Otto-Brenner-Preis 2018: Festrede Armin Wolf

Armin Wolf | Foto: © Jörg Wagner
Armin Wolf | Foto: © Jörg Wagner

Was: Festrede beim Otto-Brenner-Preis 2018
Wer: Armin Wolf, Journalist, Präsentator der ORF-Sendung ZIB 2
Wo: Hotel Pullman Schweizer Hof, Berlin
Wann: 19.11.2018, 17:18 Uhr
Vgl.: Redemanuskript auf dem Blog von Armin Wolf

(wörtliches Transkript, Hörverständnisfehler vorbehalten)

[0:00] (Beifall) Ja, guten Abend. Vielen Dank für die Einladung und für die freundliche Einführung. Ich habe aber bissel Angst, dass ich Ihnen in den nächsten zwanzig Minuten nicht unbedingt eine große Freude machen werde. Ich bringe nämlich schlechte Nachrichten.

[0:30] Ich möchte über die Krise des Journalismus sprechen, die ja schon ganz zu Beginn kurz angesprochen wurde und diese Krise wäre ja schon dramatisch genug für uns Journalisten und Journalistinnen zumindest, aber ich fürchte, sie ist vor allem ein Symptom für etwas noch viel bedrohlicheres, nämlich für eine Krise der Demokratie. Und diese Krise des Journalismus, über die ich sprechen möchte, ist, glaube ich, eine dreifache, eine ökonomische, eine politische und eine, die ich ‘essentielle Krise’ nennen möchte. Über die ökonomische Krise muss ich Ihnen ja nicht viel erzählen. Über das reden wir seit über zehn Jahren und es gibt leider noch immer sehr viel Diagnose und leider sehr wenig Therapie. Ich hab’ leider auch keine, aber das traditionelle Geschäftsmodell professioneller Medien: ‚wir verkaufen unsere Inhalte an unser Publikum und unser Publikum an unsere Werbekunden‘, das wurde durch die Digitalisierung bis an die Grenzen seiner Tragfähigkeit disruptiert, wie die Verlagsleute gerne sagen, die schon mal auf Betriebsbesuch im Silicon Valley waren oder zumindest ein Buch darüber gelesen haben.

[1:41] Der Medienwissenschaftler Klaus Meier hat vor einigen Jahren ja die Auflagenentwicklung deutscher Zeitungen einfach extrapoliert und vorhergesagt, dass in Deutschland die letzte gedruckte Tageszeitung im Jahr 2034 erscheinen werde. Mir schien das damals sehr pessimistisch. Mittlerweile fürchte ich, dass es gar nicht mehr so lange dauern wird. Doch über diese ökonomische Disruption wird ohnehin so viel diskutiert, dass ich mich – und vor allem Sie – nicht länger damit aufhalten möchte, obwohl sie allein bereits die tiefste Krise der Medienbranche seit vielen Jahrzehnten ausmachen würde, aber das war nur der Anfang. Denn ein intaktes Geschäftsmodell ist ja nur eine der fundamentalen Voraussetzungen, damit Journalismus überhaupt stattfinden kann.

[2:28] Eine andere, wohl noch wichtigere, ist eine politische Voraussetzung: Pressefreiheit nämlich. Jetzt könnte man argumentieren: So viel Pressefreiheit wie heute war noch nie. Jeder, der halbwegs alphabetisiert ist und ein Smartphone mit Datenvertrag besitzt, kann innerhalb weniger Stunden sein eigenes Medium gründen, das ohne großen Kapitaleinsatz oder weitere Ressourcen zum Massenmedium werden kann. Mit Hunderttausenden oder sogar Millionen Abonnenten als Blog, auf YouTube, auf Twitter, auf Facebook oder Instagram. Bibis Palace lässt grüßen.

[3:06] Gleichzeitig war seit vielen Jahren nicht mehr so wenig Pressefreiheit. Und ich will hier gar nicht über Länder wie Russland oder die Türkei sprechen. Dass autoritäre Regime Medien und Journalisten verfolgen und unterdrückten, ist ja nichts weiter Neues. Aber innerhalb der Europäischen Union, also eines Vereins, dem laut seinen Statuten ausschließlich Vorzeige-Demokratien beitreten dürfen, wurden im letzten Jahr zwei Journalistinnen und ein Journalist ermordet: auf Malta, in der Slowakei und in Bulgarien.

