Das ZDF, die Zahlen und die Medienpolitik

Marlehn Thieme | Foto: © ZDF/ Markus Hintzen
Marlehn Thieme | Foto: © ZDF /Markus Hintzen

Wer:
* Marlehn Thieme, Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates
* Werner Lange, Freier Medienjournalist
Was: Interview nach der ZDF-Fernsehratssitzung
Wo: Hyperion Hotel, Hamburg
Wann: rec.: 07.12.2018, ca. 13:10 Uhr, veröffentlicht in einer 7:17-Fassung im radioeins-Medienmagazin vom 08.12.2018, 18:10 Uhr
und in einer Kurz-Fassung im rbb Inforadio am 09.12.2018, 10:44/15:24 Uhr

Marlehn Thieme | Foto: © Werner Lange
Marlehn Thieme | Foto: © Werner Lange

(wörtliches Transkript, Hörverständnisfehler vorbehalten)

[0:00] Werner Lange: Frau Thieme, dem Fernsehrat wurde der Haushalt für das nächste Jahr vorgestellt und wie prognostiziert werden die Einnahmen durch die Abgaben nicht gedeckt werden. Das ZDF lebt sozusagen von den Rücklagen. Wie lange wird das noch gut gehen?

[0:15] Marlehn Thieme: Das ZDF lebt von Rücklagen, die gebildet wurden, um am Ende dieser Beitragsperiode Ausgleichsmöglichkeiten zu haben. Nur das Jahr 2019 wird voraussichtlich eben nicht vollständig gedeckt werden, weil höhere Investitionen notwendig sind, als der laufenden Beitragseinnahmen sein werden, die ja durch verschiedene Faktoren unter anderem dadurch, dass eben das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass die Zweitwohnungen nicht mehr beitragspflichtig sein werden, reduziert werden. Das ist eins der Probleme.

[0:51] Werner Lange: Die Ministerpräsidenten haben verschiedene ausgearbeitete Vorschläge auf‘m Tisch. Ende Januar wollen sich Politik und Anstalten zusammensetzen. Was erwarten Sie von der Politik?

[1:24] Marlehn Thieme: Ich erwarte von der Politik, dass sie in der Tat den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zukunftsfest macht. Das ist für eine Demokratie, die sich im Moment sehr vereinzelt und einzelnen gesellschaftlichen Interessen großes Gewicht bemisst, ein wichtiger Faktor. Und über den Weg, ob man das nun über eine Index-Lösung oder über eine gemischte Lösung zwischen automatischer Beitragserhöhung gemäß den Bedarfen, die angemeldet werden, ob man den Gremien größere Zuständigkeiten dafür schafft, was die Auslegung des öffentlich-rechtlichen Auftrags ist oder nicht, darüber müssen die Politiker auch in der Tat entscheiden. Da gibt es aber auch ganz enge Grenzen seitens des Bundesverfassungsgerichtes, die zu beachten sind bei jeder dieser Lösungen und auch zu beachten ist natürlich, was bisher schon an Beitragsstabilität, sprich Reduzierung der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den letzten Jahren geleistet worden ist. Denn eine platte Zusage: Wir sichern den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber geben ihm keine Mittel mehr, das will keiner und das wollen auch die Regierungschefs der Länder nicht.

[2:16] Werner Lange: Es gibt ja da die Idee, die Abgabenhöhe mit einem Index anzupassen. Können Sie aus ZDF-Sicht einmal die Vor- und Nachteile eines solchen Systems erläutern?

[2:25] Marlehn Thieme: Der Index hat Vorteile, weil man nie wieder darüber reden muss oder nur dann darüber reden muss, wenn bestimmte Bandbreiten nicht überschritten oder unterschritten werden. Er hat allerdings auch den Nachteil, dass man A sagen muss, was … auf was wird eigentlich indiziert? Wo ist der Aufsatzpunkt? Was sind eigentlich die Punkte, die als Vergleichsmaßstab herangezogen werden. Ist es die Inflation oder das Wachstum des Bruttosozialproduktes? Und da muss man abwägen, was die Stabilität der öffentlich-rechtlichen Rundfunk-Unternehmen ist, erfordert. Und auch was den Menschen im Lande zuzumuten ist, dass sie für ihre – ich sag`mal mal – öffentlich-rechtlichen Angebote nutzen können. Für das ZDF ist das natürlich vital. Ich habe oft behauptet, dass das ZDF eine Benchmark in Qualität, Kosten und Quote darstellt und sehr erfolgreich ist, seit langem immer wieder die erfolgreichste Sendeanstalt in unserem Land und auch darüber hinaus ist. Es ist ein effizient geführtes Haus und man kann an diesem Haus keinen Konsolidierungsversuch starten. Das geht angesichts der Effizienz,
sehr schnell an die Substanz.

