Wie Frauen im deutschen Film und Fernsehen ausgeblendet werden

Fotos: Uni Rostock, Herbert von Halem Verlag


Aus der Beschreibung des Buches „Ausgeblendet“ von Elizabeth Prommer und Christine Linke:

“Frauen sind in Film und Fernsehen stark unterrepräsentiert, sie kommen nicht in den Rollen und in der Vielfalt vor, die sie im echten Leben einnehmen. So ist in der Realität die Hälfte der Richterschaft weiblich, während in Film und Fernsehen nur knapp ein Viertel der Rechtsexperten Frauen sind. Woran liegt das? An den Produzierenden hinter der Kamera, also den Kreativen der Film- und Fernsehbranche? Es zeigt sich, eine wichtige Rolle spielt, welches Geschlecht in Regie, Redaktion, Produktion und Buch überwiegt: Je mehr Frauen in diesen Funktionen die alleinige Verantwortung tragen, desto mehr Frauen sehen wir auf dem Bildschirm. Die Studie wurde durch öffentlich-rechtliche sowie private Sender und Filmförderungen finanziell unterstützt.“

Wer: Prof. Dr. Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung, Universität Rostock
Was: Interview zur Buchveröffentlichung „Ausgeblendet“
Wo: Berlin < ---> Potsdam
Wann: rec.: 28.06.2019, 14:00 Uhr; veröffentlicht: 29.06.2019, 18:10 Uhr im radioeins-Medienmagazin (rbb) und in einer gekürzten Fassung im rbb-Inforadio, 30.06.2019, 10:44/17:44 Uhr

Elizabeth Prommer / Christine Linke
Ausgeblendet. Frauen im deutschen Film und Fernsehen
Herbert von Halem Verlag, 2019, 184 Seiten,
ISBN (Print) 978-3-86962-428-0, 21,00 Euro
ISBN (PDF) 978-3-86962-429-7, 17,99 Euro


(wörtliches Transkript, Hörverständnisfehler vorbehalten)

[0:00] Jörg Wagner: Seit 2005 beschäftigen wir uns hier im Medienmagazin immer mal wieder in unregelmäßigen Abständen mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit in den Medien. Die Häufigkeit hat in den letzten Jahren zugenommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass Frauen in verschiedenen Medien-Berufen immer wieder sehr öffentlichkeitswirksam auf ein konkretes Missverhältnis aufmerksam machen. Aber es liegt auch an einer wissenschaftlichen Begleitung durch die Uni Rostock. Am Telefon jetzt Prof. Dr. Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung. Sie haben in dieser Woche zusammen mit Ihrer Kollegin Dr. Christine Linke, Ihre neueste Publikation in den Handel gegeben. “Ausgeblendet” heißt sie. “Frauen im deutschen Film und Fernsehen mit einem Vorwort von Maria Furtwängler”. Wie stark sind denn Frauen ausgeblendet und vor allem an welcher Stelle konkret?

[0:45] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Frauen sind nach wie vor sehr stark ausgeblendet im Fernsehen, aber auch im Kino und deshalb, können Sie sich vorstellen, gibt es nach wie vor die Studien und auch die öffentliche … also den Versuch, darauf öffentlich aufmerksam zu machen. Wir haben 2017 die ersten Ergebnisse vorgestellt, die wir jetzt in unserem Buch nochmal vertieft haben. Und wir zeigen ja: Auf eine Frau kommen zwei Männer. Und das ist aber dann so dann sukzessive: Ab dreißig sind Frauen dann im Fernsehen und im Kino alt, kommen dann auf eine Frau zwei Männer, drei Männer, vier Männer, fünf Männer. Bis Frauen tatsächlich dann sukzessive hier ausgeblendet werden und kaum sichtbar sind. Und das ist interessanterweise in fast allen Funktionen, in allen Genres und überall so. Das ist das, was uns am meisten schockiert hat. Also es gibt nur ein Genre, wo Frauen gleich oft vorkommen wie Männer, das ist die Soap Opera, Telenovela. Da geht’s halt um Herz und Schmerz und Alltagsgeschichten und da braucht man Frauen. Aber interessanterweise in allen anderen Bereichen sind Frauen unterrepräsentiert, ausgeblendet: im Kinderfernsehen, bei Experten, also in ganz vielen Feldern.

[1:50] Jörg Wagner: Welche Ursachen haben Sie dafür finden können? Denn sicherlich ist einiges Zufall, aber anderes sicherlich auch mit Absicht gemacht?

