Das Schweigen der MW – Wilsdruff ade

Wilsdruff und die Antenne

Was: mdr INFO auf Mittelwelle
Wo: Leipzig-Wiederau, 783 kHz; Wilsdruff 1044 kHz; Reichenbach 1188 kHz (Mitschnitt Wiederau)
Wann: 30.04.2013, 05:58 Uhr MESZ

Es ist, wie es ist. Der mdr trennt sich von der amplitudenmodulierten Rundfunkwelle. Die Mittelwellen-Übertragung von Rundfunksendungen hat keine Perspektive mehr. Zu dumpf. Zu teuer. Nur eine überschaubare Fangemeinde wird den warmen Klang mit seinen atmosphärischen Störungen vermissen.

Für mich verabschiedet sich nach und nach das Gefühl von Kindheit. Das war auch der Röhrenempfanger im Wohnzimmer und das Transistorradio meist unter dem Kopfkissen. Mit einer simplen Germaniumdiode und einem Kopfhörer, der an Weltkriegsfunker erinnerte, konnte ich an der Wasserleitung geerdet Berliner Rundfunk hören und an der Heizung Rias Berlin. Die wohl stärkste „Berührung“ hatte ich mit der Mittelwelle in den 365 DT-64-Tagen über den Wilsdruffer Mittelwellen-Sender mit seiner 1044 kHz.

UKW-verwöhnt mit 18 Standorten (wenn ich es richtig in Erinnerung habe), war die Zwangsabgabe der DT64-Strahler an kommerzielle Radios bzw. Fritz (ORB/SFB/rbb) 1992 ein Schock, der sich durch die Überbrückung auf der Mittelwelle nicht wesentlich abmilderte. Im Gegenteil. Trotz starker Bemühungen der Senderbesatzung und den Optimierungen durch DXer Claus Grote am Kompressor und parametrischen Equalizer in vorfacebookscher Vernetzung mit zig Hörern, teilweise onair, wich das Gefühl, dem Rauschen ausgeliefert zu sein kaum. War der Empfang einigermaßen satt wie in Dresden oder Leipzig zerfetzten die Straßenbahn-Elektromotoren den Hörgenuss im Autoradio so stark, dass die Sorge den Trommelfellen und Lautsprechermembranen galt und Aufmerksamkeit dem Programm fast vollständig entzog.

Wenn es dunkel wurde, kämpfte der „Grieche“ auf derselben Frequenz in auf- und abschwellenden Zyklen um Beachtung. Dennoch machte es Spaß, sich wellenreitender Weise, wie bei einer Art Mittelwellen-Rodeo programmlich dem Zucken, Rauschen, Sprühen und Schwund im „Äther“ anzupassen. Mit Mittelwellen-kompatibler Musik und viel Wort. Man fühlte sich so, wie sich Radiopioniere gefühlt haben müssen.

Mit dem 30.04.2013 ist die 1044 khz vom mdr aufgegeben worden. Auch Mittelwellen können sterben. Diese zwei Videos sind meine zwei Grabsteine für den Sender: R.I.P. 1044

(© Foto + Videos: Jörg Wagner; Audio-Mitschnitt realisiert durch: Christian Schubert)


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15 thoughts on “Das Schweigen der MW – Wilsdruff ade

  1. Eine Bandbreite von 14kHz, wie sie z.B. zuletzt beim MW-Sender Wilsdruff angewendet wurde, ergibt eine obere Ton- Grenzfrequenz von immerhin 7 kHz ! Leider ist bzw. war dies durch die allg. gebräuchliche Empfänger-Kanalbandbreite von 9 kHz kaum oder nicht zu hören. Ich hatte mir damals ein sog. Einkreis-Radio gebastelt, welches ich dann an einen Verstärker mit guten Boxen anschloss. Von geringerem Dynamikumfang mal abgesehen, war diese Wiedergabe durchaus UKW ähnlich! Fazit: Weniger Sender auf der Mittelwelle und dadurch machbare grössere Bandbreite, die passenden Radis dazu – AM hätte m.E. nach wieder eine Chance! P.S.: Ich persönlich höre MDR Info über DAB+, sonst seit Jahren nur noch Internetradio, da Musikrichtungen wie Soul, Funk und R&B sonst kaum bedient werden.

  2. was soll denn aus dem wellenbereich mw werden? vielleicht gibts eine digitale dividente 3,4,5….? vielleicht soll kein programm mehr aus dem ausland gehört werden? als sachse, der mehr oder weniger vergeblich auf einen sächsischen rundfunk gewartet hat, sehe ich die notwendigkeit des senders in wilsdruff, mitten im lande. man weiß ja nie, ob die schnapsidee mitteldeutschland irgendwann durchgedrückt wird, wenn die leute gerade mit anderen problemen beschäftigt sind. auch im katastrophenfall brauchen wir reserven. drm ist sicher eine gute sache. eigentlich brauchen wir wie so oft nur abwarten, bis wir die radios aus china oder indien kaufen können. dann wird hier eben digital gesendet……. 😉

  3. Die Signalquelle der Übernahme durch Radio 100 dürfte ganz einfach 102,6 MHz gewesen sein. Das Verfahren war und ist weit gebräuchlicher, als man arglos vermuten würde. Ich kann mich noch lebhaft erinnern, wie ich fassungslos vor dem Fernseher saß, als sich dort von Astra ein nettes FuBK-Testbild mit Einblendung „Programmstörung Teufelskopf K 53“ darbot. Mir war schon sofort klar, wie sich das erklärt; die Fassungslosigkeit rührte einfach daher, daß ich das (also eine Astra-Ausstrahlung per Ballempfang in Betzdorf) nicht für möglich gehalten hätte.