[3:41] In Polen hat die Regierung durch neues Mediengesetz den öffentlichen Rundfunk völlig unter ihre Kontrolle gebracht und zu einem reinen Propagandasender umgebaut. Kritischen Zeitungen werden öffentliche Inserate und Abo-Aufträge gestrichen.

[3:55] Ein noch schlimmeres Bild zeigt Ungarn. Es gibt dort kein einziges landesweites regierungskritisches Medium mit nennenswerter Reichweite mehr. Die gesamte Medienlandschaft wird entweder direkt von der Regierung kontrolliert oder von Oligarchen aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten.

[4:14] In der Slowakei bezeichnete der frühere Regierungschef Journalisten als ‚dreckige, anti-slowakische Huren‘. Der tschechische Präsident besitzt eine Gewehr-Attrappe, auf der die Worte ‚Für Journalisten‘ eingraviert sind. Und er scherzt mit Wladimir Putin gern darüber, Reporter zu liquidieren.

[4:35] In Deutschland fantasiert die größte Oppositionspartei ständig von ‚Lügenpresse‘, ‚Systemmedien‘ und ‚Staatsfunk‘. Der Innenminister sieht sich von angeblichen ‚fake-news‘ verfolgt. Und im Osten des Landes können Kamerateams und Reporter nicht mehr ohne Security-Teams von Demonstrationen berichten.

[4:51] Im jüngsten Pressefreiheitsindex von Freedom House werden 7 der 27 EU-Mitgliedstaaten, 7 von 27, nur mehr als ‚partly free‘ eingestuft, also nur mehr als teilweise frei: Italien, Polen, Rumänien, Kroatien, Bulgarien, Griechenland und an letzter Stelle der EU-Länder: Ungarn, hinter Mali und der Mongolei.

[5:18] In meinem Heimatland Österreich hat der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider schon vor 25 Jahren damit gedroht, wenn er einmal etwas zu sagen habe, werde er – Zitat – ‘dafür sorgen, dass in den Redaktionen in Zukunft weniger gelogen wird’. Seine Nachfolger an der FPÖ-Spitze haben nun etwas zu sagen. Sie sitzen seit einem Jahr in der Regierungskoalition und haben als Aufsichtsratschef des Österreichischen Rundfunks einen früheren FPÖ-Vorsitzenden installiert. Der hat angekündigt, von den Auslandskorrespondenten des ORF – Zitat – ‚ein Drittel zu streichen, wenn diese sich nicht korrekt verhalten‘. Weil er die Berichterstattung über die Parlamentswahlen in Ungarn zu einseitig fand. Kritische Fragen an Regierungsmitglieder nennt er ‚unbotmäßig‘. Die ORF-Journalisten möchte ja gerne ‚erziehen‘ und jene die gegen Social-Media-Vorgaben verstoßen, will er zunächst verwarnen ‘und dann entlassen‘. Lauter wörtliche Zitate.

[6:22] Vor wenigen Tagen hat der Generalsekretär der FPÖ öffentlich die Entlassung einer ORF-Moderatorin verlangt, weil ihm eine Interviewfrage nicht gefiel und ein anderer führender FPÖ-Politiker, immerhin Regierungsmitglied in einem Bundesland, einem großen Bundesland hat gar die – Zitat – ‚Neutralisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks‘ gefordert. Das Zitat geht weiter. ‚Auch auf die Gefahr hin, dass uns eine sogenannte Orbanisierung vorgeworfen wird. Das müssen wir durchziehen‘. War übrigens bei einem Vortrag vor der AfD Thüringen.

[6:57] Anfang dieses Jahres hat der FPÖ-Parteiobmann und Vizekanzler, Heinz-Christian Strache auf seine Facebook-Seite gepostet – Zitat – ‚Es gibt einen Ort, an dem Lügen zu Nachrichten werden. Das ist der ORF.‘ Illustriert war dieses Posting mit meinem Foto und meinem Namen. Ich hab’ dem Vizekanzler deswegen geklagt. Er hat sich daraufhin öffentlich entschuldigt, seine Behauptung als unwahr zurückgezogen und eine Entschädigung von 10.000 € bezahlt, die ich der wichtigsten österreichischen Forschungsstelle für Rechtsextremismus gespendet habe. (Beifall)

[7:40] Laut ihrem Regierungsprogramm will die ÖVP/FPÖ-Koalition demnächst ein neues ORF-Gesetz vorlegen und auch die Aufsichtsbehörden über den Rundfunk neu organisieren. Die FPÖ fordert dabei die Abschaffung der Rundfunkgebühren und die Finanzierung des ORF aus dem staatlichen Budget.