[3:40] Werner Lange: Die KEF, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs von ARD und ZDF, die schauen jetzt auch von außen auf die Gelder von ARD und ZDF. Wenn es denn eine Festlegung gibt, würde das wegfallen. Wie schauen Sie da so als Organschaft des ZDF rauf?

[3:55] Marlehn Thieme: Also, ich glaube auch mit meinen Rundfunksratskollegen Einvernehmen darüber zu haben, dass die KEF eine auch sehr konstruktive Rolle gespielt hat in den letzten Jahren, auch wenn wir mal im Einzelfall auseinander waren. Ich sage mal Reduzierung auf 17€20 oder 17€50 von 17€98. Da haben wir damals gesagt, es gibt soviel Investitionsbedarf im ZDF insbesondere zu der Zeit. Das fänden wir nicht richtig. Daher wurde das ja auch in die Rücklage gelegt. Und insofern kann ich die Kritik, die es an der KEF so pauschal gibt, nicht nachvollziehen. Es hat auch immer ein konstruktives Miteinander gegeben, auch wenn politische Vorgaben kamen: Reduzierung der festen Freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter z. B., dann konnte man mit der KEF auch darüber sprechen, wie man das eigentlich einfasst in die haushalterische Umsetzung.

[4:53] Werner Lange: 10% des Etats vom ZDF oder mehr soll es nicht sein als 10% für den Sport als Ausgabe. Im Moment ist man bei 9 Prozent hat Herr Bellut gesagt. Es fällt auf, dass das ZDF mehr und mehr Richtung Handball geht. Ist das für den Fernsehrat eine Alternative zum teuren Fußball geworden?

[5:14] Marlehn Thieme: Also, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch wegen der Diversität von Sport auf dem Schirm haben wir immer dafür votiert, auch andere Sportarten zu promoten und auch zu entwickeln. Sie erinnern sich vielleicht an die Box-Ausflüge, die es im ZDF auch gegeben hat. Wir haben aber auch Reiten immer wieder gehabt. Wir haben aber auch Rudern immer wieder übertragen und wir ermuntern als Fernsehrat aus unserer Diversität heraus, auch immer das ZDF dort diverser zu werden, wissend, dass Fußball natürlich einen hohen Integrationsfaktor hat und auch ein Erfolg für die Positionierung ist. Das ZDF hat immer neue Wege gesucht. Wenn Sie an die Championsleague denken, das war ein neuer Versuch des ZDF zu suchen, wie kann ich mit vielleicht auch weniger Mitteln attraktive Sportarten präsentieren und auf diesem Wege würde ich das ZDF auch immer weiter ermuntern, zu gucken, was geht eigentlich rechts und links von den teuren Rechten noch.

[6:14] Werner Lange: Das ZDF hat diverse Kanäle mit denen es zusammenarbeitet bzw. die Obergestaltung hat. Welche dieser drei Kanäle, die das ZDF direkt bestimmt, bevorzugen Sie?

[6:28] Marlehn Thieme: Ich glaube, der Fernsehrat sieht mit großem Interesse auf Arte. Das ist eine europäische Plattform, die wir sehr spannend finden. Dort ist der Einfluss des ZDF, wie auch der ARD gegeben. Aber das ist ein Herzstück des europäischen TV-Engagements des ZDF. Genauso 3sat. Das ist etwas, was im deutschsprachigen Raum sich natürlich ideal eignet und zu völlig anderen Kosten auch noch mal als Arte funktioniert. Das Entscheidende ist, dass diese verschiedenen Punkte wie bei KiKA und phoenix dann ja auch noch … oder Funk, dass sie immer wieder erfordern, dass man sich auf andere Denkweisen einstellt, dass man voneinander lernt, dass man seine Blickrichtung, dass man sein Best-of dort noch mal anders präsentieren kann und das funktioniert international sehr gut mit 3sat und Arte. Das funktioniert aber auch mit phoenix und KiKA und Funk und ich glaube, das ist auch ein Miteinander, was die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten gut gestalten können.

[7:33] Werner Lange: Bei Info, hört man in letzter Zeit, gibt es öfters mal Kritik, dass zu viele Produktionen aus dem Ausland zu sehen sind. Teilen Sie diese Kritik?

[7:42] Marlehn Thieme: Zu viele Dokumentationen, die eingekauft sind? Ja. Aber die sind im Rechtebestand. Die werden nicht dafür extra gekauft. Und Info ist eigentlich ein sehr schlanker Sender, der vor allem dem ZDF eben jüngere Zielgruppen erschließt und das empfinden wir für die Stärkung der Kernmarke ZDF als vorteilhaft.

[8:05] Werner Lange: Hm. Vielen Dank.








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