    In der DDR lief wohl der ganze abseits richtiger Sendeanlagen stehende Zoo an Mittelwellen-Kleinsendern (1485, 1584, 1602 kHz; da soll außerhalb des Versorgungsgebietes von jeweils bis zu 10 km Umkreis ein unverständliches Gemurmel zu hören gewesen sein) mit Ballempfang, und manchmal sollen die Leute nicht schlecht gestaunt haben, was da mitunter stundenlang so alles auf Mittelwelle umgesetzt wurde …

    Was nun die DT64-Übernahme durch Radio 100 betrifft, dürfte die rundfunkrechtlich nicht weiter problematisch gewesen sein. Das würde erst dann fragwürdig, wenn jemand in relevantem Umfang Eigenprogramme durch Übernahmen von Fremdveranstaltern ersetzt. Viel interessanter ist da der urheberrechtliche Aspekt; von der Sache her war das nichts anderes als sog. Signaldiebstahl, auch wenn das Risiko, das sie damit eingingen, durchaus überschaubar gewesen sein dürfte.

    Nun ja; heute pflegt man in der Potsdamer Straße halt andere Kapriolen … (falls sich jemand fragt, wo denn: über Kleinsender in Brandenburg, nachdem man in Berlin wohl keinen Fuß mehr in die Tür bekommt)

    Und ja, Anfang September 1990 entsprach die Anmutung des Programms noch der vom Vorjahr. Mir kam es sogar so vor, als habe die im Grunde merkwürdige Aktion der ungleichen Partner den Anstoß dazu gegeben, die Musikfarbe deutlich zu verhärten. Ich habe (man muß schreiben, wie es ist) das Programm danach trotzdem weiter gehört.

  4. Ergänzen kann man an dieser Stelle vielleicht noch, dass neben dem Deutschlandsender Kultur auch das West-Berliner privatrechtliche Radio 100 am 8.9.1990 einige Stunden des DT-64-Programms auf seiner Frequenz 103,4 MHz übernahm. Die KollegInnen in der Potsdamer Straße waren ja durchaus für manche Kapriolen zu haben, inwieweit aber dieser Vorgang zu diesem Zeitpunkt durch den (West-)Berliner Kabelrat „legitimiert“ war, sei einmal dahingestellt. Hat zu dieser Zeit eh‘ niemanden interessiert…
    Eine Frage stellt sich aber, auch mit Blick auf Kais Ausführungen: wie gelangte eigentlich das DT-64-Signal zu Radio 100?

    Noh etwas „Subjektives“ zu diesem Ereignis: ich bin kürzlich auf einen Zusammenschnitt vom 7./8.9.1990 gestoßen. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass mich vieles an der Ansprechhaltung, der Musik und auch der Hörermeinungen etwas irritiert hat. In meiner Erinnerung war das Programm von DT64 zu diesem Zeitpunkt bereits mutiger, entkrampfter und ideologiefreier.

  5. Dazu vorab die entsprechende Passage aus dem Teil 2 des Artikels über Wilsdruff & Co., der dann im Radio-Kurier 7/2013 erscheinen wird. Sie enthält zugegebenermaßen sechs Wörter, auf die man auch hätte verzichten können, aber nach einem aktuellen Vorgang (Stichwort Thomas Braune; ironischerweise auch ein früherer Mitarbeiter von DT64) wäre es für mein Empfinden dann doch die Schere im Kopf gewesen, die diese rüde Polemik gestrichen hätte.
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    Als das Ende der DDR und damit auch das Ende des Rundfunks der DDR als eigenständiger, handlungsfähiger Institution nahte, ersann dessen letzter Intendant Christoph Singelnstein einen speziellen Plan. Die parteipolitischen Konstellationen für einen Erhalt von DT64 schienen ihm nur in Berlin und Brandenburg günstig zu sein. Gleichzeitig sah er für das bisherige Radio DDR 1 eine Chance darin, mit dem ebenfalls vom Untergang bedrohten RIAS Berlin zusammenzugehen.

    Christoph Singelnstein und der RIAS-Intendant Helmut Drück taten sich daher als Verschwörer zusammen und kamen überein, ab dem 8. September 1990, „null, acht Uhr“ (was auch immer diese Phrase eigentlich ausdrücken sollte), das Programm von RIAS 1 über jene UKW-Frequenzen von DT64 auszustrahlen, deren Senderstandort außerhalb von Berlin und Brandenburg lag.

    Dies erforderte im Vorfeld natürlich technische Vorbereitungen; zum einen die Aufteilung der so gebildeten Senderketten auf unterschiedliche Zuführungen, zum anderen auch die Heranführung des RIAS-Programms zum Funkhaus Nalepastraße. Diese wurde nicht einfach per UKW-Ballempfang gelöst, vielmehr richtete man hierfür eigens eine Richtfunkverbindung ein. Ihre Empfangsantenne wurde auf dem Turm aufgebaut, jenem schon architektonisch abgehobenen Teil des Blocks A, in dem sich die Büros der Rundfunkleitung befanden.

    Der Irrtum lag an dieser Stelle in der offenkundigen Vermutung, diese Vorbereitungen geheimhalten zu können. Tatsächlich wurde der Vorgang in den Nachmittagsstunden des 7. September 1990 zum Gegenstand der Berichterstattung nicht nur des Rundfunks selbst, sondern auch des Deutschen Fernsehfunks. Die Folge waren spontane Protestaktionen, die ihren Höhepunkt in Dresden fanden. Dort kam es zur Blockade der damaligen Ernst-Thälmann-Straße, die später umbenannt wurde in – Wilsdruffer Straße.