[8:00] Das wäre eine de-facto-Verstaatlichung des mit weitem Abstand größten Medienunternehmens Österreich. Jedes Jahr müsste der ORF bei jener Regierung um Geld betteln, über die er jeden Tag angeblich ‚unbotmäßig‘ berichtet. Die Redakteurs-Vertretung des ORF hat erst letzte Woche eine Resolution verabschiedet, in der sie vor der größten existenziellen Krise und der absichtlichen Zerstörung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich warnt. Und wohin eine Staatsfinanzierung anstelle von Rundfunkgebühren auch führt, das kann man übrigens in Dänemark besichtigen, wo nach einer entsprechenden Gesetzesänderung auf Druck der Dänischen Volkspartei nun drei öffentlich-rechtliche Fernsehsender und drei Radiosender eingestellt und 400 von etwa 3.000 Mitarbeitern abgebaut werden. Ein ‚Massaker‘ nennt das die dänische Journalistengewerkschaft.

[8:55] Und dann wäre da noch Donald Trump. Er war ja kurz angesprochen am Anfang. Dessen früherer Chefstratege Steve Bannon hat die Medien ja von Anfang an zur Opposition erklärt. Der Präsident selbst nennt alles, was nicht über sein ‘stabiles Genie’ jubelt, grundsätzlich ‘Fake News’ und ‘Feinde des Volkes’. Und einen dieser Feinde hat er vor wenigen Tagen formell aus dem Weißen Haus verbannt. Vor Gericht hat er deswegen verloren, zumindest vorläufig. Jetzt will das Weiße Haus aber allen Ernstes ‘Verhaltensregeln’ für Journalisten erlassen, hat die Pressesprecherin erst am Wochenende angekündigt.

[9:34] Er sei mit den Medien ‘im Krieg’, hat Trump gleich zu Beginn seiner Amtszeit verkündet. Dementsprechend werden auf seinen Kundgebungen Reporter von tausenden aufgehetzten Menschen beschimpft, verhöhnt und bedroht, bis vor wenigen Wochen ein durchgeknallter Trump-Fan reihenweise Briefbomben verschickt hat, gleich drei davon allein an CNN.

[9:56] Das alles ist für entwickelte Demokratien ziemlich neu und erschreckend. Aber für noch gravierender als diese Attacken auf die Pressefreiheit halte ich die dritte, die essentielle Krise. Diese essentielle Krise möchte ich so nennen, weil es dabei tatsächlich um die Essenz unserer Tätigkeit geht, um den wichtigsten Rohstoff, den Journalismus hat, der aber offenbar zunehmend bedeutungslos wird: um Fakten nämlich.

[10:28] Die wichtigste Aufgabe von Medien besteht ja darin, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu beschreiben und eine gemeinsame Faktenbasis bereitzustellen für den öffentlichen Diskurs darüber, wie wir diese Wirklichkeit gemeinsam gestalten wollen.

[10:46] Ein ungeschriebener Verfassungsgrundsatz deliberativer Demokratien lautet deshalb seit jeher: ‘Du hat jedes Recht auf deine eigene Meinung, aber du hast kein Recht auf deine eigenen Fakten.’ Doch diese Regel wird immer öfter in Frage gestellt oder gar außer Kraft gesetzt.

[11:05] Die Washington Post hat Donald Trump vom Tag seiner Angelobung an bis Anfang November gezählte 6.420 falsche oder irreführende Behauptungen nachgewiesen. Das sind 9,9 an jedem einzelnen Tag. Er ist Präsident. Im Wahlkampf für die midterm elections waren es durchschnittlich 30 Unwahrheiten pro Tag. Die Erklärung für diese Steigerung ist übrigens sehr einfach: Je mehr öffentliche Auftritte, umso mehr Lügen.

[11:35] Jetzt sind Politiker mit der Wahrheit natürlich schon immer selektiv und sagen wir mal eher zielorientiert umgegangen. Und natürlich haben Politiker auch in der Vergangenheit gelogen. Aber im Normalfall haben sie versucht, sich dabei nicht erwischen zu lassen. Wurden ihnen Lügen nachgewiesen, war das üblicherweise peinlich, mitunter sogar das Ende einer politischen Karriere, jedenfalls meist ein Imageschaden. Bei Donald Trump spielt das keine Rolle. Der Mann lügt völlig schamlos und offensiv. Und das gleichzeitig Faszinierende, wie Unheimliche und Besorgniserregende daran ist: Es schadet ihm nicht.

