KAS: Bulgaren misstrauen weiter mehrheitlich ihren Medien

Christian Spahr
Christian Spahr

„… Situation nicht grundlegend verbessert“


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Was: Interview zu den Ergebnissen eines Medienmonitorings der bulgarischen Medienlandschaft und zu einer Meinungsumfrage zum Vertrauen der Bulgaren in die Medien
Wer: Christian Spahr, Leiter des Medienprogramms Südosteuropa der KAS
Wo: Sofia, Presseklub der Nachrichtenagentur BTA
Wann: 03.02.2014, 10:47 Uhr OSZ

Vgl.:
* Interview zur Studie Februar 2014
* Pressekonferenz, 03.02.2015
* Interview mit Doz Dr. Orlin Spassov, Geschäftsführer der Stiftung Mediendemokratie (FMD)
* Markt und Medien, Deutschlandfunk, 14.02.2015



(wörtliches Transkript)

00:00
Jörg Wagner: Christian Spahr, vor elf Monaten gab es schon einmal ein Monitoring. Da wurde auch gefragt, welchen Medien vertrauen Sie in Bulgarien, welche Medien halten Sie für unabhängig? Und wenn man die Ergebnisse jetzt sieht, dann hat man das Gefühl, dass eine leichte Verbesserung eingetreten ist. Denn vor einem Jahr war nur jeder siebte Bulgare der Meinung, dass er glaubt, dass die Medien unabhängig seien und diesmal ist es jeder sechste. Ist das eher im Bereich des statistischen Fehlers oder ist hier tatsächlich eine Tendenz zu erkennen, dass es besser wird?

00:31
Christian Spahr: Nun, das Niveau hat sich natürlich nicht grundlegend verändert. Es sind dieses Jahr 17 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 14 Prozent. Das ist tatsächlich noch im Bereich üblicher statistischer Schwankungen auch bei Umfragen von mehr als 1.000 Bürgern, wie wir sie durchführen hier mit lokalen Marktforschungspartnern und insofern kann man sagen, dass sich die Situation nicht grundlegend verbessert hat und nach wie vor das Vertrauen der Bevölkerung in die Medien sehr niedrig ist. Und ich glaube, das liegt einfach daran, dass die verschiedenen Akteure im Medienbereich noch nicht den Dialog miteinander gefunden haben. Also die Politiker, die Medieneigentümer und die Journalisten reden viel aneinander vorbei und trauen sich auch nicht Forderungen zu stellen, die vielleicht von der anderen Seite dann negativ kommentiert werden. Also, man blockiert sich ein wenig gegenseitig und wir wollen natürlich mit unseren Partner-NGOs in Bulgarien versuchen, diesen Dialog jetzt wieder in Gang zu bringen, zumal die neue bulgarische Regierung angedeutet hat, dass sie gerne jetzt bessere Rahmenbedingungen für die Medien jetzt schaffen möchte.

01:38
Jörg Wagner: Sie haben auf der Pressekonferenz auch angedeutet, dass Sie bereit sind, ja so etwas wie Schulungen anzubieten, know how aus Deutschland nach Bulgarien zu bringen. Lassen sich denn bulgarische Medien von einer unabhängigen Stiftung aus Deutschland beraten?

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01:53
Christian Spahr: Nun wir bieten ja schon zahlreiche Schulungen und Seminare, auch Konferenzen für Medienvertreter an. Das sind teilweise Workshops für Journalisten insbesondere im Bereich des investigativen Journalismus, weil das natürlich mehr Transparenz in Politik und Wirtschaft fördert und auch in punkto Hintergrundwissen zu europäischen Themen. Das bieten wir jetzt bereits schon an und zusätzlich haben wir eben Medienkonferenzen, wo verschiedene Experten über Lösungsmöglichkeiten für die aktuellen Probleme hier sprechen und zusätzlich möchten wir jetzt auch unser Engagement verstärken im Bereich der politischen Kommunikation, d.h. wir glauben, es sind nicht nur gute Journalisten nötig, um Politik transparent zu machen, sondern natürlich muss Politik auch von den Politikern und ihren Mitarbeitern professionell kommuniziert werden. Und da gibt es auch noch Nachholbedarf in der Region auch im Verständnis gerade bei hohen Politikern, dass Kommunikation nicht nur Propaganda ist, sondern heute mit Werten wie Transparenz und Bürgerorientierung zusammenhängt und dazu haben wir jetzt eigene Plattformen geschaffen, wie zum Beispiel einen Berufsverband namens SEECOM für Regierungssprecher, aber auch Gesprächskreise für Pressesprecher politischer Parteien. Und da wollen wir eben dieses Verständnis von moderner politischer Kommunikation befördern.

03:07
Jörg Wagner: Wird das dankbar angenommen oder misstrauisch?

03:10
Christian Spahr: Das wird tatsächlich sehr dankbar angenommen, also gerade hier in Bulgarien, aber auch in anderen Ländern Südosteuropas ist es sehr willkommen, wenn man aus Deutschland bestimmte Anstöße und Anregungen bringt. Aber ich muss dazu sagen, dass es eben nicht nur wichtig ist, gute Erfahrungen aus Deutschland und anderen westlichen Ländern weiterzugeben, sondern, dass wir auch Plattformen schaffen müssen, wo sich die Experten hier aus der Region untereinander austauschen können. Denn zum Beispiel ein Modell, das in Montenegro gut läuft, kann auch in Bosniern gut laufen. Und dieser Erfahrungsaustausch ist genauso wichtig, wie das Weitergeben von deutschen Erfahrungen.

