahr, bloggender Journalist
* Werner Lauff, Verlagsberater und Publizist
* Helmut Heinen, BDZV-Vorsitzender
* Sebastian Turner, Unternehmer und Werbeprofi

Transkript der in einigen Medien als „Eklat“ bezeichneten Diskussion zwischen Richard Gutjahr und Monika Piel, Anke Schäferkordt bzw. Jürgen Doetz. Auch als PDF.

(…)

26:24
Moor: Wollen Sie vielleicht zunächst einmal schildern, wie genau, was tun Sie? Wie geben Sie Informationen im Internet weiter?

Gutjahr: Damit. (Hält sein iPhone hoch.)

Moor: Als Reporter? Damit. Sie sind damit unterwegs und machen hier einen Fernsehbeitrag?

Gutjahr: Ja, also ich hab’ zum Beispiel jetzt auf dem Weg hierher gebloggt. Im Flugzeug. Und ich könnte das jetzt hier von diesem Podium aus online stellen, indem ich jetzt hier draufdrücke und dann ist das … können Sie meinen Blogbeitrag lesen. Hier „publish“. Zack. So und jetzt lesen Sie quasi meine Thesen des heutigen Tages …

Moor: Sagen Sie nur, das kommt jetzt hier oben auch noch? (Sieht auf die Leinwand)

Gutjahr: … online. Nein, nein, nein das …

Moor: Soweit sind wir noch nicht?

Gutjahr: Soweit sind wir noch nicht.

Moor: Gut, aber das ist eigentlich das, was ich auch tun könnte?

Gutjahr: Ja.

Moor: Das könnte jeder Anwesende im Saal, jede Anwesende im Saal auch tun. Das heißt, jeder wird Reporter. Dann haben wir doch genau das, was uns die beiden Fernsehpersönlichkeiten gesagt haben: das ist die Schwierigkeit. Jeder sendet alles, aber wie journalistisch ist es dann noch?

Gutjahr: Sehen Sie, wir drehen uns da immer im Kreis. Ich bin ja jetzt auch schon ein paar Jahre auf so Medienforen unterwegs, meistens im Publikum. Und wir kommen aus diesem Zirkel nicht raus. Wir warnen immer vor den Gefahren, aber wir sehen die Chancen nicht. Und natürlich …

Moor: Was sind die Chancen?

Gutjahr: Naja, die Chancen sind einfach mehr Mitbestimmung. Mal reinzuhören, was wirklich das Volk denkt. Mir kommen, mit Verlaub, also auch die Mächtigen …

Moor: Sie werden gleich noch die …

27:44
Gutjahr: Ja, ja. Die Mächtigen in den Sendern und in den Verbänden kommen mir so ein bisschen vor wie die Machthaber in den nordameri… arabischen Ländern.

Moor: Puh!

(Raunen im Saal)

Gutjahr: Äh. Naja. Die hocken in ihren Palästen und nehmen gar nicht wahr, was um sie herum stattfindet. Im Internet. Und plötzlich brennt die Bude und alle fragen sich, wo kam das denn auf einmal her.

Piel: Woher wissen Sie das, wie wir in unseren Palästen hocken? Waren Sie schon mal da?

Gutjahr: Ich arbeite für Sie!

Moor: Darf ich, darf ich …

(Lacher, Beifall)

Moor: Also, ich fürchte, man hat das nicht gehört. Ich hätte es gern gehabt, wenn man es gehört hätte.

Piel: Ja, vielleicht machen wir das. Ich finde das z. B., ich find‘ das so anmaßend, zu behaupten …

Moor: (zu Gutjahr) Gehen wir doch gleich rüber. Es ist will keiner, dass wir hier zu zweit reden.

Piel: … dass da alle sitzen und nicht wissen, was da im Internet passiert. Was denken Sie sich denn eigentlich, wie man solche Häuser leitet, wenn man … wir nehmen nix um uns wahr? Wir arbeiten nicht mit dem Internet? Wir merken nicht, was da passiert? Also, das ist eine so dumme Anmaßung.