[1:57] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Ich weiß gar nicht, ob es Zufall oder Absicht ist. Also Zufall, glaube ich nicht. Es ist schon eine Struktur des Fernsehens, weil wir haben dieses 1:2 über alle Sender hinweg. Also, wenn es Zufall wäre, dann müsste es ja Sender geben, wo das nicht so ist oder Formate, wo das nicht so ist. Sondern es ist tatsächlich irgendwo strukturimmanent, das was vorkommt. Und ein Zusammenhang, den wir feststellen konnten, war – das haben wir im Buch sehr ausführlich beschrieben – es spielt eine Rolle, wer hinter der Kamera verantwortlich für das Programm ist, also wer Redaktion macht, wer Regie führt, wer das Drehbuch geschrieben hat, wer das produziert. Und wenn wir da sehen, wenn Frauen oder ein Frauen-Team verantwortlich sind, dann sehen wir manchmal bis zu dreimal mehr weibliche Hauptfiguren. Also wenn eine weibliche Redakteurin, wenn ein weibliches Drehbuch ist, dann sehe ich mehr Frauen. Anders herum, wenn wir Männer … also wenn Männer alleine diese Funktionen übernehmen, sehen wir deutlich weniger Frauen. Interessanterweise hebt sich der Effekt in dem Team auf. Also ein diverses Team ‘Mann und Frau’ verhält sich eher männlich. Wobei wir da den Verdacht haben, wenn wir die Namen anschauen, dass das oft an der Hierarchie liegt. Dann, dass oft dieser Mann in dem Team dann der Chef, der Redaktionsleiter ist, also ein männliches Nadelöhr. Und dann ist das ganze Verhalten eher männlich in dem Sinne, dass wir dann weniger Frauen sehen. Also, es gibt einen Zusammenhang zwischen Frauen in verantwortlichen Positionen – dann sehe ich mehr Frauen – und Männer in diesen Positionen.

[3:25] Jörg Wagner: Nun gibt es ja manchmal das Argument, dass selbst in fiktionalen Stoffen ja auch versucht wird, die Wirklichkeit abzubilden. Und die ist nun mal so, dass Männer mehr das Sagen haben in Chefpositionen.

[3:35] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Nee, tatsächlich haben wir auch das genau untersucht. Und Fernsehen bildet daher eben nicht mal die Wirklichkeit ab, sondern ist eben noch schlechter. Also ganz eindeutig, wenn Sie Schüler und Schülerinnen anschauen oder Studenten und Studentinnen, es gibt fifty-fifty Schüler/Schülerinnen. Und im Fernsehen sind auch hier wieder sechzig Prozent der Schüler und Studenten Männer. Also gar kein Grund dafür. Aber viel krasser, wenn man die Berufsbereiche anschaut: Lehrer, Erzieher. Im echten Leben sind siebzig Prozent der Leute, die in dem Bereich Bildung arbeiten Frauen. Und wer Kinder hat, weiß das selber, jetzt hier auch im Berliner, Brandenburger Raum, die meisten Lehrer sind Lehrerinnen. Und die meisten Schulleiter sind Schulleiterinnen. Im Fernsehen ist es umgekehrt. Da sehen wir in diesen Funktionen auch im Fiktionalen überwiegend also auch um die siebzig Prozent Männer. Also dort, wo erfunden werden kann, wird sogar ein Ungleichgewicht erfunden. Genauso im Bereich Recht. Also im echten Leben sind die Hälfte der Richter: Richterinnen und die Hälfte der Staatsanwälte: Staatsanwältinnen. Finden wir im Erfundenen nicht. Und wir haben diesen Effekt auch bei den Experten und Expertinnen. Also, da haben wir diese Ungleichgewichte auch. Auch im Bereich Gesundheit. Also auch gerade jetzt sowohl funktional als auch beim Expertenwesen haben wir auch hier wieder im Bereich, wo siebzig, achtzig Prozent der Personen, die dort arbeiten, Frauen sind. Und das sehen wir nicht in den … auch nicht in den erfundenen Geschichten. Man kann dann natürlich sagen: Na gut, die meisten Chefärzte sind Männer. Das mag sein. Aber im Alltag: die Hälfte der Ärzte, Ärztinnen sind Frauen. Und wenn wir jetzt Geschichten erfinden, dann könnten wir da die Realität abbilden. Und das Interessante ist aber, dass tatsächlich ja diese Phantasie der Autoren und Drehbuchautoren und Redakteure, mancher und Redakteurinnen schon reicht, manche Bereiche unrealistisch zu erfinden. Also im Bereich Sicherheit/Polizei sehen wir doppelt soviel Kommissarinnen, wie es eigentlich im echten Leben gibt. Also das Argument zu sagen: Na ja, das Leben ist noch ungerecht und ungleich, gilt eigentlich nicht, weil das Fernsehen hinkt dem echten Leben hinterher.

[5:41] Jörg Wagner: Das bestätigt tatsächlich das Missverhältnis, das wir hier leider schon aus unterschiedlicher Sicht der Betroffenen, also der Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Produzentinnen in Einzelstimmen hören konnten. Ein weiteres Problemfeld ist das Kinderfernsehen. Gibt es da auch Defizite?