    Die Berliner Verschwörer suchten daraufhin ihren Plan zu retten, indem sie die Umschaltung auf 20 Uhr vorziehen ließen. Wenige Minuten zuvor begab sich Christoph Singelnstein mit einer vorbereiteten Erklärung in das Sendestudio von DT64. Dort demonstrierte er dann live auf Sendung, dass ihm das Heft des Handelns bereits entglitten und er nur noch eine Marionette war, indem er völlig verunsichert und eingeschüchtert, sich in einem fort räuspernd, seinen Text vortrug, der die „geschichtliche Situation“ beschwor und angebliche „gemeinsame Arbeitsgruppen von Radio DDR und RIAS Berlin“ in Aussicht stellte, von denen nie wieder jemand etwas hören sollte. Als ihn die anwesenden Journalisten von Presse und Fernsehen mit Fragen bedrängten, flüchtete er schließlich aus dem Sendekomplex K6.

    Beruhigt war die Situation damit keineswegs, vielmehr noch weiter angeheizt. Dies kulminierte am 8. September 1990 in einem beispiellosen Akt der Solidarität auf Seiten der sogenannten Hochkultur: Der Deutschlandsender Kultur entschloss sich, kurzerhand für zwei Stunden das Programm von DT64 zu übernehmen. Daran hielt er auch fest, nachdem die Verantwortlichen des Rundfunks der DDR und ihre vorgesetzten Stellen bereits zu der Erkenntnis gelangt waren, sich hier in etwas hineinmanövriert zu haben, das sie nicht mehr beherrschten. Man entschloss sich daher, die Übung nach 24 Stunden wieder zu beenden.

    Diese Episode endete damit auf eine Weise, die den Freunden von RIAS Berlin große Schmerzen bereitet haben dürfte: Mit lautem Jubel über dessen Abschaltung in der DDR. Auf Seiten des RIAS entschloss man sich offenkundig, dieses Kapitel der Geschichte des Hauses totzuschweigen und so zu tun, als habe es den Versuch, Teile einer UKW-Kette in der DDR zu übernehmen, nie gegeben.

    Wie tief der selbstverschuldete Schock bei der Rundfunkleitung in der Nalepastraße saß, illustriert eine Anekdote, die sich in den Wochen nach jenem 7./8. September 1990 zutrug: Christoph Singelnstein erschien mit seiner (als „Schlägertrupp“ empfundenen) Entourage im Schaltraum und verlangte erregt Auskunft, was mit DT64 sei. Der regelrecht bedrängte Schaltmeister konnte zunächst nur darauf verweisen, dass alles einwandfrei rausgehe. Wie sich herausstellte, war im Süden der untergehenden DDR eine Richtfunkstrecke gestört. Normalerweise hätte so etwas zu keiner übermäßigen Aufregung geführt. Nach dieser Vorgeschichte ließ der Sendeausfall allerdings prompt die Telefone heißlaufen.

  6. @Kai

    > Vielleicht ist ja auch der Eindruck falsch, daß dieser fast schon an eine geschichtliche Situation erinnernde, aber viel professioneller, abgebrühter und obrigkeitshöriger durchgezogene Frequenzputsch überhaupt niemanden stört, …

    Beziehst Du Dich hier auf den „Frequenzputsch“ der Intendanten Singelnstein und Drück, der RIAS 1 (für einen Tag) auf die DT64-UKW-Frequenzen brachte? Wann war das, Juni 1990???

  7. Aha, da haben wir also tatsächlich mal einen Hörer, der sich beim Hessischen Rundfunk beschwert hat …

    Vielleicht ist ja auch der Eindruck falsch, daß dieser fast schon an eine geschichtliche Situation erinnernde, aber viel professioneller, abgebrühter und obrigkeitshöriger durchgezogene Frequenzputsch überhaupt niemanden stört, ist der Vorgang viel eher von der bekannten Feststellung abgedeckt, daß man in der DDR gegen Betonwände lief und heute gegen Gummi läuft? Es ist in diesem Zusammenhang auch ganz generell nicht einfach, sich von, vorsichtig ausgedrückt, unrichtigen Eindrücken in Bezug auf die sogenannte Hochkultur zu lösen.

    Was die angeführte Diskussion angeht, so verliert die sich mal wieder in unrealistischen technischen Szenarien (SSB…). Ist eigentlich bekannt, was damals in Wilsdruff hinter der Geschichte mit dem „Musikfilter“ steckte? Eine NF-Bandbreite von 7 kHz nämlich.

    Und 873 kHz ist ein schönes Beispiel. Für mich persönlich steht da nämlich im Vordergrund, daß nun gottseidank nicht mehr halb Deutschland mit der Hetze von Rush Limbaugh beschallt wird. In so einem Umfeld steht auch das National Public Radio auf verlorenem Posten. (Daß ich bei den Bildern von der Abschaltung unweigerlich an „We come to the river“ denken mußte, ist dann noch eine ganz andere Geschichte.)

    Das Beispiel AFN Power Network ist deshalb bemerkenswert, weil es einen Eindruck davon vermittelt, was jene Mittelwellenbuden in den USA rausblasen, die dort auch keiner mehr hört. Ich werde das Gefühl nicht los, daß da der technische Verbreitungsweg vors Loch geschoben wird, um sich keinen unangenehmen Wahrheiten stellen zu müssen.