[12:18] Schon im Wahlkampf 2016 hat Tim Dickinson, ein Reporter des Rolling Stone, dieses Phänomen in einem Tweet ganz präzise zusammengefasst. Er hat geschrieben: ‘Trump, das ist ein Gefühl. Und wenn Sie dieses Gefühl haben, spielen Fakten keine Rolle mehr.’ Und es sieht so aus, als hätten sehr, sehr viele Menschen dieses Gefühl.

[12:41] Für Journalisten ist das aber eine einigermaßen ausweglose Situation. Unser Geschäft ist es ja, Fakten zu recherchieren. Aber wenn die Fakten keine Rolle mehr spielen, was ist dann unsere Rolle?

[12:55] Hannah Arendt hat 1951 den berühmten Satz formuliert, ich zitiere: ‘Die idealen Untertanen totalitärer Herrschaft sind Menschen, für die die Unterscheidung zwischen Fakten und Fiktion und zwischen wahr und falsch nicht mehr existiert.’ Dass man die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge aufheben kann, das war bisher tatsächlich ein Merkmal von Diktaturen, nirgendwo besser beschrieben als im Slogan der Partei in Orwells 1984: ‘Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke’. Voraussetzung für derartigen Neusprech waren allerdings rigorose Zensur, die zentrale Steuerung aller Nachrichten und das Ende jeder Pressefreiheit.

[13:43] Aber heute ist es geradezu die praktisch grenzenlose Pressefreiheit, die die Aufhebung von Wahrheit und Lüge möglich macht. Donald Trump braucht keine Zensur. Er braucht auch keine seriösen Medien, um seine alternativen Fakten an die Wähler zu bringen. Und er braucht kein Propaganda-Ministerium. Was er braucht, ist sein Twitter-Account, Fox News, ein paar rechte Radio-Talkshows und jede Menge Blogs und Social-Media-Auftritte, die von konservativen Aktivisten betrieben werden. Abermillionen Amerikaner bekommen ihre Informationen aus diesen alternativen Medien.

[14:20] Der Netztheoretiker Michael Seemann spricht von einer ‘Deregulierung des Wahrheitsmarktes’, vergleichbar mit der Deregulierung der Finanzmärkte vor dem Jahr 2008 und mindestens ähnlich gefährlich. Jedenfalls hat die Social-Media-Revolution die Deutungshoheit professioneller Medien im öffentlichen Diskurs beendet.

[14:44] Donald Trump hat seine eigenen Medien. Und er verbreitet seine eigenen Fakten. So wie es mittlerweile unzählige andere politische Akteure auch tun, von den industriell organisierten Fake News-, Bot- und Troll-Fabriken in St. Petersburg oder Riyad über die WhatsApp-Lügenkampagnen des neuen brasilianischen Präsidenten bis zum sogenannten Newsroom der AfD.

[15:09] In Österreich hat die FPÖ ein kleines eigenes Medienimperium aufgebaut rund um den Facebook-Account von Parteiobmann Strache. Dieser Facebook-Account hat rund 800.000 Fans in einem Land mit weniger als neun Millionen Einwohnern. Daneben gibt es einen eigenen FPÖ-Fernsehkanal, vor allem aber immer mehr online-Magazine, die erstaunlich quotenstark sind. Offiziell sind das unabhängige, aber rechte Plattformen. Die heißen ‚wochenblick‘, ‚info-direkt‘, ‚unzensuriert.at‘ oder ‚alles roger‘ und erzielen vor allem über Facebook ganz enorme Reichweiten. Unter den zehn österreichischen Medien, deren Postings auf Facebook am häufigsten geteilt werden, unter den ersten zehn sind drei dieser FPÖ-nahen Plattformen. Die stärkste davon auf Platz drei gleich hinter den beiden größten Boulevard-Zeitungen des Landes.

[16:04] Das Online-Magazin unzensuriert.at, das auch in Deutschland immer populärer wird, ist laut österreichischem Verfassungsschutz, ich zitiere, ‚zum Teil äußerst fremdenfeindlich‘. Es zeige ‚antisemitische Tendenzen, verschwörungstheoretische Ansätze und eine prorussische Ideologie‘. Zitat Ende. Einer der Gründer und frühere Chefredakteur dieser Plattform leitet heute die Kommunikationsabteilung des österreichischen Innenministeriums.