[5:57] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Ja, also wenn wir hoffen, na ja, das wird alles gut werden und unsere Jugend wächst also mit einem gleichberechtigten Fernsehbild oder Geschlechterbild im Fernsehen auf, da ist man groß enttäuscht. Also die Ungleichheit ist dann noch größer. Wir haben auf eine Mädchen-Figur drei Jungs-Figuren. Und gerade im Phantasie-Raum, wo man sagen kann, da kann ja wirklich der Zeichner, die Zeichnerin erfinden, was sie möchte: ein totales Ungleichgewicht. Also, neun von zehn gezeichneten Tieren sind männlich. Also jeder Tiger, alle Hunde, das Hunderudel und alle, die dort irgendwie eine Hauptrolle spielen, sind männlich. Auch Bäume, Phantasiefiguren – also ich muss ja nicht sagen – die Schwämme und alles mögliche sind auch überwiegend männlich. Das heißt, dass Kinder einen ganz eingeschränktes Vorstellungs … Vorstellungsraum haben, was Mädchen eigentlich machen können. Hinzu kommt, wir haben auch gemessen, inwieweit Mädchen-Figuren sexualisiert dargestellt werden. Wir haben das gemessen, damit das also sozusagen objektiv ist, haben die Taille und die Hüfte gemessen. Da gibt es ein Waist-to-Hip ratio. Und dann gibt es aus der Medizin: Wenn ich dünner bin als 0,69 ist das anatomisch nicht mehr möglich. Und die Hälfte der Mädchen-Figuren, der gezeichneten Mädchen-Figuren sind dünner als 0,5. Das heißt, die sind anatomisch nicht möglich. Also die sind … haben so dünne Taillen, da passt keine Rippe und keine Leber und kein … irgendein inneres Organen rein. Das heißt, nicht nur dass die Mädchen mit weniger Mädchen-Figuren aufwachsen, sondern auch noch mit vollkommen unrealistischen, die niemals erreichbar sind und mit ganz falschen Vorstellungen.

[7:37] Jörg Wagner: Sie untersuchen seit Herbst 2016 Geschlechterdarstellungen in deutschen TV- und Kino-Produktionen, beauftragt von den vier großen TV-Sender-Verbünden, also ARD, ZDF, ProSiebenSat1 und RTL, aber gemeinsam auch mit den Film-Förderern, sowie der MaLisa Stiftung der Schauspielerin Maria Furtwängler. Nun könnte man annehmen bei einen solchen Zusammenschluss von Beteiligten in der Medienbranche gibt es genug Interesse für Veränderungen. Haben Sie da in den letzten zwei Jahren etwas feststellen können?

[08:05] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Na also das Interesse für Veränderung ist in der Tat da. Natürlich nicht bei allen. Also, selbst wenn so große Flaggschiffe wie ein ZDF oder die ARD/DasErste diese Studie mitfinanzieren, dann heißt es ja nicht, dass dort dann … ich weiß nicht wie viel Mitarbeiter ein normaler Sender hat … tausend, zweitausend? Ich glaub’ der Bayerische Rundfunk hat dreitausend Mitarbeiter … dass die das alle dann mittragen: Aber an vielen Positionen merken wir schon, dass es ein Interesse an Veränderungen gibt. Nur das ist ja nicht ganz so einfach, bis sich das dann durchsetzt, bis tatsächlich was passiert. Und die Frage ist ja, wie kann ich Veränderungen voranbringen? Also, wir wissen, letztes Jahr die BBC hat zu einem sprunghaften Anstieg von Sichtbarkeit von mehr Frauen, sowohl in der Fiktion, als auch bei Experten/Expertinnen, JournalistInnen, KorrespondentInnen geführt, weil die eine Art Wettbewerb eingeführt haben. Die haben eine Challenge draus gemacht. Und welche Redaktion sozusagen … wir haben alle einen Wettbewerb … und die wollten alle gewinnen. Wer hat also das diverseste Programm? So weit sind wir in Deutschland nicht, aber wir erkennen schon ein großes Interesse. Und wir werden nächstes Jahr wieder messen. 2020 werden wir wieder aufnehmen und 2021 wieder Ergebnisse veröffentlichen, sodass wir dann wieder sehen können: hat sich was getan oder hat sich nichts getan? Und das wissen die Sender alle und ich hoffe, dass sie eben tatsächlich Maßnahmen ergriffen haben, um dann auch was zu verändern.

[09:32] Jörg Wagner: “Ausgeblendet”, heißt das Buch. Erschienen: “edition medienpraxis”, Band 17 im Herbert-von-Halem-Verlag. Gerade frisch auf dem Markt, 21 Euro. Zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Christine Linke. Am Telefon war Prof. Dr. Elizabeth Prommer. Und dann kann ich Ihnen eigentlich nur weiterhin wünschen, dass Sie dieses Themenfeld beackern können und dass es letzten Endes dann dazu führt, dass wir irgendwann mal das Schluss-Bändchen bekommen: Alles geschafft!

[09:59] Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Ja, also das wünschen wir uns auch. Wir machen das ja tatsächlich nicht, um alle zu ärgern, sondern eben um Gleichstellung zu erreichen.

Jörg Wagner: Dankeschön.

Prof. Dr. Elizabeth Prommer: Also … tschüß, vielen Dank!








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