    Im übrigen gibt es auf der 873 gerade garstiges Schwebungsgewabber, aus dem eine spanisch anmutende Modulation heraussticht, deren Herkunft ein kurzer Vergleich mit der 1044 sofort bestätigt. So, Schluß jetzt mit dem DX-Wahn für heute …

  8. Ein dem hiesigen ähnlicher Meinungsaustausch um die Lage des Mittelwellenrundfunks hat sich am Rande der gerade erfolgten Abschaltung von AFN Frankfurt auf MW 873 kHz ergeben, siehe:
    http://radioforum.foren.mysnip.de/read.php?8773,1139006,page=5
    Für mich ist die Quintessenz der bisherigen Diskussionen um die jüngsten MW-Abschaltungen: Der Mittel- und Langwellen-Rundfunk könnte in Deutschland zwar technisch wie programmlich mit einer nicht-mikroskaligen Hörerschaft langfristig weiterexistieren, wenn sowohl Rundfunkveranstalter als auch Bürger mitmachen und sich einsetzen. Doch, das habe ich jetzt gelernt, weder die einen noch die anderen werden diesen Einsatz leisten, dieses Interesse in hinreichender Weise mitbringen.
    Hofentlich kann sich die Mittel- und Langwelle wenigstens als Feld für enthusiastische Initiativen und legalen Radiopiratismus entwickeln, die Anfänge (siehe oben) sind ja da.
    Und hoffentlich bleiben die Generalisten in Frankreich noch lange erhalten, nicht nur, aber auch als Beweis, daß Hörfunk für große Hörerschaften auch anders geht.

    @ Kai
    Danke für den Hinweis auf den Artikel über die hr2-Teilabschaltung, sehr interessant. Ich war als Teilzeit-Einwohner Hessens und hr2-Jazz-Hörer sogar davon betroffen und habe damals, obwohl ich mir mit einer anderen hr2-Frequenz helfen konnte, beim hr per mail protestiert, v. a. in Hinblick auf den Autoradioempfang. Das in sich nicht schlüssige Antwortschreiben des hr war ganz offenbar aus vorformulierten Standard-Textbausteinen zusammengesetzt worden und machte letztlich deutlich, daß der hr an den Folgen der Abschaltung und den Reaktionen der Hörer uninteressiert ist.

    @Christian
    Kann ich gut verstehen. Auch ich nutze das Radio viel weniger als früher, das Fernsehen so gut wie gar nicht mehr. In den 80ern habe ich z. B. sehr gern WDR 2 (damals noch reklamefrei) gehört. Das heutige, total verwandelte WDR 2 ertrage ich nicht mehr, doch gäbe es heute noch das „alte“ Programm, würde ich auch nur selten einschalten: Meine Interessen und Erwartungen haben sich ebenso gewandelt. Und dann ist die Zeit zum Radiohören einfach weg wegen Beruf und Kindern, 95% meiner wenigen Radionutzung spielt sich daher im Auto ab.
    Und genauso mag ich das Radio als Spiegel der heutigen Gesellschaft nicht mehr hören. Mir geht es besser ohne die Meldungen über die machthabende politische Unvernunft, Gemeinheit und Zündelei sowie dem Zeitgeist, längst erfolgte Erkenntnisse in den Wind zu schlagen und beharrlich der alten und weiter gut propagierten Ideologie zu folgen.
    Immerhin kann auch heute noch Radiohören technisch und inhaltlich sehr interessant sein: Z. B. am vorigen Freitag nachmittag, in Schweden per Autoradio France Inter auf 162 kHz (ja, das geht!), eine Sendung über die Propaganda im Kosovo-Krieg 1999; hatte dann auch wieder mit dem Verhältnis Radio (Medien allgemein) und Gesellschaft zu tun…

  9. @ Jan
    > Und nochmal DT64 als Beispiel: Wenn dieses Programm ab sofort wieder produziert und, wieso auch immer, ausschließlich über MW ausgestrahlt würde, würdet Ihr es dann hören, weil Ihr das Programm mögt, oder würdet Ihr es ignorieren, weil es Euch vor der Mittelwelle so gruselt?

    Für mich siehts so aus: einst leidenschaftlicher Radiofan (als Kind Bayern 3 -> RIAS 2-> DT64, mit jeweils altersbedingt (?) wachsendem Bewußtsein), leidenschaftlicher DT64-Hörer, dann Alternativen-Sucher und kaum-Finder (in den frühen und mittleren 90ern gab es kaum Satellitenradio, Radio Brandenburg konnte ich deshalb z.B. in Thüringen nicht hören), dann „Radio-Masochist“ (Programme hören und sich drüber aufregen).

    Und nun? Ich höre kaum noch Radio. Wenns hochkommt, sind aus den einst gewiß 4-6 Stunden am Tag vielleicht 2 Stunden im Monat (!) geworden. Wenn nicht gerade was zu dokumentieren ist (manchmal auch für Jörg), kann der Satreceiver wochenlang stromlos sein. Und das im Wissen um das großartige Bayern 2, um FM4, um WDR 5, um das NDR-Info-Nachtprogramm und WDR 3, um einzelne Sendungen auf SWR 2 und anderes. Nichtmal ByteFM (ok, Internetradio). Es ist vorbei. Radio ist weitgehend ein Spiegel dieser Gesellschaft und ich bin es leid, diese Gesellschaft auch noch freiwillig über das unumgängliche Maß hinaus, das ich täglich auf der Straße abbekomme, wahrzunehmen. Da hat es vor allem in den vergangenen 2 Jahren bei mir irgendwie einen Knack gegeben und dann wars zerbrochen. Endlich. Es hätte viel eher passieren müssen, mir wäre viel Leid erspart geblieben. Ich will weder die Gutfinder und Bejaenden hören (letztlich gehört auch Radio Eins als Massenprogramm dazu) noch eventuelle ätzende Kritiker. Ich will von alldem gar nichts mehr hören. Es reicht, wenn ich mich in der Öffentlichkeit fremd fühle.

    Und also würde ich wohl auch kein DT64 mehr hören, auch nicht, wenns mir nicht auf Mittelwelle, sondern auf UKW, DVB und sonstwo präsentiert würde. Und wie Kai schrieb: die Zeit ist fortgeschritten. Das DT64 von „damals“ ging eheute nicht mehr – und schon gar nicht mit mir. Es sei denn, das Programm wäre so wie die Hörer gealtert.