03:46
Jörg Wagner: Was meinen Sie, wie lange müssen Sie solche Pressekonferenzen noch abhalten, dass Sie konstatieren, dass die bulgarischen Medien eigentlich von den eigenen Bürgern nicht gern gesehen, gelesen werden?

03:58
Christian Spahr: Bulgarien befindet sich natürlich noch in einer Transformationsphase, wie andere Länder in dieser Region auch, egal ob sie jetzt nun schon in der EU sind oder noch nicht. Natürlich kann man diese Rahmenbedingungen nicht von einem Tag auf den anderen und auch nicht von einem Jahr auf das andere verändern, aber ich glaube, wir tragen dazu bei, genauso wie auch andere NGOs und internationale Beobachter, dass dieser Dialog verstärkt wird und dass wir dann idealerweise auch dazu beitragen können, dass im Land selber auch die Lösungen gefunden werden. Denn die Lösungen können natürlich nicht von außen kommen. Die müssen von innen kommen.

04:33
Jörg Wagner: Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse dieser neuen Studie?

04:36
Christian Spahr: Nun, wir haben zwei Studien durchgeführt. Das eine ist eine Meinungsumfrage. Da hat sich herausgestellt, dass nur 17 Prozent der Bulgaren der Meinung sind, dass die Medien unabhängig sind in ihrem Land und der zweite Teil ist ein Medienmonitoring der politischen Berichterstattung. Das führen wir schon seit Jahren durch. Und damit können wir dann feststellen, welche Medien sich für oder gegen welche politische Partei oder welchen Politiker äußern und auch welcher Politiker, welche Partei im Moment die bessere Medien-Konjunktur hat, am häufigsten genannt wird, aber auch mit seinen inhaltlichen Positionen am besten in den Medien vertreten ist. Und dazu liefern wir aktuelle Zahlen. Das kann bestimmte Tendenzen aber auch die Voreingenommenheit einzelner Medien gegenüber bestimmten politischen Kräften zeigen und das ist in der Regel für die bulgarische Gesellschaft, für die bulgarischen Journalisten auch sehr aufschlussreich.

05:27
Jörg Wagner: Man könnte vermuten, dass die Regierungsspitze öfter in den Medien vorkommt, als die Opposition oder andere kleinere Parteien. Ist dem so?

05:36
Christian Spahr: Es ist tatsächlich so, dass wir beobachten nach einem Regierungswechsel, dass auch der Regierungschef immer am häufigsten genannt wird, dass aber zusätzlich auch die Tonalität in der Berichterstattung gegenüber bestimmten politischen Kräften sich ändert und sich manche, nicht alle, aber manche Journalisten gerne an den Mächtigen orientieren. Also, es gibt weniger, wie in Deutschland, jetzt diese weltanschaulichen Grundpositionen bestimmter Medien. In Deutschland ist es ja so, dass zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine eine konservative Zeitung ist und entsprechend grundiert ist in ihrer Berichterstattung, aber sich natürlich trotzdem die Freiheit nimmt Frau Merkel zu kritisieren, wenn sie das möchte. Und in Bulgarien ist es fast andersherum. Da gibt es diese weltanschauliche Grundorientierungen vieler Medien nicht, aber gleichzeitig orientieren sie sich in der Berichterstattung in der Tonalität eben etwas stärker daran, wer aktuell an der Macht ist und wer nicht.

06:30
Jörg Wagner: Kann es aber auch damit zusammenhängen, dass natürlich die Agierenden, die Regierenden, dann ja auch die sind, die Entwicklung befördern, während die, die nur kritisieren, vielleicht für Medien nicht so interessant sind, sondern eher da sind, wo etwas passiert?

06:48
Christian Spahr: Also, zum einen ist es normal, dass Regierungsvertreter häufiger zitiert werden als Oppositionsvertreter, weil sie eben die aktive Politik gestalten. Zum anderen gibt es eine spezielle Komponente in Bulgarien, aber auch in manchen anderen Ländern der Region, dass Medien sich auch scheuen gegenüber Regierungsvertretern Kritik zu äußern. Das ist kein durchgehendes Bild, aber es kommt vor. Und es kommt zwar deswegen vor, weil die Regierung auch Einfluss hat auf die Finanzierung der Medien. Es gibt Budgets der Regierung für die Kommunikation von zum Beispiel EU-Infrastrukturmaßnahmen oder auch anderen Projekten und diese Budgets gehen natürlich gerne an Medienhäuser, die sich weniger kritisch gegenüber der Regierung äußern. Also, da gibt es Einflussmöglichkeiten, die es in der Form in Deutschland zum Beispiel nicht gibt. Und das ist übrigens jetzt auch ein Teil der medienpolitischen Diskussion, inwiefern das angemessen ist für ein Land, das sich in der EU befindet.

Orlin Spassov, Christian Spahr, Manuela Zlateva - Präsentation der Studien-Ergebnisse während einer Pressekonferenz am 03.02.2015
Orlin Spassov, Christian Spahr, Manuela Zlateva – Präsentation der Studien-Ergebnisse während einer Pressekonferenz am 03.02.2015

(Fotos: © Jörg Wagner)







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