(Beifall)

Moor: Aber er hat das Recht dazu.

Gutjahr: Also, ich bin ja nun auch schon paar Jahre öffentlich-rechtlich, übrigens sehr gerne öffentlich-rechtlich, aber ich muss schon sagen, also, was diese neue Welt angeht, diese neuen Kulturtechniken facebook, twitter etc. – da haben auch wir noch gehörig Nachholbedarf. Und glauben Sie mir, ich bin jeden Tag …

Moor: Aber worin besteht der konkret? Das würde mich interessieren, Herr Gutjahr. Was hieße das konkret? Das sagt sich so leicht, wir haben Nachholbedarf, aber konkret? Auf den Punkt gebracht.

Gutjahr: Konkret. Es reicht nicht, dass, wenn der Reaktor explodiert, dass wir dann anfangen irgendwie uns bei twitter erst anzumelden. Da sollten wir eigentlich schon sein.

Moor: Gut. Und wenn wir da schon sind?

Gutjahr: Ich finde, diese Kommunikationstechniken auch diese neuen Informationswege … wir sollten eigentlich an der Spitze der Bewegung stehen und uns damit vertraut machen, anstatt immer und immer wieder einfach nur vor den Gefahren zu warnen. Das bringt uns nicht weiter.

29:37
Moor: Okay. Trotzdem bin ich jetzt als Grauhaariger zugegebenermaßen vielleicht auch nicht so fit wie Sie in diesen Bereichen. Bin ich doch sehr beruhigt, wenn ich hier von Privaten und von öffentlich-rechtlichen zwei sehr, sehr mächtige Frauen habe, die sagen: es ist ganz wichtig, dass wir diese Informationen filtern, dass wir damit irgendwie umgehen. Da ist natürlich der Widerspruch, da kommen jetzt Sie und sagen: jaha, aber die jungen Leute! Wir wollen das gar nicht gefiltert. Die wollen das direkt haben. Oder was ist Ihre Haltung dazu?

Gutjahr: Darum geht es doch gar nicht. Aber es nutzt uns nichts, immer nur darauf zu verweisen, dass man beispielsweise im Internet irgendwelche Fotos photoshoppen kann. Das wissen wir auch. In der analogen … es wird immer so getan, als gäb’s das in der analogen Welt nicht auch. Ich erinnere mich an irgendwelche Tagebücher in den 80er Jahren …

Moor: Aber Herr Gutjahr!

Gutjahr: … da ist man auch drauf reingefallen.

Moor: Ihre Kritik, dass wir alle ein bisschen der Zeit herhinken, die ist angekommen. Da wollen wir auch gar nicht mehr länger drüber sprechen.

Piel: Doch. Ich möcht‘ das schon gerne noch.

Moor: Ich nicht.

(Gelächter)

Moor: Sondern, ich möchte jetzt mal hören, was denn die Chancen sind. Also, was ist jetzt jemand, der … was bringt uns weiter? Was ist das konkret? Außer, dass wir’s tun?

Gutjahr: Nicht nur drüber reden, sondern machen. Wer ist hier bei twitter? Aktiv?

Moor: Ja, aber was… gut, jetzt sind Sie da. Also, Sie werfen jetzt vor … Sie sind nicht da. Sie sind drin. Was haben Sie davon? Was ist konkret der Vorteil?

Gutjahr: Ich habe einfach Zugang zu Quellen, die eben jenseits der klassischen Nachrichtenagenturen …

Moor: Heißt das jenseits der Recherche oder heißt das jenseits wovon?

Gutjahr: Ja, Recherche. Ich habe einen direkten Draht auch wirklich bis zum Augenzeugen vor Ort, der ja auch journalistisch arbeiten kann. Ich sage nicht unbedingt, dass der ein Profijournalist ist oder ein Berufsjournalist, sondern der kann auch journalistisch arbeiten in dem Augenblick, wo er einfach da ist, wo gerade was passiert. Und wir können einfach nicht überall gleichzeitig sein. Das ist … wir wären es gerne, aber es geht einfach nicht.