    Ich scheine damit nicht ganz alleine zu stehen. Ein MDR-Rundfunkratsmitglied (so er es noch ist) sagte mir vor etwa 3 Jahren, er lese wieder viel, wie zu DDR-Zeiten. Rückzug ins Private, weil draußen alles „dicht“ ist. Und gerade heute schrieb mir ein einstiger Privatfunkmoderator (als man noch selbstbestimmt Sendungen machen konnte mit dem ausdrücklichen Segen von Hermann Stümpert), der heute noch Internet- und Kurzwellen-/Urlaubsinselradio macht, „bei Kerzenlicht in Büchern blättern ist in der letzten Zeit wieder meine Leidenschaft geworden“ und „außer der Sprache ist das ‚um mich herum‘ zunehmend Parallelgesellschaft.“ In meinem Freudenskreis (meist Akademiker Mitte/Ende 30) wird meist kein Radio gehört und gibt es oft auch keinen Fernseher. Man beschäftigt sich, so man hat, mit seinen Kindern oder geht lieber in den Wald. Und manchmal möchte ich da reingehen und gar nicht wieder rauskommen.

    (Nein, ansonsten gehts mir den Umständen entsprechend „gut“. Es ist nichts sonderlich „akutes“. Es ist bloß all das da draußen. Die Zeit der Hoffnung auf eine bessere Welt (?) war für mich 1991, offenbar war ich naiv, aber ich empfand es als unglaublich spannend und offen. Anfang 1992 zerbrach das radikal, ich behaupte, mit dem Sendestart des MDR. Plötzlich fand ich ein mir fremdes Land vor, wo gestern noch DT64-Hörer vereint waren. Auf genau diese Zeit datieren auch meine ersten Erfahrungen mit psychosomatischen Beschwerden.)

  10. Zum Stichwort Hessischer Rundfunk ein ganz kleiner Verweis auf diesen Text, der letzten Endes von der sehr grundsätzlichen Desillusionierung handelt:
    http://www.addx.org/textarchiv/13-04-24-26.pdf

    Nach meinem Eindruck sind es Radiointeressierte generell, die mittlerweile eine Minderheit darstellen. Und ja, die Frage ist dann noch, ein wie großer Teil davon sich mit Musikformaten aus der Independent-Ecke in reichlich mäßiger Tonqualität (für mich persönlich ist das gerechnete Blech der sog. Spektralbandreplikation indiskutabel) begeistern lassen wird.

    Der Punkt bei den französischen Generalisten ist, daß es sie halt nach wie vor gibt. Hier in Deutschland sehe ich weit und breit niemanden, der bereit sein könnte, ein solches Programm neu aufzuziehen. Denn dazu müßte man richtig Geld in die Hand nehmen. Und ich würde auch nicht mehr damit rechnen, damit noch ein Publikum zurückholen zu können, das den Hörfunk inzwischen als belanglosen Dudelteppich abgeheftet hat. Der Zug ist weg.

    Die Frage mit DT64 kann man so eigentlich nicht beantworten; nicht nur, weil inzwischen zwei Jahrzehnte ins Land gegangen sind, sondern auch, weil während der Ausstrahlung auf Mittelwelle der inhaltliche Verfall des Programms immer weiter fortschritt. Die Abschaltung auf Mittelwelle war da für mich nur noch die Zäsur, mit der es halt vorbei war.

  11. Vielen Dank für die interessanten Anmerkungen!

    Stichwort Illusion in Bezug auf das Medium Hörfunk: Die Kommerzialisierung des Rundfunks sowie die vorherrschende Formatradio-Ideologie und Zielgruppen-Anpassung haben zwar die Zahl der Programme, aber kaum die inhaltliche Vielfalt im deutschen Hörfunk vergrößert, auch nicht innerhalb der ARD. Man nehme nur den Hessischen Rundfunk: vier Popmusik- und ein Info-Endlosschleifen-Format auf ein sogenanntes „Kultur-„Programm. Da bleibt – auch neben dem Deutschlandradio – inhaltlich viel Raum für weitere Programme. Versucht man diesen Raum zu füllen, landet man bei der oben genannten Frage nach Produktionsaufwand und Hörerschichten – und der nach dem terrestrischen Verbreitungsweg. Mit dem Digitalradio gibt es neben AM eine weitere Möglichkeit, dem überfüllten UKW-Bereich auszuweichen. In den kommenden Jahren wird es in dieser Hinsicht interessant sein, ob das terrestrische Digitalradio eine Minderheitenveranstaltung bleibt, weil die Mehrheit der Radiointeressierten weiterhin die Kombination aus UKW, mp3-Player und Internet-„Radio“ bevorzugt. Neben den Verschiebungen von Mittelwelle auf DAB (erst SWR contra/info, jetzt MDR info) läuft im Digitalradio, wenn ich das richtig verstehe, derzeit viel auf Spartenprogramme mit kleinem Aufwand und kleinem Hörerkreis hinaus. Doch je spezieller es wird, umso mehr bietet sich dem Hörer die Alternative an, sich sein „Programm auf Maß“ doch lieber gleich selbst per Internet und mp3 zusammenzustellen. Musikteppich von hier, Infohappen von dort, Sportberichte von da, Wetterprognose und Verkehrsmeldungen von woanders. Das wäre dann das Ende des Hörfunks in Form von zusammenhängenden Programmen und „Wellen“. Und doch auch eine metamorphe Wiederkehr des sogenannten Einschaltprogramms.