[16:37] Diese Kommunikationsabteilung beschäftigt nach eigener Auskunft 58 Mitarbeiter, 21 davon allein für Social Media. Das beeindruckt Sie jetzt vielleicht nicht so, aber wir sind ein kleines Land. Keine einzige innenpolitische Redaktion in Österreich beschäftigt auch nur annähernd so viele Journalistinnen und Journalisten wie die Kommunikationsabteilung des Innenministeriums. Während die ökonomische Krise traditionelle Medien zu immer neuen Einsparungen zwingt, investieren politische Akteure immer mehr Mittel in ihre PR-Arbeit.

[17:14] Jetzt gibt’s auch manche Beobachter, die sagen, diese Entwicklung würde professionellen Medien auch nützen, weil sie zeigt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Und sie verweisen dabei zum Beispiel gern auf die steigenden Abozahlen der New York Times oder die Rekord-Reichweiten von CNN in Amerika.

[17:31] Jetzt möchte ich Sie nicht noch weiter frustrieren, als ich es eh schon gemacht habe in der letzten Viertelstunde, aber nur, um das mal in Relation zu setzen, CNN hat im Schnitt 700.000 Zuseher am Tag in einem Land von 330 Millionen Menschen. Die New York Times hat, Digital und Print, vier Millionen Abonnenten weltweit. Das ist ein historischer Rekord für die New York Times. Der Twitter-Account @realDonaldTrump hat 56 Millionen Abonnenten. Er ist auch billiger.

[18:08] Die ökonomische Krise der Medien wird das nämlich alles tatsächlich nicht besser machen. Wir alle wissen ja, dass es wirtschaftlich der vielleicht schlimmste Fehler unserer Branche war, 15 Jahre lang unseren teuer hergestellten Journalismus im Netz zu verschenken. Und wir alle wünschen uns, dass möglichst bald Bezahlmodelle funktionieren. Denn irgendwoher müssen ja die Mittel für unsere Arbeit kommen.

[18:28] Demokratiepolitisch ist das aber gar nicht so einfach. Denn dass Medien wie Der Spiegel hier in Deutschland, der britische Guardian oder Der Standard in Österreich die höchsten Reichweiten ihrer Geschichte verzeichnen, liegt ja keineswegs daran, dass sie mehr Zeitungen verkaufen würden, sondern daran, dass sie ihre Inhalte, jedenfalls großteils, noch immer online verschenken. Ob vor allem jüngere Menschen aber je bereit sein werden, für politische Nachrichten im Netz nennenswerte Beträge zu bezahlen, das wissen wir alle nicht. Und ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich skeptisch. Ein Beispiel. Ein Print-Abonnement der Süddeutschen Zeitung kostet außerhalb Bayerns 64,90 Euro. Das ist ziemlich viel Geld. Ein Digital-Abo der SZ kostet 34,90. Jetzt weiß ich nicht genau, ob eine Generation, die gelernt hat, dass sie sämtliche Musik der Welt via Spotify um 9,90 im Monat hören kann und fast alle Serien und Filme der Welt via Netflix um 7,90 monatlich sehen kann, ob diese Generation bereit sein wird, für ein einziges Medium ein Vielfaches dieses Betrages oder dieser Beträge auszugeben.

[19:41] Wenn aber sehr viele dazu nicht bereit sind – und ich fürchte, das könnte so sein – dann werden sie sich ihre Informationen – oder was sie dafür halten – weiter gratis holen. Von Informationsquellen, die kein Geld verdienen müssen, weil sie nämlich einen anderen Unternehmenszweck haben: nicht Aufklärung, sondern Propaganda. Und das kann ja was kosten. FPÖ-TV wird immer gratis sein. So wie der Facebook-Auftritt der AfD oder der Twitter-Account von Donald Trump.

[20:13] Das heißt natürlich, dass professionelle Medienunternehmen neue Geschäfts- und Vertriebsmodelle entwickeln müssen, mit denen sie diese Generation trotzdem noch erreichen. Es heißt aber auch, dass ein Mediensektor, den viele vielleicht für zunehmend überholt halten, ganz besonders bedeutsam werden kann: öffentlich-rechtliche Medien nämlich.

[20:36] Einst mussten sie die mediale Grundversorgung bereitstellen, weil es zu wenige Kanäle gab. Künftig könnten sie die journalistische Grundversorgung bereitstellen, weil es so viele Kanäle gibt. Öffentlich-rechtliche Medien als ein für alle offenes, verlässliches Informationsangebot zwischen Propaganda und Paywalls.