Piel: Darf ich auch mal was dazu sagen?

Moor: Jetzt müssen wir’s organisieren. Ich muss jetzt filtern. Ich würde vorschlagen, weil wir einfach wirklich leider im Zeitdruck sind, aber das Medienforum dauert ja, wir das können das ja alles auch in den einzelnen Gremien dann vertiefen. Ich möchte allen drei Herrschaften kurz Gelegenheit geben, zu erwidern. Vielleicht …

Piel: Ja, ich kann das ja auch nicht einfach so stehen lassen …

Moor: Vielleicht fangen wir da mal mit Frau Piel an. Ja.

Piel: Entschuldigung. Und ich finde es auch völlig irrelevant, die Frage, wer von uns twittert. Es geht hier nicht um uns als Privatpersonen, da würde ich Ihnen auch nicht erzählen, ob ich twittere oder nicht, können Sie nachgucken. Es geht darum, was wir in den Sendern machen. Selbstverständlich benutzen wir auch im Sender twitter. Ich möchte Sie aber auch mal darauf aufmerksam machen, dass für uns als Sender, ob in Blogs oder in twitter oder auf sozialen Plattformen, die Regeln gelten, die auch sonst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten. Wir können nicht da einfach hingehen und völlig subjektive Dinge verbreiten, wie das jeder andere macht. Ich sehe doch jeden Tag, was bei mir ankommt in meiner eMail-Box. Jeder Mensch kann von sich geben, was er will. Persönlichkeitsrecht spielt keine Rolle, Urheberrecht spielt keine Rolle, es spielt gar nichts ‘ne Rolle. Okay. Aber das können wir umgekehrt nicht machen.

Moor: Frau Piel, ist angekommen.

Piel: Für uns gelten die gleichen Regeln.

(Applaus)

Moor: Ist angekommen. Also der Unterschied zwischen journalistischer Verantwortung und Freiheit. Frau Schäferkordt.

Anke Schäferkordt: Das ist ja immer schön, die Aussagen so ein bisschen zuzuspitzen und ich stimme Frau Piel absolut zu. Es ist absolut irrelevant, ob wir twittern oder nicht. Unsere Journalisten haben genauso den Zugang, wie Sie als Journalist das haben. Mir ist jetzt immer nur noch nicht klar, was Sie wirklich fordern, was wir anders machen sollen. Also, sehr konkret haben Sie sich noch nicht ausgedrückt, was wirklich Ihre Forderung ist. Sie haben Kritik geübt, aber sind jetzt nicht sehr aktiv in dem Bemühen, wie wir es denn besser machen können.

Moor: 
Wir machen noch einen Versuch gleich. Aber vorher noch Herr Doetz.

Doetz: Also, ich finde es höchst bedauerlich, dass hier bei den Bloggern ein Denken vorherrscht, dass jeder, der nicht twittert, der nicht bei facebook ist, eigentlich nicht kommunikationsfähig ist. Verdammt nochmal, ich will mir selbst aussuchen können, wie ich mich informiere, bei wem ich mich informiere und dann mich mit dem Vorwurf konfrontiert sehen: du bist von gestern oder vorgestern. Das ist genau dieses Denken, wo ich manchmal Organisationen, re:publica und andere Veranstaltungen schon für fast – entschuldigen Sie, ich überspitz’ jetzt auch mal – für faschistoid halte, weil sie uns vorwerfen wollen, welchen Freiheitsbegriff wir anzuwenden haben. Und das ist kein Umgang. Ich respektiere Sie. Ich respektiere Ihre Quellen. Aber bitte respektieren Sie auch andere.