    Eine Alternative dazu wird in Deutschland viel zu sehr mißachtet – ein vielfältiges, nicht nach sogenannten Zielgruppen ausgerichtetes Programm, daß keine Art von Wort- und Musikbeitrag ausschließt und sich, wohlgemerkt, an alle Bildungsschichten richtet. In Frankreich heißen solche Programme Generalisten, und der inhaltlich anspruchsvollste davon, France Inter, bringt es allein auf immerhin rund 11% Anteil an der gesamten Hörerschaft des Landes. Bemerkenswert ist dabei, daß sechs der sieben meistgehörten französischen Radioprogramme solche Generalisten sind und alle diese sechs nach wie vor ihre UKW-Empfangslücken per Langwelle oder Mittelwelle füllen. Darunter sind drei kommerzielle, also gewinnorientierte Veranstalter. Würden letztere nicht ihre AM-Sendungen sofort beenden, wenn die sich nicht rechnen würden?

    Natürlich darf man französiche und deutsche Radiohörer in ihren Interessen, Erwartungen und Gewohnheiten nicht gleichsetzen. Warum aber sollten nicht auch deutsche Hörer grundsätzlich bereit sein, bei Bedarf auf Mittel- und Langwelle umzuschalten, weil es ihnen um das geschätzte Programm und nicht um Obertöne und Knistern geht. (Auch wenn es viele Jahre her ist, so hat dies doch bei DT64 auf MW 1044 kHz ungefähr so funktioniert. Und selbst RTL Radio leistet sich tagsüber bis auf weiteres noch die luxemburger MW 1440 kHz. Doch sicher nicht, um Geld zu verbrennen?)
    Deshalb meine ich, daß die Akzeptanz von Mittelwelle und Langwelle – ausreichende Feldstärke vorausgesetzt – nicht in erster Linie von deren begrenzter Tonqualität, sondern vom Inhalt des Programms bestimmt wird. Ist es somit völlig illusorisch, eine Möglichkeit für den Fortbestand von LW- und MW-Rundfunk für jenen Teil der Hörer zu sehen, die Radio wegen des Programms statt wegen des Nicht-Rauschens einschalten? Und nochmal DT64 als Beispiel: Wenn dieses Programm ab sofort wieder produziert und, wieso auch immer, ausschließlich über MW ausgestrahlt würde, würdet Ihr es dann hören, weil Ihr das Programm mögt, oder würdet Ihr es ignorieren, weil es Euch vor der Mittelwelle so gruselt?

    Ich gebe zu, in letzterem Punkt bin ich nicht mehr so optimistisch wie früher, weil die Ablehnung des AM-Empfangs bei vielen Menschen sehr vorurteilsbeladen (also irrational) und entschlossen erfolgt . Erst vor wenigen Tagen habe ich sowas wieder beobachtet: Im Auto unterwegs, im Autoradio ein stabiler, leicht rauschender Langwellenempfang. Ich konnte dem Programm prima folgen, im Gegensatz zu meinem Mitfahrer, der (angeblich) vor lauter AM-Rauschen nichts verstand. Wir haben dann auf ein UKW-Programm umgeschaltet, und trotz unveränderter Motor- und Windgeräusche, weitaus lauter als das AM-Rauschen zuvor, konnte er nun prima zuhören! Mir blieb innerliches Kopfschütteln. Setze ich die falschen Prioritäten zwischen Nutz- und Nebengeräusch? Oder habe ich vielleicht was an den Ohren? Oder müssen diejenigen Radiostationen, denen an der Mittelwelle und Langwelle noch liegt, vielleicht etwas Aufklärungsarbeit leisten, um gegen verbreitete Vorurteile, Hemmschwellen und miserable Kofferradios vorzugehen?

  12. Stichwort Digital Radio Mondiale (die Abkürzung „DRM“ ist außerhalb der Szene bereits anderweitig belegt): Es gab sogar mal Überlegungen, Wilsdruff als erste MDR-Mittelwelle zu digitalisieren. Das war natürlich, bevor sich das Desaster abzeichnete, an dem man m.E. zumindest dem Deutschlandradio keinesfalls eine Mitschuld geben kann, hatte es doch zur IFA 2005, zum groß angekündigten „Regelbetrieb“, die Zehlendorfer Langwelle ganz in den Dienst dieses Projektes gestellt. Bis eben Diskussionen aufkamen, warum man so viel Geld in ein Signal steckt, für das es überhaupt keine Radios gibt. Das wäre mit denen zu erörtern, die damals, wie es ein namhafter Beobachter empfand, viel versprochen und nichts gehalten haben.

    Stichwort SWR: Dort hatte man für die verbliebenen Hauptfrequenzen 576, 666 und 1017 kHz erst in den letzten Jahren neue Sender (jeweils Transradio TRAM 100) installiert. Im Falle von Mühlacker 576 kHz geschah dies erst 2010, und abgelöst wurde damit nicht etwa ein ältlicher Röhrensender, sondern ein aus den 90ern stammender Transistorsender (Hersteller Nautel; m.W. jenes Modell, wie es auch beim BR in Ismaning auf 801 kHz läuft). Wenn ich sehe, wie gleichzeitig beim Programm gekürzt wird (beim Kulturprogramm SWR 2 um unglaubliche 25 Prozent), habe ich keinerlei Verständnis dafür, wie der SWR erst in seine AM-Infrastruktur investiert hat und sie kurz danach dann wegwarf.

    Stichwort Infrastrukturreserve: Dieser Aspekt ist im Kurzwellenbereich fast noch stärker aus dem Blick geraten. Als der BBC World Service seinen weitgehenden Rückzug aus diesem Verbreitungsweg ankündigte, führte dessen Direktor Peter Horrocks aus, in Krisensituationen könne man ja kurzfristig Sendeplätze buchen. Da haben gleich manche Leute den Kopf geschüttelt, weil das im Grunde schon naiv ist, denn glaubt er etwa wirklich, die Betreiber würden Anlagen erhalten, die so gut wie nicht mehr genutzt werden? Man sieht es ja gerade in Bayern, wo eine große Infrastrukturreserve wohl kurz davor steht, endgültig die Wertach runterzugehen.