[21:02] Diese Aufgabe können sie natürlich nur erfüllen, wenn man sie politisch unabhängig arbeiten lässt. Öffentlich-rechtliche Medien, die von Regierungen und Regimen als Propaganda- und Machtinstrumente missbraucht werden, sind nicht nur nutzlos, sondern demokratiepolitisch gefährlich, wie man jederzeit in Ungarn und Polen besichtigen kann. Deshalb ist die Verteidigung ihrer Unabhängigkeit auch so eminent wichtig.

[21:29] Aber was können professionelle Medien in dieser Situation der dreifachen Krise noch tun? Mal abgesehen von unserem Job, den Marty Baron, der Chefredakteur der Washington Post kurz nach dem Amtsantritt von Donald Trump in einem kurzen Satz perfekt beschrieben hat: ‘Wir sind nicht im Krieg. Wir sind an der Arbeit.’

[21:50] Auch mit politischen Akteuren, die Medien und Journalisten als ihre Gegner sehen, sind wir nicht im Krieg, sondern wir machen unsere Arbeit. Wir müssen sie so zuverlässig, so fehlerfrei, so kompetent und auch so transparent wie nur möglich machen. Wir müssen sie mehr erklären als früher und wir müssen auch öfter erklären, warum unsere Arbeit wichtig ist und vor allem müssen wir unsere Arbeit auch an ein Publikum bringen, egal, wo dieses Publikum ist.

[22:21] Ich glaube deshalb, dass wir, professionelle Journalistinnen und Journalisten, dass wir Social Media nicht den Propagandisten, Fake News-Produzenten und Troll-Fabriken überlassen dürfen. Wenn Abermillionen Menschen ihre Informationen auf Facebook, YouTube, Twitter oder Instagram beziehen, dann muss irgendwer dafür sorgen, dass sie dort auch die Chance haben, auf verlässliche, nicht von Interessen gesteuerte Informationen zu treffen.

[22:49] Ich weiß, wie ambivalent das ist. Diese Plattformen sind ja gleichzeitig auch die größte Konkurrenz professioneller Medien, zum einem um Aufmerksamkeit, zum anderen um Werbeeinnahmen. Und journalistische Arbeit muss auch bezahlt werden. Das heißt, wir werden Mischformen finden müssen. Wie wir auf Social Media präsent sind und dort seriösen Journalismus verbreiten, auch mit intelligenten Bezahlmodellen, die aber vielleicht technisch und finanziell niederschwelliger sind als bisher.

[23:18] Auch hier zeigt sich übrigens, dass öffentlich-rechtliche Medien heute noch wichtiger sein können als früher. Unsere Arbeit wurde ja bereits finanziert öffentlich von den Gebührenzahlerinnen und -zahlern. Dementsprechend können und müssen wir unseren Journalismus auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, wo immer wir sie erreichen.

[23:40] Möglicherweise muss man irgendwann auch darüber nachdenken, derzeit private Medien, die seriösen Journalismus herstellen, auch stärker öffentlich, zumindest mitzufinanzieren, wenn es gar nicht mehr anders geht, so wie wir uns als Gesellschaft Opernhäuser und Theater leisten, weil sie sich am Markt alleine bekanntlich nicht finanzieren lassen, so sollten wir uns jedenfalls auch anständige Medien leisten. Für unsere Demokratie sind sie mindestens so wichtig wie Theater. Apropos Theater. Der Job von Journalistinnen und Journalisten ist es, die Inszenierungen auf der politischen Bühne zu beschreiben, die Drehbücher zu kritisieren, die Rollen-Besetzungen zu hinterfragen und die Bilanzen zu kontrollieren.

[24:25] Diese Arbeit ist in der beschriebenen dreifachen Krise nicht einfacher geworden. Sie ist aber ganz sicher nicht weniger wichtig geworden. Was ich Ihnen gesagt habe in den letzten 20 Minuten, klingt ein wenig nach Cassandra. Das bessere Bild ist vielleicht trotzdem: Sisyphus. Der Berg ist steil. Der Stein ist schwer. Manchmal wirkt’s ein bissel sinnlos, aber wir müssen uns Journalistinnen und Journalisten trotzdem als glückliche Menschen vorstellen.

[24:58] Vor allem natürlich jene, die heute Abend für ihre großartige Arbeit zu recht hier ausgezeichnet werden. Herzlichen Glückwunsch Ihnen allen schon vorweg und einen schönen Abend noch. Vielen Dank!

(Beifall)








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