(Beifall)

Moor: Herr Gutjahr, jetzt würde ich mir wünschen … boah, einen ganz schönen Schwung rein gebracht hier, der Herr Gutjahr … jetzt würde ich mir wünschen, dass Sie die Antwort von äh die Frage von Frau Schäferkordt versuchen, zu beantworten. Was muss sich konkret ändern? Außer, dass wir alle mitmachen müssen.

Gutjahr: Kommunikation – das ist für mich etwas, was ein bisschen auch auf Gegenseitigkeit irgendwo beruht. Da steckt das Wort Kommune … Gemeinsamkeit … nicht nur mitteilen, sondern auch teilen. Und bislang hatten wir diesen Rückkanal nicht, von dem wir alle so lange geträumt haben. Niklas Luhmann und Schweigespirale Noelle-Neumann und und und. Und jetzt gibt es diesen Rückkanal für die Politik genauso wie für die Medien. Und jetzt ist uns das auch wieder nicht recht.

Piel: Wieso nicht?

Gutjahr: Naja. Also, es hat einfach sehr lange gedauert. Und das Internet gibt es ja nun schon einmal ein paar Jahre, bis wir überhaupt beispielsweise die Möglichkeit zugelassen haben, dass die Zuschauer, Hörer, Leser Kommentare direkt unter die Artikel oder Sendungen platzieren dürfen, also mitreden können, im besten Sinne des Wortes partizipieren.

Moor: Okay. Ist auch angekommen, Herr Gutjahr. Jetzt wird wahrscheinlich die Gegenseite sagen: Doch, das gibt’s doch alles schon. Dann werden Sie sagen: aber es ist zu spät gekommen. Also gut. Ich möchte jetzt jemanden …

(Gelächter)

Moor: Ist es nicht so?

Piel: Na, also, ich kann Ihnen nur sagen: der WDR ist seit 28 Jahren im Netz.

Moor: Sehen Sie.

Piel: Ich weiß gar nicht, ob Sie da schon wussten, was Netz ist. Aber …

Moor: Ich möchte jetzt jemand dazu …

(Gelächter)

Piel: Außer ’nem Federballnetz. Aber ich möchte nochmal ein ganz konkretes Beispiel … immer diese flotte Art. Sie haben da eben gestanden und haben gesagt, wir sind genauso wie nordafrikanische Potentaten. Sowas kann man als öffentlich-rechtlicher Journalist zum Beispiel nicht eben mal so flott im Internet von sich geben. Nämlich, das sind alles Leute, das sind Diktatoren, die sind nicht frei gewählt. Die unterdrücken Völker. Das ist alles immer nett flott mal formuliert und man kriegt also auch Beifall, aber so funktioniert es nicht. Wir sind eben, wenn wir im öffentlich-rechtlichen sind, haben wir im Netz auch genauso die gleichen Pflichten ordentlich damit umzugehen und da kommt’s nicht mal darauf an, dass man flotte Sprüche macht.

Moor: Ich mach‘ jetzt ’nen Schnitt. Einfach aus Zeitgründen. Aber die Haltungen sind sehr klar da. Ich möchte Ihnen aber noch Gelegenheit geben diese Aussage vielleicht zurückzunehmen, wenn Sie wollen.

(Gelächter)

Gutjahr: Ich hab’ gesagt: „Es kommt mir so vor“. Ich habe nicht gesagt, dass es so ist.

Moor: Gut. Und falls Sie jemanden damit gekränkt haben sollten, täte es Ihnen Leid, nehme ich an, oder?

Gutjahr: Absolut. Nein, es geht ja nicht um’s Persönliche.

Moor: … die juristisch korrekte Formulierung.

Gutjahr: Es geht nur um’s Prinzip.

Moor: Gut.

Doetz: Okay, Sie sind auch kein Faschist.

Moor: Ich mag das, wenn ein Medienforum mit ’nem kleinen Skandälchen anfängt. Meine Damen und Herren, ich möchte jetzt jemanden auf die Bühne bitten …

(…) (wörtliches, gelegentlich etwas geglättetes Protokoll)

(Video + Screenshots: © Medienforum.NRW)

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