    Stichwort Enthusiasmus: Der tummelt sich ja schon z.B. auf 6095 kHz, wenngleich jetzt auf dem Gebiet der Ehemaligen Sogenannten weniger gut zu hören, da aus dem gerade genannten Grunde seit Ende März nun aus Nauen abgestrahlt. Und nun könnte man sich darüber unterhalten, was „wirklich gute Programme“ sind und welchen Aufwand ihre Produktion erfordert, dann natürlich auch darüber, welche Hörerschichten man mit bestimmten Konzepten erreichen könnte. Mir scheint es da inzwischen große Illusionen zu geben; nicht speziell in Bezug auf den Verbreitungsweg AM, sondern das Medium Hörfunk ganz generell.

    Ansonsten ist es wohl doch in aller Regel Teheran, was jetzt auf 1188 kHz zu hören ist; der Sender im Jemen scheint momentan nicht in Betrieb zu sein. Die Angabe „Aktualitäten“, die es zum Konzept des hier ausgestrahlten Radio Payam („Botschaft“) gibt, ist anscheinend nicht als Umschreibung eines durchgängigen Wortprogramms zu verstehen. Und in Syrien ist der Sender auf 783 kHz jetzt abgeschaltet, ebenso ein weiterer auf 567 kHz. Es bleibt interessant …

  13. Die Auffassung, der einstige Verlust von DT64 sei schwerwiegender als der jüngste Verlust von MDR info, teile ich, obwohl ich fast ohne DT64-Vergangenheit bin. Meine Kindheits-, Jugend- und Studentenzeiterinnerungen sind mit SWF 1 vom Rheinsender und SWF 3 vom Bodenseesender, Radio Luxemburg auf 1440 kHz, DLF aus Mainflingen, DS kultur aus Oranienburg, dann mit France Inter aus Allouis, France Bleu aus Marseille und RSR aus Sottens verbunden. Ein Großteil davon ist auch bereits Geschichte – Programm abgeschafft, Sender abgeschaltet oder sogar gesprengt.

    Bei den MW-Abschaltungen tut es mir aber nicht nur wegen der schönen Erinnerungen, sondern vor allem wegen der Zukunft leid: DRM ist gescheitert, vielleicht auch, weil es von ARD und DLR nicht konsequent genug betrieben wurde. All der Quatsch mit Textmeldungen, Dauer-Nachrichtenschleifen, Verkehrsservice etc., statt allein auf maximale Tonqualität bei robusten Signalen zu setzen. Doch ist mit DRM die gesamte Digitalisierung der Lang- und Mittelwelle gescheitert? Was ist, wenn in fünf oder zehn Jahren ein neuer, besserer Digitalstandard entwickelt wäre: Wer baut dann noch Mittelwellensender auf?
    In Wolfsheim hat der SWR sogar die eigens für digitale Mittelwellenübertragung erreichtete Reusenantenne vom dortigen UKW-Turm gerissen. Als würde die MW-Reuse Brot fressen. Mit dem Abriß der MW-Sender wird eine rundfunktechnische Infrastrukturreserve vernichtet, von der heute keiner weiß, wozu sie in naher Zukunft nützlich oder notwendig sein könnte.

    Interessant ist Eure Frage, warum die Mittelwelle Berlin 990 kHz für Deutschlandradio kultur noch betrieben wird. Das DLR hat sich von Beginn an geweigert, seine MW- und LW-Sender so umzusortieren, daß zwei BRD-flächendeckende Netze für DLF und DLR Berlin/kultur entstanden wären. Statt dessen wurde und wird über mangelnde UKW-Frequenzen gejammert. Das ist auf technischem Wege betriebene Rundfunkpolitik. Der DLF könnte mit der 990 kHz immer noch Lücken schließen, nicht zu letzt für den Autoradioempfang, aber das ist nicht gewollt.

    Immerhin entsteht durch das gerade massenhafte Sterben von MW-Sendern (wie auch durch die seit langem stattfindende Ausdünnung der LW-Sender) auch eine Chance. Fangen wir mal mit DT64 auf MW 1044 kHz an: Ihr erinnert Euch offensichtlich sehr gern an diese Zeit, an diese Sendungen, trotz des dumpf-warmen Klangs und den Empfangsstörungen. So schlecht kann es doch alles in allem nicht gewesen sein. Würde heute DT64 wieder auf Mittelwelle aufgeschaltet, würden sich nicht sehr viele darüber freuen und zuhören? Ich meine, bei einem wirklich guten Programm akzeptiert man auch MW-Qualität in AM. Und diese Qualität wird gerade deutlich besser, weil sich zunehmend weniger Sender eine Frequenz teilen müssen. Siehe Eure Empfangsbeobachtungen von SER etc. auf den gerade abgeschalteten MDR-Frequenzen. Z. B. ist die Reichweite und Qualität von Kalundborg 243 kHz mit nur 50 kW auch deswegen bemerkenswert gut, weil es wieder eine Exklusivfrequenz ist. Nachdem der weltweit gültige, lizenz- und patentfreie AM-Standard die „Digital-Radios der Zukunft“ wie DSR, DRM und DAB(-minus) überlebt hat, werden sich hoffentlich in Zukunft enthusiastische Programmacher finden, die über wenige AM-Sender ohne gegenseitige Störungen für ebenso enthusiastische und hoffentlich ausreichend zahlreiche Hörer senden. Die MDR-info-Langweile darf derweil gern die DAB-plus-Zukunft beglücken, die sicher bereits in wenigen Jahren von DAB-ultranormalplus oder was auch immer zur Vergangenkeit gemacht werden wird. Das Digitalradio von heute ist der Elektroschrott von morgen, und das robuste Dampfradio von gestern könnte es überleben.

  14. … und nun zu den dramatischen Ereignissen des zu Ende gegangenen Tages:
    http://www.radioeins.de/programm/sendungen/medienmagazin/radio_news/beitraege/2013/mw_sachsen.html

    Mittlerweile hat auf 783 kHz Syrien die Oberhand über Spanien gewonnen. Da spricht jemand ziemlich aufgeregt. Daß es in diesem Fall wirklich interessant wäre, etwas davon verstehen zu können, braucht sicher nicht erst ausgeführt zu werden. Wäre eine ernsthafte Empfehlung zur Programmbeobachtung wert, falls sich herausstellen sollte, daß fortan in der Regel Syrien und nicht Barcelona auf dieser Frequenz dominieren wird.

    Grüble ansonsten immer noch, ob das da auf der 1188 wirklich Sanaa ist, wie ich in einem Jingle herausgehört zu haben meine (und es ist halt nicht das Programm wie auf der 819, was es eigentlich müßte, wenn es doch nur Ägypten ist). Da muß man ja teilweise schon das Radio leise drehen, weil das richtig hochkommt.

    Soweit also die ersten Eindrücke vom Schweigen der Mittelwelle, das eigentlich nur das mittlerweile 20 Jahre dauernde Schweigen von DT64 ist. Was die beiden anderen Frequenzen betrifft (SER ist nun nicht ganz so aufregend), finde ich – und ich sehe auch keinen Sinn darin, das zu leugnen – es so, wie es jetzt ist, deutlich interessanter, als es bis gestern war.

  15. Jetzt auch die Anmerkungen aus den nochmaligen Ortsbegängen, die nach elf bzw. acht Jahren angebracht erschienen. Natürlich sachlich-trocken; da steht also nichts vom Staunen der Pferde über den Typ, der da durch den Schnee (im April…) und auf der sonnigen Seite auch noch den Morast stapfte; auch nichts davon, wie es in Reichenbach im Eiscafé Berndt noch ganz nett war &cet.:
    http://www.radioeins.de/programm/sendungen/medienmagazin/radio_news/beitraege/2013/mdr_info.html

    Es ist, wie es ist: So zu tun, als wenn mich das besonders bewegt, wäre Heuchelei. Da ging es mir schon näher, als ich vorhin bei der Durchsicht einer einschlägigen Unterlage feststellen mußte, daß es fast schon die Grabrede auf Wertachtal wird, was zu schreiben ist. Daß da was passieren würde war ja bekannt, aber daß es gleich bis ganz knapp vor die endgültige Schließung gehen würde …

    In Wilsdruff war es ja im Grunde schon vor 19 Jahren und 10 Monaten vorbei. Wenn ich jetzt zum Radio von damals rübergehe, stört der Spanier diesmal nicht allzu sehr, hinter Wiederau brabbelt leise, was Syrien zu sein scheint (nächste Woche wissen wir das dann genau), und was mag sich wohl auf der 1188 verbergen…? Ja, um die Sendeanlagen ist es natürlich wirklich schade, auch wenn sie nur noch bedingt authentischen Charakter haben.

    Kindheit: Da fällt mir zunächst ein, wie an Arbeitstagen zwischen 14 und 15 Uhr die Wohnung unter uns im Mittelwellensound aus Wilsdruff erdröhnte. „Wir spielen für Euch – Blasmusik.“ Ansonsten war es die 95,4 aus Dresden, und als es sie dann gab die 100,0 aus Geyer. (Nichts mit 102,4 auf dem Stern-Radio Brillant.)

    Dann war da aber bei Oma auch noch der/die/das Dominante aus dem Funkwerk Dresden, wo bei Urgroßvater zu seiner Zeit immer der Zeiger auf „Dresden“ stehen mußte (wozu hing da eine UKW-Außenantenne an der Wand?) und er ganz Ohr war, wenn’s mit den Bonner Ultras usw. losging. Ich fand es ja spannender, die Taste „KW“ zu drücken …

    Und die andere Oma mit ihrem Stern-Radio Camping: Wenn nicht UKW lief, dann das Schlagergedudel aus Luxemburg, sofort erkennbar an dem Gepfeife, das der notorische Störsender Ismaning produzierte. Gern aber auch mal die Deutsche Welle, wo die Sprecher immer so seltsam laut Luft holten. Der Kenner weiß es natürlich: Wertachtal.

    In jenen 365 Tagen gab es hier ein schönes Phänomen: Je nachdem, wer auf dem Beifahrersitz saß, stand das Autoradio entweder auf der 1044 oder auf der 990: Riiijaß Berliiihn!! War schön praktisch; einmal auf die Taste mit dem Pfeil nach unten drücken reichte, schon gab es Schlager statt, wie es hieß, „das Gejauuule“. Unvergessen die Entgeisterung bei einer Spazierfahrt nach Wilsdruff, als alle Bemerkungen über den jetzt doch wirklich ganz hervorragenden Empfang (das fing ja schon an, wie Sau zu zerren…) unverstanden blieben und es erst einer expliziten Erläuterung bedurfte, daß dieser Mast da die Quelle des Übels ist: „Neiiin, und deshalb fahren die extra bis hierher!!!“

    Jene 990 brutzelt ja auch jetzt noch aus Britz vor sich hin, mit dem Blubb und 100 kW mitten in Berlin. Wozu der Sender noch läuft, frage sogar ich mich.

    Und so könnte man fast endlos weitermachen. Reicht erstmal für heute nacht …

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